Israelische Band Boom Pam Musikalische Matze-Klößchen

"Könnten die Menschen nur so einfach zusammen leben wie die Einflüsse in der Musik", seufzt Dudu Kohav, Sänger der israelischen Pop-Gruppe Boom Pam. Die Band, zurzeit auf Deutschland-Tournee, bemüht sich mit musikalischen Mitteln um einen Friedensprozess im Nahen Osten.
Von Thomas Winkler

Für jeden anderen wäre es wohl nur ein gutes Gespräch unter Fremden gewesen. Für Dudu Kohav war es der neuerliche Beweis, dass Musik die Welt voran bringen kann auf dem Weg zu Liebe, Frieden und Verständigung. Das historische Treffen mit einem libanesischen Staatsbürger fand letztes Jahr nach einem Auftritt von Boom Pam, Kohavs Band aus Tel Aviv, in Köln statt. "Ohne die Musik", sagt der israelische Schlagzeuger, "hätte ich diesen Libanesen niemals getroffen". Und wenn, dieser Zusatz hängt unausgesprochen im Raum, dann hätte Kohav wohl kaum Gelegenheit gehabt, sich so freundlich mit ihm zu unterhalten.

Trotzdem sind Boom Pam keine politische Band. Die meisten ihrer Songs sind Instrumentals und tragen Namen wie "Souvlaki #3" oder "Love Song". Wenn gesungen wird, dann vornehmlich über das schöne Geschlecht und den Spaß, den man gemeinsam haben kann. In den ersten Monaten nach ihrer Gründung 2003 verdiente die Band ihr Geld vor allem damit, Hochzeitsgesellschaften einzuheizen. Auch abseits der Bühne halten sich die Musiker, zurzeit erneut auf Deutschland-Tournee, mit politischen Aussagen zurück und versuchen, in den inner-israelischen und den jüdisch-palästinensischen Konflikten eine neutrale Position zu bewahren.

Nein, Boom Pam sind keine politische Band. Einerseits. Andererseits aber steht ihr Sound für eine Idee, für den Traum von einem funktionierenden Zusammenleben der Kulturen. In den Songs des Quartetts trifft der Okzident auf den Orient, arabische Harmonien auf griechische Folklore und eine bayerisch anmutende Tuba, russische Sentimentalität auf kalifornische Surf-Gitarren, afrikanische Melodik auf klassische Komponisten. Selbst Klezmer, den sie zwar lieben, der aber im modernen Israel nur noch als Touristenattraktion eine Rolle spielt, ist bisweilen als Spurenelement bei ihnen zu hören.

Sind Boom Pam postmodern? "Postpostpostpostpostmodern", lächelt Uri Brauner Kinrot, der zweite Gitarrist neben Uzi Feinermann. Vor allem aber finden bei Boom Pam Ost und West, Nord und Süd friedlich zueinander. Mit traumwandlerischer Sicherheit legt das Quartett seine musikalischen Finger auf die Nahtstellen, die der angeblich tobende Kampf der Kulturen geöffnet hat. Und wenn die Menschen, wie bei ihrem Auftritt im Rahmen der Jüdischen Kulturtagen, die Stühle im gläsernen Festivalzelt zur Seite räumen und den Hinterhof der Neuen Synagoge in Berlin zur Tanzfläche erklären, dann scheinen sich diese Nahtstellen für einen Moment wieder ein wenig zu schließen.

Nur in Israel mit seinen Einflüssen aus der ganzen Welt, hat diese Musik entstehen können. Denn die ist nicht etwa geplant, sondern bestenfalls, so Tuba-Spieler Yuval "Tuby" Zolotov, "unbewusst konstruiert". Denn dass Boom Pam klingen, wie sie klingen, ist nicht wirklich überraschend, wenn man die kulturellen Hintergründe und musikalischen Wege der Mitglieder rekapituliert: Die vier haben, bevor sie sich zu Boom Pam zusammen fanden, klassische Musik gespielt, Jazz und Folklore, traditionelle Hochzeitsmusik oder Fifties-Rockabilly, Latin, Heavy Metal, Garagenrock, Avantgarde und Indierock. Ihre Eltern stammen aus Russland, Rumänien, Usbekistan, Deutschland, der Tschechoslowakei, Italien und der Ukraine; Kohav hat eine Zeit lang in New York gelebt. Folglich, findet Gitarrist Kinrot unter dem Gelächter seiner Mitmusiker eine Metapher, funktionierten Boom Pam wie ein Matze-Klößchen, das in einem Teller Suppe schwimmt. Der Teller ist Israel und das Matze-Klößchen nimmt unweigerlich den Geschmack der Suppe an.

Ein Klößchen, das immer mehr Israelis zu munden scheint. Mitunter spielen Boom Pam in ihrer Heimat schon vor 8000 Festival-Zuschauern; längst haben sie es nicht mehr nötig, bei Hochzeiten aufzutreten. Die Veröffentlichung ihres Debüt-Albums, auf Vermittlung des deutschen DJs Shantel (Bucovina Club) in Frankfurt am Main aufgenommen, dürfte die Karriere der Band erst recht in Fahrt bringen. Noch haben Boom Pam nicht im Westjordanland oder in Gaza gespielt. Zu gefährlich für sie seien die Gebiete unter palästinensischer Selbstverwaltung, sagen sie. Aber wäre es möglich, wären sie sofort dabei.

Denn Boom Pam, so sehen sie es jedenfalls, spielen den Soundtrack zu einem Traum. In diesem Traum leben die Menschen im Nahen Osten friedlich miteinander, reichen sich die Kulturen die Hände, finden Juden und Moslems, Israelis und Palästinenser einen gemeinsamen Weg aus der Krise. "Könnten die Menschen nur so einfach zusammen leben wie die Einflüsse in der Musik", sagt Kohav, "dann gäbe es keine Probleme".

Boom Pam, das hört sich für unsereinen nach dem lautmalerischen Abbild eines Schusses an, womöglich nach dem Einschlag einer Rakete. Nein, auf diese Interpretation ihres Namens wären sie noch nie gekommen, sagt Kinrot. Benannt haben sie sich nach einem alten griechischen Song, und "Boom Pam" steht für den Herzschlag. Und dieses Herz, so naiv das sein mag, schlägt am rechten Fleck. "Musik bringt die Menschen zusammen und das ist viel heutzutage", sagt Feinermann. Kann Musik womöglich tatsächlich zum Frieden beitragen? Vielleicht, sagt der Gitarrist, "wir arbeiten jedenfalls dran".


Boom Pam: "Boom Pam" (Essay/Indigo) ist im November 2006 erschienen.

Tourdaten:
26.02. Köln, Stadtgarten
27.02. Berlin, Arena
28.02. Erlangen, E-werk
05.03. Frankurt, Nachtleben
06.03. Düsseldorf, Zakk
11.03. Bielefeld, Forum
16.03. Hamburg, Datscha Projekt
18.03. Wiesbaden, Schlachthof