Interview mit Popsängerin Ruslana "Das Leben ist leichter und freier geworden"
SPIEGEL ONLINE:
Frau Lyschitschko, die deutsche Regierung ist unter Druck geraten, weil ihre Visa-Politik dazu geführt haben soll, dass insbesondere Frauen aus der Ukraine zu Tausenden in den Westen geschleust wurden. Viele wurden gezwungen, als Prostituierte zu arbeiten. Ist das in Ihrem Heimatland bekannt?
Lyschitschko: Lange Zeit war das nicht allgemein bekannt. Ich habe davon erstmals vergangenen Sommer gehört. Viele Frauen wollten einfach nur Geld verdienen, um ihre Kinder zu versorgen. Sie wussten nicht, um welche Arbeit es in Wahrheit ging. Zum Teil nahm man ihnen die Pässe ab und drohte, ihre Verwandten zu ermorden, sollten sie sich nicht fügen. Vor allem unwissende Frauen vom Land wurden zu leichten Opfern der Schleuser. Manchmal wurden Frauen auch gekidnappt.
SPIEGEL ONLINE: Viele Frauen waren sich der Gefahr also gar nicht bewusst?
Lyschitschko: In einem mir bekannten Fall forderte die Mutter ihre Tochter auf, ins Ausland zu gehen, um Geld für ein besseres Leben zu verdienen, obwohl das Mädchen gar nicht wollte. Die Mutter hatte die Vorstellung, im Westen könne man viel Geld machen, ohne schwer zu arbeiten. Sie unterschrieb irgendwelche Verträge, ohne sich bewusst zu sein, dass sie ihre Tochter verkaufte. Später wurden dem Mädchen alle Papiere und das ganze Geld abgenommen. Sie wurde in die Türkei gebracht. Dort hat man sie verprügelt und zur Prostitution gezwungen. Dann gelang ihr die Flucht. Als die Mutter die Geschichte erfuhr, erlitt sie einen Herzinfarkt.
SPIEGEL ONLINE: Inzwischen hat Deutschland die Reisefreiheit eingeschränkt. Was bedeutet das für die Menschen in der Ukraine?
Lyschitschko: Das ist eine Katastrophe. Viele Ukrainer sind auf die freizügige Erteilung von Visa angewiesen. Sie studieren in Deutschland, oder sie arbeiten dort legal.
SPIEGEL ONLINE: Die Ukraine will in die EU, doch ihre Bürger sitzen im eigenen Land fest. Entweder können sie sich keine Reise leisten, oder sie stoßen auf eine inzwischen restriktiver gewordene Visa-Politik. Wann wird es in der Ukraine echte Freiheit für alle geben?
Lyschitschko: Die junge Generation wird auf jeden Fall Wege finden, sich zu verwirklichen. Das sind Leute mit einem neuen Denken. Sie schauen zum Beispiel auf mich und sagen: 'Was sie geschafft hat, können wir auch schaffen. Wir können auch nach oben kommen.' Viele der Jungen sind ins Ausland gegangen, weil der ukrainische Staat ihnen nichts zu bieten hatte. Doch heute sehen die Leute meines Alters ihre Zukunft im eigenen Land. Sie sind sicher, dass der Machtwechsel positive Früchte bringen wird.
SPIEGEL ONLINE: Hatte umgekehrt die Reisefreiheit einen positiven Einfluss auf die Orange Revolution, wie in Deutschland immer wieder behauptet wird?
Lyschitschko: Das war sicher einer von vielen Faktoren. Es sind Tausende ausgereist und wieder zurückgekommen, doch die Revolution wurde von Millionen gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind während der Revolution im Dezember in den Hungerstreik getreten. Warum haben Sie diesen extremen Weg gewählt?
Lyschitschko: Ich habe gespürt, dass ich etwas Praktisches tun musste. Worte genügten nicht. Als ich mit Wladimir Klitschko vor Hunderttausenden auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew stand, wurde das in den staatlich kontrollierten Medien zunächst nicht gezeigt. Der Hungerstreik trug mit dazu bei, dass ausländische Medien immer öfter über die Vorgänge in Kiew berichteten. Das erhöhte den Druck auf die von Kutschma kontrollierten Sender.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es heute, vier Monate nach der Orangen Revolution, in der Ukraine aus?
Lyschitschko: Für mich persönlich haben sich die Hoffnungen erfüllt. Ich habe das Gefühl, dass man mir in meinem Staat keine Hindernisse mehr in den Weg stellt. Der Umwandlungsprozess kommt schneller voran, als ich mir das vorgestellt habe. Das Leben ist leichter und freier geworden.
SPIEGEL ONLINE: Worin zeigt sich diese Leichtigkeit?
Lyschitschko: Der politische Ton ist nicht mehr so aggressiv wie unter der alten Garde. Die neue Regierung kommt auch wesentlich bescheidener daher als die alte. Wenn der Präsident oder der Premier früher im Auto durch die Stadt fuhr, wurden ganze Straßenzüge abgesperrt, heute ist das anders.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt Klagen, dass es noch immer Korruption gibt und die Oligarchen zu viel Einfluss haben.
Lyschitschko: Die Korruption hat bereits spürbar abgenommen. Ein kleines Beispiel: Wenn man früher von der Polizei gestoppt wurde, gab man dem Beamten Schmiergeld und konnte unbelangt weiterfahren. Dies ist heute nicht mehr möglich, weil ein korrupter Polizist angezeigt werden kann.
SPIEGEL ONLINE: Und wie steht es mit den großen Kriminellen? An die kommt man doch sicher nicht so einfach heran?
Lyschitschko: Es laufen jede Menge Ermittlungen, die es früher nicht gab. Der Fall des ermordeten Journalisten Georgij Gongadse zum Beispiel ist so gut wie abgeschlossen. Er war ein sehr, sehr guter Freund von mir. Für mich ist es sehr wichtig zu erfahren, wer ihn getötet hat. Präsident Juschtschenko setzt durchaus um, was er während der Revolution angekündigt hat. Für die Oligarchen gab es schon weitaus bessere Zeiten.
SPIEGEL ONLINE: Während der Orangen Revolution fürchtete man ein Auseinanderbrechen der Ukraine in einen EU-orientierten Westen und in einen nach Moskau gerichteten Osten. Wie ist es um die Einheit der Ukraine heute bestellt?
Lyschitschko: Die meisten Menschen haben nie eine Kluft innerhalb der Ukraine empfunden. Sie haben sich schlicht keine Gedanken darüber gemacht. Diese Unterscheidung wurde in der Hauptsache aus ideologischen Gründen konstruiert.
SPIEGEL ONLINE: Während der Revolution wurden die Menschen im Osten des Landes von vielen Informationsquellen abgeschnitten. Wie steht es jetzt um die Medienvielfalt?
Lyschitschko: Alle haben Zugang zu den Massenmedien. Jeder kann sich ein umfassendes Bild machen. Erfreulich ist, dass der Journalismus einen ungeheuren Aufschwung nimmt. Die Rechercheure haben seit der Orangen Revolution sehr viel Mut gefasst. Die Musiker, die auf dem Majdan gespielt haben, schreiben inzwischen auch kritische Texte gegen Juschtschenko. Da wird nichts zensiert.
SPIEGEL ONLINE: In Russland zeichnet sich derzeit eine andere Entwicklung ab. Präsident Wladimir Putin versucht durch die Verteilung von Privilegien Musiker auf Regierungslinie zu bringen. Nach den Erfahrungen von Kiew fürchtet er ihren Einfluss auf die Massen.
Lyschitschko: Offenbar geht bei der russischen Regierung die Angst um. Nach den Protesten in der Ukraine habe ich lange keine Einladung für ein Konzert in Russland bekommen. Dort hat man auch die Veröffentlichung meines Videos "Dancing With The Wolves" verzögert. In dem Clip sind Szenen von der Orangen Revolution zu sehen.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Vorgänge in der Ukraine könnten sich in Russland wiederholen?
Lyschitschko: Ich glaube, je mehr man die Menschen unterdrückt, desto stärker wird die Reaktion sein. Je größer die Unfreiheit, desto größer die Explosion.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit geben Sie Wladimir Putin noch?
Lyschitschko: Dazu kann ich nichts sagen. Was ich sicher weiß: Wir werden in Russland mehrere Konzerte geben.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie so zurückhaltend? Viele sehen Russland eher auf dem Weg in Richtung Diktatur als in Richtung Demokratie.
Lyschitschko: Eine Revolution ist ein zweischneidiges Schwert. Man weiß nie, wie sie ausgeht. Viele Menschen könnten ums Leben kommen. In der Ukraine ging es zum Glück gut.
Das Interview führte Alexander Schwabe