Interview mit Oasis-Boss Noel Gallagher "Wir sind noch jung - und trotzdem eine Legende"

Mit dem Album "Don't Believe The Truth" feiert die erfolgreichste Britpop-Band der Neunziger ein Comeback. Oasis-Gitarrist und -Songschreiber Noel Gallagher sprach mit SPIEGEL ONLINE über das Gesangstalent seines Bruders Liam und das Älterwerden im Rock'n'Roll.


Oasis-Boss Noel Gallagher: "Ich mache mir nicht viele Sorgen darüber, wie alt unsere Fans sind"
DDP

Oasis-Boss Noel Gallagher: "Ich mache mir nicht viele Sorgen darüber, wie alt unsere Fans sind"

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Gallagher, auf dem neuen Oasis-Album "Don't Believe The Truth" findet sich ein Song namens "Keep The Dream Alive". Welche Sorte Traum wollen Sie am Leben erhalten?

Gallagher: Was fragen Sie mich? Ich habe diesen Song nicht geschrieben, der stammt von unserem Bassisten Andy Bell. Es geht darin um diesen alten Film "Stardust", in dem David Essex mitspielt. Andrew liebt den Film. Ich nicht. Ich finde, der Film ist scheiße. Keine Ahnung, warum Andy geradezu besessen ist von diesem Mist. Aber ich schätze, "Keep The Dream Alive" handelt davon, was es bedeutet, in einer Band mitzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Eben. Insofern hätte der Name des Songs doch ganz gut als Titel fürs ganze Album getaugt. Sie haben jedenfalls mal gesagt, man könne nicht Rock'n'Roll sein, wenn man älter sei als 30. Heute sind Sie 38.

Gallagher: Stimmt, das habe ich mal gesagt. Aber ich habe den Satz jetzt einfach geändert. Es heißt jetzt: "Du kannst nicht Rock'n'Roll sein, wenn du älter bist als 45." Und wenn ich 45 bin, dann ändere ich die Zahl auf 50.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie davon, dass Musiker wie Mick Jagger noch mit über 60 auf der Bühne stehen?

Gallagher: Ich kann verstehen, warum sie's immer noch tun - aus Begeisterung. Das ist Rock'n'Roll bis zum Umfallen. Ich staune darüber, dass sie immer noch die Energie haben, und ich sage: Ich wünsch' euch alles Gute dabei. Ich persönlich würde allerdings heutzutage nie zu einem Rolling-Stones-Konzert gehen. Das wäre pure Nostalgie.

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DDP

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Popkarriere als Teenager und Twen angefangen, der für Teenager und Twens Musik macht. Irritiert es Sie, dass Rock'n'Roll inzwischen mehr und mehr zur Musik für eine großteils erwachsene Zuhörerschaft geworden ist?

Gallagher: Ja, manchmal. Vor zwölf oder 15 Jahren, als wir loslegten, da spielten all diese neuen Technologien wie Internet, Computerspiele und der IPod noch keine große Rolle. Damals war Rock'n'Roll eine zentrale Sache im Leben junger Menschen. Heute haben Teenager tausend Entertainment-Möglichkeiten, unter denen sie wählen können...

SPIEGEL ONLINE: ... und in Oasis-Konzerten jubeln Ihnen viele 40- bis 60-Jährige zu.

Gallagher: Ich schätze, die wollen den Traum am Leben erhalten. Aber wissen Sie, ich mache mir nicht viele Sorgen darüber, wie alt unsere Fans sind oder dass wir selber alte Säcke werden. Wir haben einen Sänger, der mit 32 noch einigermaßen jung ist, wir haben alle noch eine Menge Haare auf dem Kopf und werden also nicht so bald mit Glatze auftreten. Wir lassen das Alter lässig auf uns zukommen. Im Augenblick sind wir stolz auf unser Album und fühlen uns so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr.

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SPIEGEL ONLINE: Heißt das, Sie halten Ihr neues Werk für sehr viel gelungener als seine Vorgänger?

Gallagher: Aber definitiv. Ich glaube, es ist das beste seit "(What's The Story) Morning Glory", das beste seit zehn Jahren. Obwohl: Das letzte war auch nicht ganz schlecht. Aber die davor kamen einfach in schwierigen Zeiten heraus. Es ist nicht einfach, ordentliche Musik zu machen, wenn man sich auf dem Gipfel fühlt, wenn alles wahr geworden ist, wovon man je geträumt hat. Wodurch soll man inspiriert sein. Worüber soll man schreiben?

SPIEGEL ONLINE: Und das hat sich jetzt geändert?

Gallagher: Genau. Wir haben gelernt, mit etwas Abstand auf unser Leben zu blicken.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin gab es auch auf den Alben, die Sie heute für eher misslungen halten, Songs, die es auf Nummer eins der Hitparade schafften.

Gallagher: Aber das ist doch kein Zeichen dafür, dass es sich um wirklich gute Songs handelte! Viele Menschen schaffen es mit Songs auf Platz eins, die sich schrecklich anhören. Nehmen sie zum Beispiel Kylie Minogue: Ihre Songs sind Nummer-eins-Hits - und sie sind absolut grauenhaft.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es nicht merkwürdig, dass viele Ihrer Anhänger und Kritiker von den Neunzigern als der "Oasis-Ära" sprechen?

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Gallagher: Sie haben Recht. Es ist zugleich toll und sehr seltsam, in unserem Alter schon irgendwie legendär zu sein und nostalgisch verehrt zu werden. Wir sind noch jung - und trotzdem eine Legende. Vielleicht ging es nur U2 mal ähnlich, aber die waren ein Jahrzehnt vor uns dran.

SPIEGEL ONLINE: Empfinden Sie manchmal Neid, wenn Sie die neuerdings so erfolgreichen ganz jungen Rock'n'Roll-Bands unserer Zeit hören und sehen?

Gallagher: Ja. Ich beneide die Jungs dafür, dass sie 24 sind. Ich wäre gern auch zehn Jahre jünger. Es ist fucking great, jung zu sein. Ich finde Razorlight gut und die Kings of Leon und die Libertines. Aber ich beneide sie nicht für ihr Talent. Das haben wir auch. Ich beneide sie für ihr Alter.

SPIEGEL ONLINE: Sind Oasis, um die es früher viel Krawall gab - zuletzt als Ihrem Bruder Liam im Jahr 2002 bei einer Schlägerei in einer Münchner Hotelbar ein paar Zähne ausgeschlagen wurden - mittlerweile brav und gesittet geworden, wie die Tageszeitung "Guardian" kürzlich schrieb?

Gallagher: Es ist eine Spezialität der britischen Presse, sich ständig um alles, was sich jenseits des Studios und der Konzertbühne abspielt, viel mehr zu kümmern als um die Musik. Sie haben jahrelang nur davon berichtet, mit wem Liam ausgeht, wie viel er getrunken hat und mit wem er sich prügelte. Und dabei geriet die wichtigste Sache fast in Vergessenheit: Liam ist ein phantastischer Sänger. Ich selber habe nie Supermodels ausgeführt und mich nie geschlagen - und ich hoffe, bei meinem Namen denken die Leute an große Songs wie "Wonderwall" oder "Live Forever". Ich möchte lieber für diese Songs in Erinnerung bleiben als für mein gutes oder schlechtes Benehmen.

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SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich anlässlich der britischen Wahlen vor einigen Wochen öffentlich dazu bekannt, Tony Blair zu wählen?

Gallagher: Gar nicht unbedingt, weil ich seine Politik so gut finde. Aber ich bin überzeugt, dass man auf keinen Fall Politiker mit rechtslastigen Ansichten wählen sollte - auch wenn sie sich noch so smart geben. Ich komme aus der Arbeiterklasse, dort wählte man immer sozialistisch. Und auch wenn Blair heute denkbar weit davon entfernt ist, sozialistisch zu sein, auch wenn er in der Einwanderungspolitik und im Kampf um unser Gesundheitssystem falsche Entscheidungen trifft, hielt ich ihn ganz klar für die bessere Wahl. Klar hätten andere Politiker vielleicht die Steuern gesenkt. Aber wissen Sie, es geht nicht nur um Geld im Leben. Ich finde: Wenn man Geld verdient, dann zahlt man Steuern. So einfach ist das. Für mich käme es nie in Frage, nach Amerika auszuwandern, um Steuern zu sparen und von der Presse in Ruhe gelassen zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Robbie Williams hat es so gemacht.

Gallagher: Ein Grund mehr, da nicht hinzugehen. Aber im Ernst: Ich war noch nie ein Anhänger des amerikanischen Lebensstils. Ich verstehe die Kultur nicht. Diese Anbetung des Reichtums und des Erfolgs reizt mich nicht - was nichts daran ändert, dass ich manche Amerikaner mag und die Musik einiger Bands von dort auch.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Gallagher, als Oasis in den Neunzigern berühmt wurden, jubelten Kritiker, die Band zeichne sich durch eine "Attitüde der Arroganz" aus. Stimmt das bis heute?

Gallagher: Ich würde es Selbstsicherheit nennen. Wir fühlten uns stark. Wir wussten von Anfang an, was wir wollten. Und wir wussten, was wir konnten. So ist das bis heute. Aber sehen Sie: Wenn ich wirklich arrogant wäre, dann hätte ich Ihnen nie auf all Ihre Fragen geantwortet. Die Behauptung, ich sei arrogant, ist also purer Bullshit!

Das Interview führte Wolfgang Höbel



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