Interview mit Wyclef Jean "Musik ohne Message ist out"

Der erfolgreiche Produzent und HipHop-Star Wyclef Jean sprach mit SPIEGEL ONLINE über sein Idol Bob Marley, die politische Relevanz der Popmusik für die Politik und seine Pläne mit der deutschen Sängerin Sarah Connor.


Musiker Jean: "Wer heute Erfolg haben will, muss weitsichtig sein"
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Musiker Jean: "Wer heute Erfolg haben will, muss weitsichtig sein"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Jean, auf Ihrem neuen Album "Masquerade" hören Sie sich stellenweise wie Bob Marley an. Ist es Ihnen nicht peinlich, Ihr erklärtes Idol so offensichtlich zu kopieren?

Wyclef Jean: Das ist mir absolut nicht peinlich. Im Gegenteil, Bob Marley hat mich mein ganzes Leben begleitet, seine Musik hat mich zum Lachen gebracht und mir Trost gespendet. Ich bin sehr glücklich, wenn der Vergleich so offensichtlich ausfällt. Für mich ist das ein Kompliment.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass man Sie der Ideenlosigkeit bezichtigen könnte?

Jean: Überhaupt nicht. Nennen Sie mir einen Musiker, der sich nicht von anderen beeinflussen lässt. Es gibt schlimmere Vergleiche als den mit Bob Marley. Man sollte als Musiker auch in bestimmtem Maße gewisse Dinge ausprobieren dürfen. Wie Bob Marley zu klingen, ist nicht das schlechteste. Man muss nur eine gute Figur dabei machen.

SPIEGEL ONLINE: Eine gute Figur machen - ist es das, was Sie bei Ihrer Arbeit hauptsächlich erreichen wollen?

Jean: Nein. Ich will als Produzent und Remixer wie auch auf meinen Alben nicht weniger als mein Bestes geben, so klischeemäßig das auch klingt. Dabei muss ich nicht immer gleich klingen. Ich denke, gerade in der ständigen Veränderung liegt ein großer Reiz. Wenn jemand zwanzig Jahre lang dieselbe Musik macht, ist das doch langweilig. Wer will das hören?

Jean-Vorbild Marley: "Man muss nur eine gute Figur dabei machen"
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Jean-Vorbild Marley: "Man muss nur eine gute Figur dabei machen"

SPIEGEL ONLINE: Aber durch Kontinuität wird ein Musiker letztlich auch ernst genommen.

Jean: Heutzutage nur mit seiner Musik aufzufallen ist nahezu unmöglich. Du brauchst ein ganzes Herr von PR-Spezialisten, Marketingleuten und strategischen Planern, die dir den Weg ebnen. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des Rock'n'Roll oder des Punk, wo man sich nur eine Gitarre umhängen und wild drauf losspielen musste, um aufzufallen. Wer heute Erfolg haben will, muss weitsichtig sein und darf sich gegenüber neuen Ideen nicht verschließen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Remixer und Produzent mit Brian Harvey, Mick Jagger, U2, Sinead O'Connor, Santana und Stevie Wonder gearbeitet. Wo sehen Sie die Gemeinsamkeit zwischen all diesen Leuten?

Jean: Keiner der Musiker, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, hatte jemals das Problem, einen Hit abliefern zu müssen. Bei allen hat mich die Persönlichkeit fasziniert. Leute wie Michael Jackson, Mick Jagger und Rita Marley sind Monumente der Popgeschichte. Für die hätte ich auch umsonst gearbeitet. Keiner von denen denkt in Grenzen. HipHop, Rock, Pop, das verfließt heutzutage doch immer mehr zu einem großen Ganzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, durch die Vielzahl Ihrer Produktionen inflationär zu wirken?

Sängerin Connor: "Sie hat ein Stimmvolumen wie sonst nur Mariah Carey"
REUTERS

Sängerin Connor: "Sie hat ein Stimmvolumen wie sonst nur Mariah Carey"

Jean: Nein. Seit ich mit den Fugees "The Score" aufgenommen habe, sind erst sechs Jahre vergangen. Für einen Produzenten bin ich also immer noch ein Anfänger. Jeden Tag etwas anderes zu machen ist einfach aufregend. Ich habe bei der Verleihung des Friedensnobelpreises für meinen Freund Kofi Annan gespielt, Platten für Johnny Cash und Michael Jackson gemacht, Songs für die Größten der Welt remixt. Da kommt alles auf, vor allem viel Freude. Aber keine Routine.

SPIEGEL ONLINE: Der Untertitel Ihres neuen Albums heißt "Message To The Street". Was haben sie den Leuten mitzuteilen?

Jean: Ich weiß, welche Sprache auf der Straße in den Ghettos gesprochen wird. Meine Message ist Liebe. Die Menschen müssen ihre Andersartigkeit akzeptieren und erst miteinander reden. Keine Waffen, keine Gewalt, das ist meine Message. Einfach nur schießen ist keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die Leute auf Sie hören?

Jean-CD "Masquerade": "Meine Message ist Liebe"

Jean-CD "Masquerade": "Meine Message ist Liebe"

Jean: Weil ich ihre Sprache spreche, ich bin einer von ihnen. Ich komme aus einem Armenviertel in Brooklyn. Zwischen Brooklyn und Manhattan besteht immer noch ein extremer Unterschied. Die Straßen in Brooklyn sind meine Straßen, ich kenne jeden da. Ob sie auch auf mich hören werden, weiß ich nicht. Sicher werden aber viele über einige Dinge nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich dazu berufen, politische Statements in der Musik zu verbreiten?

Jean: In gewisser Hinsicht ja. Musik ohne Message ist out, und wenn sie noch so banal ist. Warum sollen die Leute nicht tanzen und dabei etwas fürs Gehirn mitnehmen? Alles transportiert heutzutage eine Nachricht, selbst der simpelste Werbefilm. Ich war schon immer jemand, der Tanzmusik gern mit einer gewissen Aussage, einer Haltung 'rüberbringt. Wer weiß, vielleicht bin ich im Unterbewusstsein ein kleiner Politiker.

Popstar Jean: "Ich will immer der Beste sein"
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Popstar Jean: "Ich will immer der Beste sein"

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie in jeder Kategorie der Beste werden?

Jean: Ich bin Musiker. Was ich will, ist komponieren und viele Dinge ausprobieren. Wenn ich diese Welt irgendwann einmal verlassen muss, dann will ich als der Mann in der Musik bekannt sein, der die Leute durch seine Musik vereint hat. Und, ja, ich will immer der Beste sein.

SPIEGEL ONLINE: In der Vergangenheit haben Sie viele Songs gecovert, unter anderem von Roberta Flack und Kenny Rogers. Nun haben Sie "What's New Pussycat" von Tom Jones neu aufgenommen. Was fasziniert Sie so sehr an den alten Hits?

Jean: Das kommt von meiner Arbeit als DJ. Als ich vierzehn, fünfzehn Jahre alt war, habe ich als DJ für Musik bei den Partys meiner Freunde gesorgt. Da ist viel hängen geblieben. Und viele wollten immer nur diese Upperclass-Songs von Frank Sinatra, Tom Jones oder Engelbert Humperdinck hören. Da musste ich drauf reagieren. Eine andere Erklärung ist: Jeden Song, den ich covere, hätte ich gern selbst geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Demnächst schreiben Sie Songs für die deutsche Sängerin Sarah Connor, richtig?

Jean: Richtig. Sarah und ich arbeiten bereits gemeinsam an neuen Songs, ich werde für ihr neues Album mindestens zwei Lieder beisteuern.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie gerade an Sarah Connor?

Jean: Ihre Stimme, darauf achte ich als Produzent immer zuerst. Als ich sie das erste mal hörte, hätte es mich fast weggefegt. Sie hat ein Stimmvolumen wie sonst nur Mariah Carey, Sarah kann eine ganz Große im Business werden. Als ich sie singen hörte, habe ich sie gleich mit Kylie Minogue und Nelly Furtado verglichen. Und um zu wissen, wie bekannt die beiden sind, muss man nicht im Rocklexikon nachschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind der Inbegriff des Workaholic. Machen Sie Dinge auch mal nur so zum Spaß?

Jean: Na klar. Ich liebe Motorräder und Autos, ich liebe es, nur so in der Gegend rumzufahren. Und ich gehe gerne Bowlen und Angeln, das entspannt.

Das Interview führte Stéfan Picker Dressel


"Masquerade - Message To The Streets" (Columbia/Sony Music) wurde am 17. Juni 2002 veröffentlicht

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