Interview mit Xavier Naidoo "Wer glaubt, gilt als uncool"

Xavier Naidoo ist der meistbeschäftigte und gottesfürchtigste Popkünstler Deutschlands und hat soeben sein neues Album "Telegramm für X" veröffentlicht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 34-Jährige über das Gewaltpotential in deutschen Vororten, sein Verhältnis zum Islam und die Versäumnisse der Kirche.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Naidoo, Sie sind Mitinhaber mehrerer Mannheimer Plattenlabels, arbeiten für die dort ansässige Popakademie, sind als Künstler sowohl allein als auch mit den Söhnen Mannheims viel beschäftigt. Im Sommer waren Sie auf Tournee, nun kommt schon ein neues Soloalbum von Ihnen. Brauchen Sie nicht mal eine Pause?

Sänger Naidoo: "Was will ich denn mehr?"
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Sänger Naidoo: "Was will ich denn mehr?"

Naidoo: Nein, ganz und gar nicht. Das ganze ist doch wie Kraftwagen fahren oder wie Kettcar, als wir noch Kinder waren. Das ist doch nicht anstrengend. Ich kann schreiben, ich kann mit Melodien hantieren, ich erarbeite mir einfach etwas Wunderbares. Was will ich denn mehr?

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eher Getriebener oder Suchender?

Naidoo: Ich bin immer auf der Suche nach dem besten Beat. Dennoch fühle ich mich oft eher als Getriebener. Denn wenn der eine Job getan ist, wartet meistens schon der nächste. Gestern beispielsweise habe ich zwischendurch ein Hörbuch aufgenommen, die Produzenten haben auch gesagt, ich soll mal langsamer machen. Aber so will ich das auch - mein Leben ist eine Triebfeder, die immer am Schwingen ist. Ich bin 34 Jahre alt, da denke ich nicht über Stillstand nach. Nicht, solange ich die Kraft habe, was zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Der amerikanische Musiker und Star-Produzent Pharrell Williams hat gesagt, den perfekten Beat gibt es nicht.

Naidoo: Der Meinung bin ich nicht. Der Beat, an dem man gerade arbeitet, ist immer der Beste. Das sieht zwei Wochen später oft schon anders aus. Dann sucht man nach etwas Neuem. Da bin ich Suchender und Getriebener in einem. Ohne diesen Drang, diese Suche, würde ich den Job an den Nagel hängen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Beats haben Sie denn schon in Ihrem Archiv?

Naidoo: Ich habe einen Koffer mit ungefähr 200 CDs, wo nur Beats drauf schlummern. Dazu habe ich noch seitenweise Texte, die schon auf viele dieser Beats zugeschrieben sind. Das ist mein Kapital. Allerdings schreibe ich oft im Studio wieder neue Texte.

SPIEGEL ONLINE: Leidet Ihre Kreativität manchmal unter Ihrem Beschäftigungsdrang?

Naidoo: Nein. Ich bin ja nicht allein im Studio, neben mir steht ja noch der Produzent. Allerdings arbeite ich auch sehr konzentriert, sehr schnell. An einem neuen Song schreibe ich nicht länger als zwei bis drei Stunden. Kate Bush macht das übrigens genauso.

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie in Ihrem Leben eine Erfüllung, die Sie bislang noch nicht gefunden haben?

Naidoo: Nein. Ich glaube, dieser Drang, ständig in Bewegung zu sein, kommt von unserem permanenten Tourleben. Die Woche nach einer Tour beispielsweise ist immer mit Phantomschmerzen verbunden. Um acht fängt man zu Hause von ganz alleine an zu singen, um die Stimme warm zu machen, und um viertel vor neun, wenn normalerweise die Show anfängt, singe ich die Wände an. Man vermisst die Leute, das Leben. Das kriegt man nicht mehr raus, das ist fast wie Liebeskummer. Dann muss ich mich in mein Auto setzen und herumfahren, um mich abzulenken.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind durch Gottesfürchtigkeit in Ihrer Musik bekannt geworden. In der Berliner HipHop-Bewegung ist es zurzeit schick, äußerst blasphemisch und brutal in den Texten zu sein. Wie empfinden Sie das?

Naidoo: Das war ja immer schon so im HipHop, für mich ist das nichts Neues. Neu ist nur die Beachtung, die die Öffentlichkeit diesen Künstlern schenkt. Krass waren viele der Jungs schon immer, aber ich bin den Weg dieser Künstler nicht gegangen. Ich weiß nicht, was denen widerfahren ist. Ich denke aber, jeder von denen braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Die machen halt jetzt ihre Erfahrungen mit Aussagen und Texten, und in ein paar Jahren wandelt sich das wieder. Dann werden die vielleicht politisch und gesellschaftskritisch.

SPIEGEL ONLINE: Künstler wie die Berliner Rapper Sido und Bushido sind mit ihrer Musik auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gelandet. Ist es Ihrer Meinung nach richtig, dass die Politik eingreift, oder sollten sich offizielle Stellen heraushalten, wenn es um Kunst geht?

Naidoo: Sicher ist es bedenklich, wenn in der Musik solche derben Töne angeschlagen werden. Aber eigentlich sollte sich die Politik da heraushalten, weil ich denke, dass sich das anders regeln lassen müsste. Bei Reggae und Dancehall beispielsweise ist das ja nichts anderes. Es gibt ja nichts Homophoberes als Reggae, deswegen hören Schwule diese Musik mit Sicherheit auch nicht. Klar, ich kann auch das frauenfeindliche Bild nicht gutheißen, das in dieser Musik vermittelt wird, aber ich bin jemand, der einem Künstler ein gewisses Maß an Entwicklung zugesteht. Ich will mich da aber auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, weil mir am Anfang auch viele Leute gesagt haben, ich soll meinen Glauben aus meinen Texten rauslassen.

SPIEGEL ONLINE: Anlässlich der Unruhen in Paris wurde französischen Politikern vorgeworfen, dass sie sich nur die Alben der französischen Rapper hätten anhören müssen, dann hätten sie frühzeitig gewusst, was in den Köpfen der Jugendlichen vorgeht. Wäre es so gesehen nicht besser, wenn die Politik hierzulande der Popmusik mehr Aufmerksamkeit schenkt?

Naidoo: Wir stehen zwar vor denselben Problemen, können aber noch die Kurve kriegen. Ich glaube nicht, dass solche Ausschreitungen auch bei uns möglich sind. In Frankreich ist es dafür tatsächlich zu spät. Die Leute sind dort längst über den Punkt hinaus, dass man mit Geld und Zuwendungen etwas ändert. Im Gegenteil, wir müssen uns in Europa auf etwas ganz anderes einstellen.

SPIEGEL ONLINE: Und das wäre?

Naidoo: Wenn immer mehr Leute arbeitslos werden, packt doch viele die Angst. Dann werden auch bei uns die Vorstädte zu Krawallburgen. Gucken Sie sich Holland an, da ist in den Vorstädten der meistgegebene Vorname Mohammed. Die Leute sind einfach krass drauf, weil die einen Glauben haben, der sie so krass macht. Ich würde da gern in meinen Texten mal drauf eingehen, aber nachher geht das nach hinten los, und einige Fanatiker zünden mir das Studio an.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen der Islam Angst?

Naidoo: Nein, Angst nicht. Der Krieg im Irak hat sicher dazu beigetragen, dass der Islam heute viel mehr im Fokus steht als noch vor einigen Jahren, und leider nicht immer nur positiv. Für mich ist es beispielsweise schwer zu verstehen, dass so viele Mohammedaner zu den vielen Anschlägen mit klar terroristischem Hintergrund schweigen und sich nicht klar distanzieren. Da fehlt mir die Anteilnahme.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass der Islam die westlichen Glaubensgemeinschaften nicht akzeptiert?

Naidoo: Diese Haltung schlummert sicher in vielen. Die respektieren unseren Glauben nicht, sie akzeptieren uns als Menschen nicht. Ich glaube, dass viele denken, dass das den Ungläubigen zu Recht geschieht. Und wenn man sieht, was in Afghanistan und im Irak passiert, haben sie nicht mal Unrecht. Wenn man sieht, weswegen Kriege geführt werden, dann kann man ihnen nur Recht geben.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie wegen Ihres Glaubens schon angefeindet?

Naidoo: Nein, von Muslimen nicht. Die respektieren mich gerade, weil ich einen Glaube habe, weil ich überhaupt an etwas glaube. Die sagen, der Typ steht für sein Ding und wir für unseres. Wenn ich Probleme hatte in der Vergangenheit, dann von vielen Landsleuten, die bis heute der Meinung sind, dass das mit dem Glauben alles nur eine Masche ist.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Kirche bei uns in den vergangenen Jahrzehnten versäumt, die Jugendlichen für sich zu begeistern?

Naidoo: Ja klar, dass muss man leider so sagen. Wer heute an etwas glaubt, gilt doch als uncool. Egal, ob es sich um Politik oder um die Kirche oder Gott handelt.

Das Interview führte Stéfan Picker-Dressel


Das Album "Telegramm für X" ist am 25. November bei bei Naidoo Records/SPV erschienen



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