Interview mit Tom Jones "Da stehen Frauen nun mal drauf"

Der 62-jährige Sänger und Entertainer Tom Jones sprach mit SPIEGEL ONLINE über sein Image als Sexsymbol, die Geduld seiner Ehefrau Linda, fliegende Unterwäsche und die Kreativität männlicher Fans.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Jones, Sie sind jetzt 62 Jahre alt. Woher nehmen Sie das Feuer, immer noch in das Hamsterrad des Popgeschäfts zu steigen?

Tom Jones: Schauen Sie mich an! Was sehen Sie? Bin ich ein Fall fürs Altersheim? Mir geht's gut. Die Leute wollen mich. Ich fühle mich sexy und noch lange nicht müde. Ich habe Spaß an den Dingen, die ich tue, weil ich sie aus freien Stücken heraus mache. Und diesen Spaß gebe ich weiter. Golfspielen kann ich immer noch, später. Ich schätze, es ist diese Art innere Unruhe, die mich treibt. Ich bin noch nicht fertig mit dem, was ich machen soll, da ist immer noch etwas übrig.

SPIEGEL ONLINE: Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb einmal: "Tom Jones ist der einzige Angeber, der nicht nervt". Was meinen Sie, warum das so ist?

Jones: Weil ich immer authentisch war. Ich habe den Leuten nie ein anderes Image vorgespielt. Ich habe ihnen auch nie Versprechungen gemacht, die ich dann nicht eingehalten habe. Es ist doch so: Wenn ich ein Konzert gebe, wissen die Leute, was sie erwartet. Das war vor 35 Jahren so und das ist auch heute noch so. Ich behaupte, ohne mich wären diese ganzen strippenden Kerle wie die Chippendales gar nicht möglich. Und bei mir hängt heute noch mehr Testosteron in der Konzerthalle als bei einem Justin Timberlake.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeindruckt jemand wie Sie Frauen, die 40 Jahre jünger sind?

Jones: Dadurch dass ich ein Mann bin, durch und durch. Ich habe Ecken und Kanten, eine Meinung und bin das genaue Gegenteil von diesen glattgefönten Klonen, die sonst populäre Musik machen. Ich beeindrucke Frauen durch meine Präsenz. Wer - außer Bono und David Bowie - kann das heute noch? Bei mir sind Stimme, Sex und sogar der Tanz eine Einheit. Da stehen Frauen nun mal drauf.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt Ihre eigene Frau denn dazu?

Jones: Linda? Sie hat meinen Lebensstil immer akzeptiert. Den Erfolg, den ich habe, teile ich mit ihr, weil ich ihn ja auch zum großen Teil ihr verdanke. Linda hat mir mein ganzes Leben lang den Rücken frei gehalten, und wenn es einen Menschen gibt, auf den ich nichts kommen lassen würde, dann ist es meine Frau. Aber Linda hat auch begriffen, dass ich als Mann, und dann auch noch mit diesem Image, nicht ewig den Verlockungen anderer Frauen widerstehen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Jones: Na, hören Sie mal, ich bin der Tiger! Dieses Image kann ich heute ablegen, wenn ich von der Bühne gehe, völlig problemlos, wie einen alten Mantel. Weil ich lange genug mit diesem Image gelebt habe. Früher konnte ich das nicht. Da habe ich mein Image gelebt, weil ich dachte, das gehört dazu, wenn man Popstar ist. Egal wo ich war, der Tiger war auch da, und er hat oft nicht nur seine Zähne gezeigt. Ich danke Gott, dass ich mit einer Frau verheiratet bin, die den feinen Unterschied zwischen Liebe und Sex versteht.

SPIEGEL ONLINE: Also sind Sie heute nicht mehr so wild wie früher?

Jones: Im Alter lässt vieles nach. Die Haut wird faltiger, die Haare dünner. Dafür werden die Gefühle und die Liebe immer tiefer. Ich habe heute Gefühle für meine Frau, die ich noch nie hatte. Und es gab Zeiten, in denen ich gedacht habe, dass ich zu solchen Gefühlen nicht fähig bin. Aber ich denke, ich bin das beste Beispiel, dass man auch im Alter noch dazulernen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ein Song auf Ihrem neuen Album heißt "The Letter". Darin geht es auch um die Liebe. Können Sie sich erinnern, wann Sie Ihrer Frau zuletzt einen Liebesbrief geschrieben haben?

Jones: Das muss Jahrzehnte her sein. Ich bin sehr froh, dass das Telefon erfunden wurde, ich bin nämlich alles andere als ein begnadeter Briefeschreiber, ich habe einen richtigen Widerwillen dagegen. Was ich meiner Frau zu sagen habe, mache ich über das Telefon. Und vielleicht mal per Telegramm.

SPIEGEL ONLINE: Entdeckt Ihre Frau in Ihren Songs manchmal einen neuen, einen unbekannten Tom Jones?

Jones: Nein. Im Grunde geht es in meinen Liedern seit jeher um Liebe und Romantik. Linda weiß, dass das bei mir aus dem Inneren kommt, sie weiß, dass ich leidenschaftlich und romantisch bin. Ich musste mich ihr gegenüber niemals erklären. Wir sind ja auch seit 45 Jahren verheiratet. Vielleicht ist das das Geheimnis unserer Ehe, warum sie so gut funktioniert. Die Songs, die ich singe, bedeuten jedenfalls alle etwas, für mich und auch für sie.

SPIEGEL ONLINE: Und für Millionen andere Frauen auch. Haben Sie jemals verstanden, warum die Frauen Ihnen Unterwäsche auf die Bühne werfen?

Jones: Nein, nie. Wenn die Konzerte vorbei sind, interessieren mich die Dinger nicht mehr. Und das ist nicht gelogen! Manchmal bete ich vor Konzerten, sie mögen nicht wieder ihre BHs werfen oder ihre Höschen. Meistens passiert es dann aber doch.

SPIEGEL ONLINE: Bei einem Konzert in Hamburg vor zwei Jahren hielten zwei junge Männer zwei Schilder in die Höhe. Auf dem einen war zu lesen "Hey Tom, ich bin dein Sohn". Und auf dem zweiten stand "Ich auch". Können Sie über solche Scherze von Männern lachen, die sich so über Ihr Image lustig machen?

Jones: Ja, weil es kreativ ist und nicht wahr sein kann. Ich kann solche Späße gut ab. Elvis Presley musste diese Scherze über sich ergehen lassen, die Beatles ebenfalls. Ich merke dadurch, dass ich wohl auch einer dieser Dinosaurier geworden bin. Das schmeichelt. Und es ist besser, als würden sie pfeifen oder auf die Bühne springen.

SPIEGEL ONLINE: Oder Ihre Unterhosen werfen. Was machen Sie bloß mit der ganzen Wäsche, die Ihnen zugeworfen wird?

Jones: Die wird eingesammelt. Ich schätze, die Sachen sind jedesmal zur Kleiderspende gekommen. Die armen Leute, die das sortieren müssen, darüber habe ich mir oft Gedanken gemacht. Statt Pullover und Hosen plötzlich BHs - da wusste jeder, dass der Tiger in der Stadt gewesen ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie jemals ein Stück behalten?

Jones: Nein, noch nie. Das wäre mir auch peinlich. Nachher heißt es noch, ich muss meiner Frau getragene Wäsche mitbringen, weil ich mir keine neue mehr leisten kann.

Das Interview führte Stéfan P. Dressel

Das Album "Mr. Jones" (V2 Records/Zomba) wurde am 4. November 2002 veröffentlicht

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