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Lou-Reed-Witwe Laurie Andersen: Immer Ärger mit den MP3s

Foto: Karl Walter/ Getty Images

Lou-Reed-Witwe Laurie Anderson "Mehr hast du nicht drauf?"

Posthum erscheint eine Box mit den restaurierten Solowerken von Lou Reed. Ein Gespräch mit Reeds Witwe Laurie Anderson über ihren streitbaren Mann, schlechte MP3s und schwache Gitarrensoli.

Spiegel Online: Das letzte Projekt ihres 2013 verstorbenen Gatten Lou Reed war das restaurieren seiner frühen Soloplatten. Warum war ihm das so wichtig?

Anderson: Um 1993 herum besuchte ich mit Lou ein Aufnahmestudio, in dem Songs für das MP3-Format komprimiert wurden. Dort sollten wir uns Platten anhören, die bereits für MP3 formatiert worden waren. Wir fanden das spannend und waren neugierig, wie das wohl klingen würde. Nachdem wir zugehört hatten, waren wir entsetzt. Lou fragte, ob das ein verdammter Scherz sein solle? Das Problem war, dass viele wichtige Details der Originale bei der Umwandlung in MP3 aus Platzgründen einfach weggelassen wurden. Ganze Gitarren-Parts fehlten in Lous Songs, von den Kleinigkeiten ganz zu schweigen. Die Techniker dort gaben sich überrascht und ahnungslos, was Lou nur noch mehr aufbrachte. Mal abgesehen von der Wut blieb die Frustration, dass seine Musik so verbreitet werden würde. Und genauso kam es dann auch.

Spiegel Online: Hören normale Menschen solche Unterschiede überhaupt oder ist das ein Problem von Perfektionisten?

Anderson: Der Klang der Original-Aufnahmen ist umwerfend. Das war Lou immer wichtig. Die Verstärker und Mikrofone, die im Studio benutzt wurden, waren fantastisch. Man hört bei einigen Songs sogar die Musiker in die Mikrofone atmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder sofort den Unterschied zwischen einer schlechten Kopie, egal ob MP3 oder CD, und dem Original hört. Es war also wichtig für Lou, seine Soloplatten in eine angemessene Form zu bringen, solange er noch lebte.

Spiegel Online: In den letzten Monaten war Lou Reed körperlich bereits angeschlagen. Wie anstrengend war es für ihn, die Überarbeitung seiner Alben im Studio zu verfolgen?

Anderson: Es war eine fröhliche Zeitreise in seine eigene Vergangenheit. Lou lachte so viel wie lange nicht mehr. Irgendein wiedergefundener Gitarrenklang konnte ihn vor Freude jubilieren lassen: "Ja! Genau so war das damals!", rief er dann freudig. Er hatte wohl immer wieder das Gefühl, zurück zu den Original-Sessions zu reisen, in die Studios, zu den Musikern. Die Aufnahmen waren Audio-Schnappschüsse, wenn man so will. Verloren geglaubte Gefühle kamen da zum Vorschein, so als wenn man noch mal seiner Mutter zuhört, die einen als Kind tröstet.

Außerdem wusste er ja, dass er sterben würde und wenn ein prominenter Musiker tot ist, hauen Plattenfirmen umgehend irgendwelche Boxen raus. Lou wollte, dass seine Musik erstklassig klingt, er war ja von seinem eigenen Werk total begeistert. Eine Gabe, um die ich ihn immer beneidet habe. Er konnte einen seiner Songs hören und rufen: "Das ist wirklich ein Meisterwerk! Hört es euch an! Wehe, daran wird auch nur eine Kleinigkeit verändert!". Mit dieser Euphorie für seine eigene Kunst ging er auch die Neubearbeitung seiner Platten an.

Spiegel Online: Dass er bald sterben würde, war ihm die ganze Zeit über bewusst?

Anderson: Ja und nein. Da war natürlich die ernüchternde Diagnose der Ärzte. Trotzdem hat man ja doch immer die Hoffnung, dass noch etwas mehr Zeit herausspringen könnte, und dass doch noch eine Rettung möglich ist. Aber wir wussten auch, dass diese Wunderheilung wohl ausbleiben würde. Trotzdem akzeptierte Lou den Tod nicht und machte immer weitere Pläne. Es war ihm egal, ob die umgesetzt werden würden.

Spiegel Online: Lou Reed forderte sein Publikum immer wieder mit kühnen Alben heraus. Als größte Provokation galt den meisten Hörern und Kritikern stets das 1975 veröffentlichte Doppelalbum "Metal Machine Music", das eine Stunde Lärm bietet und nun auch für die Box frisch überarbeitet wurde. Finden Sie, dass das Album gut gealtert ist?

Anderson: Ich fand "Metal Machine Music" immer spannend und wenn ich in der richtigen Stimmung bin, kann ich mir das auch sehr gut anhören. Einige von Lous Platten wurden lange missverstanden und gelten heute als Klassiker. Nehmen sie "Berlin", damals bei der Veröffentlichung ein kommerzieller Flop, der von Kritikern zerrissen wurde. Heute rangiert "Berlin" weit oben auf der Liste der besten Platten aller Zeiten. Auch "Lulu", das Lou mit Metallica einspielte, irritierte das Publikum schwer.

Nach Lous Tod meinte David Bowie zu mir, das "Lulu" seiner Meinung nach Lous beste Soloplatte sei und dass das Publikum noch etwas Zeit brauche, um das zu erkennen. Ich habe von Lou jedenfalls gelernt, dass man unverständlichen Dingen offen begegnen muss, um immer wieder neue Erfahrungen zu machen. Oft hindern einen falsche Erwartungen daran, etwas Neues zu akzeptieren. Musikhören ist nicht wie Schuhe kaufen, man muss auch manchmal etwas Unbequemes in Kauf nehmen. Nur wer etwas riskiert, wird regelmäßig in der Lage sein, einen neuen und frischen Blick auf die Welt zu werfen. "Metal Machine Music" ist ziemlich sperrig, ja, es bricht Regeln und fordert den Hörer heraus, aber in spätestens zwanzig Jahren gilt es garantiert auch als Klassiker. Wetten?

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Spiegel-Online: Lou Reed zu interviewen war eine Herausforderung. Die meisten Journalisten, die ihn befragten, erzählen, dass er abweisend und rüde sein konnte. War das eine Performance und war er privat ganz zahm?

Anderson: Lou spielte hunderte Rollen, aber tun wir das nicht alle? Er wollte Klischees überwinden, auch in Interviews. Mit Musik-Journalisten war es oft schwierig. Viele beschränken sich darauf, ihrem Gesprächspartner nur etwas Klatsch entlocken zu wollen und das machte Lou rasend. Lou liebte Musik und nur darüber wollte er sprechen. Das verstanden viele nicht.

Er stellte hohe Anforderungen an sich und dann auch an die Menschen, mit denen er Zeit verbrachte. Das galt für Journalisten aber auch für Musiker. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mal bei einigen Konzerten von Lou im Vorprogramm auftrat. Am ersten Abend spielte sie ein besonders langes Gitarren-Solo, ging von der Bühne und schaute Lou an, als ob sie seinen Applaus erwartete. "Mehr hast du nicht drauf?" sagte er trocken und ging weg. Sie war am Boden zerstört. Am nächsten Abend spielte sie wieder so ein Solo und dieses mal gab sie aber alles, als wenn es um ihr Leben ginge, es war außergewöhnlich und wunderbar. Sie kam dann entkräftet von der Bühne, traf Lou und der sagte nur: "Geht doch, das meinte ich." Und lächelte. Lou suchte immer die möglichst größte Herausforderung bei sich und eben auch bei anderen. Er fehlt.

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