Interview mit Suzi Quatro "Ich habe den Frauen eine laute Stimme gegeben"

Comeback der Lederbraut: In den Siebzigern gab es kaum eine andere Rocksängerin, die so viele Erfolge feierte wie Suzi Quatro. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die heute 55-Jährige über Kämpfernaturen aus Detroit, enge Lederhosen und ihre neue CD.


SPIEGEL ONLINE:

 Seit zwei Wochen ist Ihre neue CD auf dem Markt. Haben Sie mitgezählt, wie viele Comebacks Suzi Quatro schon hatte?

Sängerin Quatro: "Ich bin eine Lady, die auch Scheiße sagen kann"
AP

Sängerin Quatro: "Ich bin eine Lady, die auch Scheiße sagen kann"

Quatro: Welches Comeback? Ich war doch nie weg. Ganz im Gegenteil. Ich habe immer Musik gemacht, bin in Musicals aufgetreten, hatte meine eigene Fernsehshow.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: So richtig wahrgenommen hat man Sie in letzter Zeit nicht.

Quatro: Vielleicht, weil ich nicht ständig neue Platten veröffentlicht habe. Aber auch über Frank Sinatra wurde immer geschrieben, er habe ein Comeback nach dem anderen. Ich war aber - wie er - immer da. Und jetzt sogar mit CD.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen denn das neue Album? Immerhin ist es das erste reguläre Studioalbum seit fast 20 Jahren.

Quatro: Es bedeutet mir... alles. Das Album ist sehr autobiographisch. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich fähig, die Geschichte meines Lebens zu erzählen. Ich bin ein Mensch mit vielen Facetten. Rock'n'Roll ist ein riesiger Teil von mir. Aber da gibt es auch noch eine andere, eine weichere Seite. Die offenbare ich jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich also vorher versteckt?

Quatro: Ja. Auf meinen früheren Alben waren vielleicht ein oder zwei Songs autobiographisch. Die neue CD hat eine größere Bandbreite und mehr Tiefe. In meinem Leben ist halt viel passiert. Das fließt alles mit ein.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Quatro: 1991 ging meine erste Ehe mit meinem Gitarristen Len Tuckey in die Brüche. Wir waren sehr lange zusammen – 22 Jahre. Damals wusste ich nicht, wie ich ihm sagen sollte, dass es aus ist. Also schrieb ich ihm ein Lied, "Free The Butterfly". Aber irgendwie wollte er es nicht verstehen und sagte nur: "Netter Song, Susan".

SPIEGEL ONLINE: Dumm gelaufen.

Quatro: Leider. Ich kam nicht darum herum, es ihm direkt zu sagen. Trotzdem war es der erste Song, in dem ich nicht nur meine harte Rockerschale, sondern auch mein empfindsames, weiches Inneres zeigen konnte. Dieses Stück findet man nun auf dem neuen Album.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihre neuen Songs noch beeinflusst?

Quatro: Im Jahr 1992 starb meine Mutter an Krebs. Als sie mich zum letzten Mal in England besuchte, sagte sie, sie hätte in ihrem Leben einen schweren Fehler begangen.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Quatro: Sie sagte, sie hätte mich zu früh fortgehen lassen. Ich war damals 14 Jahre alt und hatte mit meinen drei Schwestern eine Band, die Pleasure Seekers. Wir spielten überall, sogar vor Soldaten in Vietnam. Meine Mutter sagte, sie habe mich ständig vermisst.

SPIEGEL ONLINE: Damals waren Sie noch minderjährig. Ihre Mutter hätte Ihnen die Auftritte verbieten können.

Quatro: Sie sagte weise: Wer liebt, muss den anderen manchmal gehen lassen. Dieser Satz von ihr hat sich in mein Bewusstsein eingebrannt. Ich habe einen Song daraus gemacht, "Sometimes Love Is Letting Go". Den finden Sie auch auf der neuen CD.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zwei erwachsene Kinder. Können Sie die gehen lassen?

Quatro: Ja und nein. Der Verstand sagt ja, das Herz nein. Ich bin ein ausgesprochener Familienmensch. Meine Tochter Laura ist jetzt 23 und selbst schon Mutter. Nachdem sie damals ausgezogen ist, bin ich jeden Tag in ihr Zimmer gegangen und habe geweint. Es brauchte fünf ganze Jahre, bis ich ihr Zimmer verändern konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Ihrem Sohn?

Quatro: Richard wohnt noch bei mir, will aber demnächst ausziehen. Die Vorstellung daran bricht mir das Herz. Aber man weint halt so lange, bis man sich an den neuen Zustand gewöhnt hat.

Rockstar Quatro (1982): "Ich bin mein eigener Boss"
Getty Images

Rockstar Quatro (1982): "Ich bin mein eigener Boss"

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Vorbild für Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen.

Quatro: Ich bin eine Kämpferin. Ich stamme aus Detroit, und in Detroit wird gekämpft.

SPIEGEL ONLINE: Worum haben Sie gekämpft?

Quatro: Um alles. Am meisten um Identität. Schon als ich jung war und Bass in meiner Band spielte, sah ich die braven Mädchen in ihren Kleidern um mich herum und fragte mich: Bin ich wie die?

SPIEGEL ONLINE: Vermutlich nicht.

Quatro: Stimmt. Ich wusste immer, dass ich anders bin. Trotzdem: Ich behielt Jeans und Lederjacke an und machte weiter, in der Hoffnung, dass ich auch so berühmt werden durfte. Und das geschah zum Glück. Ich habe den Frauen eine Stimme im Rock’n’Roll gegeben. So wie sie es verdienen. Eine sehr laute Stimme sogar.

SPIEGEL ONLINE: In den frühen siebziger Jahren waren Sie tatsächlich die einzig bekannte Frau im Rock'n'Roll-Geschäft.

Quatro: Ja, und das war kein einfacher Job. Man muss sehr stark dafür sein. Einerseits macht es riesigen Spaß, andererseits muss man als Frau aufpassen. Es gibt da nämlich eine Grenze, die man nicht überschreiten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Welche denn?

Quatro: Ich kann mit den Jungs trinken, rauchen und fluchen. Aber dabei will ich immer eine Lady bleiben. Das hat mir meine Mutter beigebracht. Okay - ich bin eine Lady. Aber eine, die auch Scheiße sagen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Detroit geboren, haben ein Anwesen in England, ihr zweiter Mann ist ein deutscher Musikproduzent und wohnt in Hamburg. Wo ist Ihre Heimat?

Quatro: Das ist schwer zu beantworten. Mein ganzes Leben lang war ich eine Zigeunerin. Meine Wurzeln sind in Detroit, daher habe ich meine Kämpfernatur. Seit 1980 wohne ich in einem alten Haus in Essex. So lange habe ich noch nirgends gelebt. Das Haus wurde 1590 erbaut, es spukt dort. Es ist irgendwo im Niemandsland. Ich brauche die Ruhe, um aufzutanken. Meine Kinder sind dort geboren. Ich glaube, in England fühle ich mich am ehesten zu Hause. Manchmal bin ich allerdings auch bei meinem Mann in Hamburg.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie durch das Scheitern Ihrer ersten Ehe etwas für Ihre zweite gelernt?

Quatro: Natürlich. Ich mache keine Kompromisse mehr. Während meiner ersten Ehe habe ich viele Entscheidungen Len zuliebe getroffen. Ich wollte ihn glücklich machen. Das hat nicht funktioniert. Mit meinem jetzigen Mann streite ich natürlich auch über manche Dinge. Aber er muss akzeptieren, dass es mein Leben, meine Karriere ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie gebraucht, um zu dieser Haltung zu kommen?

Quatro: Bei Frauen fängt das mit ungefähr 40 an. Das ist eine ganz besondere Zeit. Sie sind es Leid, allen gefallen zu müssen und sagen sich: jetzt bin ich an der Reihe. Ich persönlich mache nichts, weil jemand Anderes das möchte. Ich bin mein eigener Boss.

SPIEGEL ONLINE: Und der erlaubt Ihnen, immer noch in engen Lederhosen über die Bühnen zu springen? Sie sind ja immerhin schon 55.

Quatro: Mein Vater ist auch Musiker. Er ist jetzt 92 Jahre alt, erst mit 89 ist er von der Bühne abgetreten. Ich bin genau wie er. So gesehen bin ich noch ein junges Mädchen. 

Das Interview führte Andrea Tholl


Suzi Quatro: "Back to the Drive" (EMI) ist am 17. Februar erschienen



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