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12. August 2005, 14:15 Uhr

Irak-Krieg

Vom GI zum Country-Star

Luke Stricklin aus Arkansans, USA, war als Soldat im Irak stationiert. Seine Erlebnisse konnte er der Familie zu Hause nicht erzählen - aber vertonen. Sein Song "American by God's Amazing Grace" ist inzwischen ein Hit.

Countrymusiker Stricklin: Singen statt sprechen
AP

Countrymusiker Stricklin: Singen statt sprechen

"Bottom of my boots sure are getting worn/There's a lot of holes in this faded uniform/Hands are black with dirt and so is my face/Ain't ever been to hell, but it can't be any worse than this place" ("Meine Schuhsohlen sind abgelaufen/Es gibt eine Menge Löcher in dieser verblichenen Uniform/Die Hände und das Gesicht sind schwarz von Schmutz/Ich war niemals in der Hölle, aber sie kann nicht schlimmer als dieser Ort sein"): Luke Stricklin aus Arkansas wusste, warum er diese Zeilen in sein Notizbuch schrieb. Es ist die Realität, die der 22-Jährige beim Einsatz in Bagdad erfuhr und über die er nicht sprechen konnte.

Stricklin blieb Antworten schuldig - Antworten auf die ständig wiederkehrenden Fragen seiner Mutter. Wie es sei im Irak, wie es ihm ergehe. Stricklin sagte der Nachrichtenagentur AP, er habe nicht antworten können: "Die Anrufe zuhause waren gekünstelt. Die Arbeit war das Letzte, worüber du reden wolltest. Meine Mutter sagte immer, ich würde ihr nicht die Wahrheit erzählen, und sie hatte Recht. Ich habe ihr immer versichert, dass alles in Ordnung sei. Ashley, meine Frau, konnte es nicht ertragen, wenn ich über den Einsatz sprach. Wir haben einfach immer über andere Dinge geredet", erklärte der ehemalige Soldat.

Statt über seine Eindrücke zu sprechen, schrieb Stricklin, der insgesamt 14 Monate im Irak stationiert war, seine Erfahrungen nieder: in Liedform. Seine Erlebnisse verewigte er in seinem Laptop und in dem Notizbuch, das er bei seinen Patrouillen mit sich trug.

Gemeinsam mit einem Kameraden schrieb er die Musik zu dem Stück. Er bat einen irakischen Jungen auf einem Markt, für ihn nach einer Gitarre zu suchen. 50 Dollar bezahlte der Amerikaner letztlich für das Vorhaben: 25 für die Gitarre und 25 als Belohnung für den Jungen.

Stricklin und sein Freund Shultz schlossen sich in ihrem Zimmer in einem ausgebombten Haus in Bagdad ein, um das Lied aufzunehmen. Sie installierten die nötige Software auf ihrem Laptop und schalten ein billiges Mikrofon an. "Ich saß auf einem Wasserkühler, aber wir haben ihn immer den Aufnahme-Hocker genannt."

Als der Song fertig war, mailte Stricklin ihn seiner Mutter. "Mum, hör dir das an", habe er geschrieben. Als sie das Lied gehört habe, sei sie weinend zusammen gebrochen, sagte Sheila Harrington, Stricklins Mutter, der AP.

Sie leitete die E-Mail weiter an die Familie und Freunde. Alle sollten wissen, was ihr Sohn im Irak erlebt hatte. Eine weitere Kopie sendete sie dem lokalen Radiosender. Das Werk ihres Sohnes verdiene mehr Aufmerksamkeit, fand sie.

Der Radiosender spielte den Song und erhielt Dutzende Zuschriften. Als Stricklin im März nach Hause zurückkehrte, spielten die Country-Stationen in ganz Amerika "American by God's Amazing Grace". Der frühere Soldat begann, öffentlich aufzutreten. Vor kurzem nahm er im Country-Mekka Nashville, Tennessee, eine Studioversion seines Stückes und ein Debütalbum auf, das im September erscheinen soll.

Bevor er als Soldat in den Irak ging, arbeitete der 22-Jährige in einem Elektromotorengeschäft. Jetzt versucht er sich an einer Karriere im Musikbusiness. Mit guten Chancen: Seit "American by God's Amazing Grace" als Single veröffentlich wurde, wird Stricklin in Internet-Chatrooms schon als neuer Country-Star gefeiert. Der Ex-GI nutzte die Chance und trat inzwischen mehrfach im amerikanischen Fernsehen und bei verschiedenen Radiostationen auf.

Während er auf den großen Erfolg hofft, ist seine Mutter einfach dankbar für die Zeilen ihres Sohnes. "Ich kann den Text auswendig", sagt sie stolz. "Ich habe die CD immer mit mir getragen und sie jeden Tag gehört."

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