Interview mit Nelly Furtado "Ich habe mir alles viel zu schwer gemacht"

Nelly Furtado hat am Mittwoch bei der ersten WM-Party vor dem Brandenburger Tor gesungen – ihre Fußball-Hymne "Força", geschrieben für die Europameisterschaft 2004. Im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" spricht sie über Madonna und ihren "Euro-Trash", Hip-Hop und Hippie-Ideale.

Die Sonne scheint grell, aber Nelly Furtado hat ihre Sonnenbrille verlegt, deswegen kneift sie ihre Augen leicht zusammen, was sie noch verwegener aussehen läßt, irgendwie nach Seeräuber-Jenny. Das könnte aber auch an der klingelnden, riesigen Kette liegen, die der 27-Jährigen um den schmalen Hals hängt.

In Regenbogenfarben geschminkt für die Interviews dieses Nachmittags, so sitzt Nelly Furtado da, auf einem Sofa auf dem Gelände ihrer Plattenfirma am Spreeufer in Berlin. Glücklich, endlich aus dem stickigen Raum geflüchtet zu sein, wo sie vor heißlaufenden Kameras Frage um Frage beantworten mußte: nach ihrem neuen Album "Loose" und warum es so smart klingt und ganz anders als ihre Folklore-Pophits "Like a Bird" und "Powerless" davor; nach ihrer Tochter, die sie allein erzieht, und ob sie die Kleine vermißt; und, natürlich, nach Fußball. Der Refrain ihrer Fußball-Hymne "Força" ist portugiesisch: Sie ist im kanadischen Victoria geboren, ihre Familie aber stammt von den Azoren. Im Moment wirkt die Sängerin ein wenig müde. Und zwar, weil sie zuviel geschlafen hat, wie sie gähnend sagt, nicht zuwenig.

Sie hatten einen großen Auftritt: Mindestens 250.000 Zuschauer standen am Mittwoch vor dem Brandenburger Tor.

Stimmt, das putscht eigentlich auch auf. Ich höre jetzt vielleicht besser auf zu schlafen, fünf Stunden, nicht mehr, weil man sonst auf Entspannungsmodus schaltet. Und wer will das schon, wenn man arbeitet?

Ich wollte eigentlich nicht nach Fußball fragen, aber es drängt sich so auf. Man hört "Força" jetzt überall.

An dieses Fußballfieber bin ich gewöhnt, als Kind haben wir immer Ferien in Portugal gemacht. Aber ich kenne mich gar nicht richtig aus, ich bin eher für Basketball. Ich kenne nur die portugiesischen Spieler, Luis Figo, Cristiano Ronaldo und Nuño Gomez. Der hat mir erzählt, daß seine Mannschaft Benfica Lissabon vor jedem Spiel in der Kabine "Força" singt. Mein Vater war unheimlich stolz.

Sie kommen aus kleinen Verhältnissen.

Meine Eltern kamen mit nichts in Kanada an, sprachen kein Englisch, haben Knochenjobs gehabt: mein Vater als Gärtner, meine Mutter als Zimmermädchen. Seit ich zwölf war, habe ich ihr jeden Samstag und in den Ferien putzen geholfen. Auf "Folklore" habe ich all diese Geschichten erzählt. Erst wollte ich das Album "Fresh off the Boat" nennen, aber mein Bruder war total dagegen. "Du bist nicht gerade erst angekommen", hat er gesagt, "das waren Mom und Dad."

Ihre Geschichte ist mehr das alte Klischee: vom Zimmermädchen zur Plattenmillionärin.

Absolut, und damit habe ich immer noch Probleme. Diese Sache mit dem "American Dream" ... Es ist ja nicht alles Gold, was glänzt. Als Einwanderer stellt man immer alles in Frage, was man erreicht hat. Aber das habe ich komplett hinter mir gelassen. Mein neues Album ist kein bißchen politisch, es ist nichts als meine Version von Großstadtmusik und Hip-Hop.

Einer der Rapper auf "Loose" sagt: "Wir stecken im Bauch der Bestie, die uns schon verschlungen hat." Das ist nicht Nelly Furtado, habe ich erst gedacht, ich bin doch positiv! Aber dann habe ich meine rosarote Brille abgenommen.

Ihre neue Single "Maneater" klingt, als wollten Sie sich über Madonna lustig machen. So wie Madonna bei "Hung up" diese kleine Melodie von Abba klaut, klauen Sie den Refrain von Hall and Oates. (Lacht sehr laut, es ist fast ein Juchzen.)

Der Song sollte eine Parodie auf einen Vamp sein - und gleichzeitig eine Hymne. Die Leute wissen nämlich mittlerweile sehr genau, daß Beyoncé nicht die ganze Zeit wie Beyoncé aussieht. Und die Marketingindustrie hat das auch kapiert. Kennen Sie die Werbung von "Dove" mit den dicken und dünnen und kleinen und großen Frauen? Die funktioniert, weil Frauen inzwischen verstanden haben, wie bescheuert die Idee der makellos schönen Powerfrau ist.

Aber das Video zu "Maneater" ist eine Überraschung - man kannte Sie früher als Batikhippiemädchen in Turnschuhen, und jetzt ist Nelly Furtado die Partydiktatorin, die ihren Bauchnabel rausstreckt, lasziv die Zunge schnalzt, lüstern in die Kamera guckt und "L-l-l-l-love" singt.

Fast wie ein Cartoon, oder? "You doing anything to keep her by your side", singe ich in der zweiten Strophe, "because she said she love you love you long time." Wer glaubt denn so was? (Sie juchzt wieder, eigentlich juchzt Nelly die ganze Zeit.) Viele Rockbands haben heute diese intelligente Sexyness in ihrer Musik, Bloc Party zum Beispiel, oder Death from Above 1979 aus Toronto, wo ich jetzt lebe. Deren Texte sind sehr sexy, sehr gewagt, Mick Jagger hoch zehn - aber sie kommen damit durch. Sie sind mit Notorious B.I.G. aufgewachsen, deswegen ist ihre Idee von Rock ganz anders. Ihre Sexyness ist sarkastisch, zynisch.

Und so wollen Sie jetzt auch sein?Ich wollte beweisen, daß ich dieses Spielchen auch beherrsche. Wenn ich will.

Madonna hat für ihr letztes Comeback einen englischen Produzenten engagiert, um nach Euro-Trash zu klingen. Sie haben für "Loose" den amerikanischsten überhaupt engagiert: Timbaland, der Missy Elliott, Janet Jackson und Jennifer Lopez produziert.Stimmt, Timbaland ist der Inbegriff des amerikanischen Pop. Was er macht, ist V.I.P.-Pop.

Ist das jetzt der Versuch, mit Ihrer "amerikanischen" Identität zurande zu kommen?

Ach, ich fühle mich kanadisch, ich fühle mich portugiesisch, ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit. Aber auf "Loose" habe ich mich dem amerikanischen Hip-Hop ohne Wenn und Aber hingegeben. Früher habe ich Streichquartette und Banjos und alles mögliche auf meinen Platten eingesetzt, weil ich beweisen wollte, daß ich eine richtige Musikerin bin. Ich habe einfach zuviel nachgedacht.

Und jetzt haben Sie gar nicht gedacht, und dann kam Hip-Hop raus? So einfach?

Ich habe Hip-Hop und R 'n' B immer am meisten geliebt! Jetzt fühle ich mich nur freier, die Musik zu spielen, in der ich mich am wohlsten fühle. Bei "Maneater" muß ich überhaupt nicht nachdenken, ich schüttele meinen Rap einfach aus dem Ärmel. Ich habe mir früher alles viel zu schwer gemacht.

Daß Sie jetzt so "streetsmart" sind, liegt aber doch vor allem an Timbaland. Der hat es sogar geschafft, den Mädchenschwarm Justin Timberlake neu zu erfinden.

Wenn ich mit Timbaland arbeite, ist das wie Baseball: Er wirft mir den Ball in Lichtgeschwindigkeit zu - und ich muß jedesmal einen home run schlagen, jedesmal. Manchmal hätte ich ihn im Studio erwürgen können, aber so arbeitet er nun einmal: Er provoziert so lange, bis man sein Allerbestes gibt.

Wie kamen Sie auf ihn?

Timbaland hat schon vor fünf Jahren Remixe für mich gemacht, seine Version von "Turn off the Light" war ein großer Hit. Bei "Loose" habe ich mit vielen Leuten zusammengearbeitet, aber ich war einfach nicht glücklich damit. Ich bin eine Goldgräberin, ich grabe, grabe, grabe, und als ich dann endlich mit Timbaland ins Studio gegangen bin, sind wir sofort auf Gold gestoßen. Wir sind regelrecht explodiert, so laut war es.

Stimmt das, daß ein Lautsprecher im Studio Feuer gefangen hat?

Es war sehr wild. Und diese Energie sollte auch "Maneater" haben. Hören Sie sich doch mal an, wie das Schlagzeug pumpt, das ist der Herzschlag des Songs. Manchmal fühle ich mich wie ein Tier, wie ein Urmensch, dann will ich nur meine Bedürfnisse befriedigen. Und die Beats von Timbaland greifen das auf, sie gehen sofort in den ganzen Körper über. Das gefällt mir: Ich trenne meine Musik und mein Leben nicht mehr.

Klingt immer noch nach Hippie-Idealen.

Ich bin als Mensch eher links eingestellt, also ist meine Musik auch eher links. Im Hip-Hop mißt man sich ständig mit anderen, das ist ein bißchen wie bei Shakespeare: Es wird immer eine Schlacht geschlagen, es geht um Nemesis. Das liegt vielleicht an der Großstadtmentalität. Hip-Hop hat ja damit angefangen, daß man nur ein Mikrophon und einen Verstärker hat, und eigentlich fühle ich mich so am wohlsten: Das Mikrophon und der Text sind die einzigen Waffen, die ich habe. Ich lasse jetzt die Energie, die Gefühle raus, statt meiner höchstpersönlichen intellektuellen, philosophischen, politischen Agenda zu folgen. Ich muß nicht mehr über Politik nachdenken, wenn ich "Maneater" singe. Ich muß nur dafür sorgen, daß alle genauso dazu abgehen und tanzen wie ich.

Die Agentin kommt, die Zeit ist um, Nelly Furtado streckt sich, das war das letzte Interview des Nachmittags, jetzt muß sie für den Auftritt am gleichen Abend beim Fernsehsender Viva proben. Und da steht Nelly Furtado dann auf der Bühne und schrammelt Gitarre zu ihren alten Liedern, aber man wartet eigentlich ungeduldig auf die neuen, auf "Promiscuous", das sie gemeinsam mit Timbaland singt und das eine kleine Offenbarung ist: Diese unterkühlte Souveränität hätte man von der verspielten Nelly Furtado nicht erwartet. Es gibt auch schwächere Lieder auf "Loose", ein, zwei Schnulzen und vor allem das Stück, das sie mit Chris Martin von Coldplay geschrieben hat. Aber "Maneater" entschädigt für all das. Pocht und tobt und zerrt einen sofort auf die nächste Tanzfläche. Wo Nelly Furtado dann Männerherzen zerreißt. Oder nur so tut. Daß man das nicht so genau weiß, macht die Spannung von "Loose" aus.

TOBIAS RÜTHER

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"Loose" erscheint bei Geffen/Universal

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