Musiksammeln heute "Der iPod? Ein digitaler Faustkeil"

Apple hat das Ende von iTunes verkündet. Hier erklärt ein Experte, warum damit eine Ära zu Ende geht, wie wir heute unsere Musik sammeln - und warum der männliche Platten-Nerd der Vergangenheit angehört.

Musikhören: "Scham über schlechten Geschmack? Auch ein Auslaufmodell"
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Musikhören: "Scham über schlechten Geschmack? Auch ein Auslaufmodell"

Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Christian Elster , 35, hat an den Universitäten Hamburg und Zürich ethnografisch erforscht, wie Menschen ihre Musik sammeln, ordnen und archivieren. Seine Dissertation zum Thema, auch über den Wandel und die Umbrüche in dieser kulturellen Praxis, wird als Buch erscheinen. Derzeit ist er Assistent am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Elster, Apple hat das Ende von iTunes auf dem Mac verkündet. Geht damit eine Ära zu Ende?

Elster: Das kann man schon sagen, ja. iPod und iTunes waren ein chronisches Duo.

SPIEGEL ONLINE: Wie begann diese Ära?

Elster: Es war die erste Form, Musik digital und legal zu besitzen, die für viele Menschen offenbar Sinn ergeben hat. MP3 gab es schon, aber Steve Jobs hat es geschafft, die Musikindustrie ins Boot zu holen.

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg lag also auch am iPod als Ding?

Elster: Der iPod ist ein Symbol und Werkzeug dieser Transformation von einem Medium zum anderen, ja. In einer der ersten Anzeigen für das Gerät sah man einerseits ein Zimmer mit unzähligen Platten und CDs, und auf der anderen Seite nur den iPod und die Überschrift: "1000 Songs in Your Pocket". Wie man die Platten physisch nicht mehr brauchte, weil es den iPod gab, benötigt man mit der heute stattfindenden Transformation den iPod nicht mehr. Er ist heute ein digitaler Faustkeil.

SPIEGEL ONLINE: Zugleich aber auch ein beinahe magisches Objekt, das eine Überfülle in sich trug.

Elster: Das kann man so sagen. Zugleich hat die Wertigkeit dieses Objekts geholfen, ein Verlustgefühl abzufedern, das mit Medientransformationen oft einhergeht. Der iPod greift in seinem Design einige Elemente auf, die auf das Analoge anspielen, etwa den "Cover Flow". Den körperlosen Soundfiles wird so auf eigenartige Weise Gewicht verliehen.

SPIEGEL ONLINE: iTunes war, nachdem der Ton sich von seinem Träger gelöst hat, das letzte Sammeln. Musik auf meinem iPod war Musik in meinem Besitz - und sei es nur als Datei auf der Festplatte. Nun löst sich auch das in die Cloud auf, oder?

Elster: Bei meinen Untersuchungen gab es dazu sehr unterschiedliche Ansichten darüber, was Sammeln eigentlich ist. Sie reichten von der Auffassung, dass gar nicht mehr gesammelt wird bis zur Annahme, dass sogar noch mehr gesammelt wird als früher. Ich verstehe Sammeln als eine Alltagspraxis, durch die Menschen Orientierung schaffen, etwa in dem sie das riesige Angebot von Spotify in persönlichen Playlisten kuratieren. Das ist gewiss situativer, kurzweiliger. Das Bild vom Plattensammler als meist männlichem Connaisseur, der genau weiß, was ihm noch fehlt, gilt in diesem Zusammenhang nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Mit Diensten wie Spotify hat aber doch Musik jede Materialität verloren.

Elster: Ja, oder eben in Form von iPod und Smartphone eine neue gewonnen. Es gibt einen interessanten Essay von Walter Benjamin, "Ich packe meine Bibliothek aus", in dem er seine Leidenschaft für das Sammeln von Büchern beschreibt. Ihm geht es nicht nur darum, was in den Büchern steht, sondern ganz stark um die Artefakte. Dinge, die mit ihrem Besitzer altern, mit denen man umzieht - und die mit Dateien oder Playlists in der Tat wenig zu tun haben. Gerade der iPod ist aber als persönliche Jukebox für viele Menschen selbst zu einer Art Fetischobjekt geworden.

iPod: "Mit Musik sammelt man immer auch Fluchtwege"
Gero Breloer/ DPA

iPod: "Mit Musik sammelt man immer auch Fluchtwege"

SPIEGEL ONLINE: Warum sammeln wir überhaupt?

Elster: Platten und Playlists haben für viele eine Tagebuchfunktion. Musik verbindet man oft mit Erinnerungen, verstärkt durch Plattencover oder Käufe an bestimmten Orten. Musiksammlungen sind deshalb auch eine sehr gute Gesprächsgrundlage. Es gibt ja auch den popkulturellen Mythos, dass ich über die Bücher- oder Plattensammlung etwas über den Menschen erfahren kann, der sie anlegt.

SPIEGEL ONLINE: Es hat einmal auf einer Party eine sehr geschmacksichere Frau beinahe meine Wohnung verlassen, weil sie im Regal einige Platten von Marillion entdeckt hatte.

Elster: Genau. Neben der Teilfunktion bei Spotify, mit der ich aller Welt "meine" Musik kommunizieren kann, gibt es auch die umgekehrte Möglichkeit, die Private Session - ich kann geheime Leidenschaften für mich behalten. Wobei ich glaube, dass so etwas wie Scham über schlechten Geschmack auch ein Auslaufmodell ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Elster: Auch durch iTunes haben sich Genregrenzen doch sehr erweitert. Die eindeutigen Zuschreibungen zu bestimmten Bands oder Genres haben sich eher gelöst. Heute zeugt es in vielen Kreisen eher von kulturellem Kapital, da beweglich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Umberto Eco, ein großer Büchersammler, hat gern auf den Wert gerade jener Bücher in seiner Sammlung hingewiesen, die er gerade nicht oder noch nicht gelesen hatte. Gilt das auch für die Überfülle an Musik?

Elster: Ja, denn mit Musik sammelt man immer auch Fluchtwege. Eine wichtige Idee von Pop ist, dass man ganz viel sein kann. Dass einem Musik vergangene oder fremde Welten öffnet, die mit der eigenen gar nichts zu tun haben. Heute kann ich in die schwule Discokultur der Siebzigerjahre eintauchen und morgen in die Punkszene in England.

SPIEGEL ONLINE: Beklagt wurde schon bei iTunes, dass das Album als Format und Darbietungsform kohärenter Musik sich auflöst.

Elster: Das mag man als Verlust empfinden. Viele Sammler verstehen das aber auch als digitale Befreiung, weil sie nicht alles mitkaufen müssen, was die Künstler beziehungsweise Plattenfirmen auf Platten draufpacken. Der Zugang und die Anordnung von Musik wird so individueller. Wobei die Praxis des persönlichen Kompilierens ja schon älter ist, man denke nur an das Mixtape.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Schallplatte, das Vinyl, ist noch da.

Elster: Ja, und das ist absolut kein Widerspruch. Deshalb lässt sich dieser Wandel nicht nur als Fortschritt erzählen. Es besteht vieles gleichzeitig. Ob das noch für jüngere Leute gilt, wird man sehen müssen. Da gibt es inzwischen die Auffassung: Schön und gut, so eine Plattensammlung - aber ich kann doch überhaupt nicht darauf zugreifen, weil ich die meiste Zeit unterwegs bin! Ästhetische Zuschreibungen und praktische Nutzungsweisen bekommen da ganz neue Gewichtungen.

SPIEGEL ONLINE: Eine Auffassung, die es ohne iTunes und iPod vermutlich nicht gäbe.

Elster: iPod und iTunes haben sicher zu einem guten Teil dafür gesorgt, dass wir uns an mobile Technik gewöhnt haben. Die Tatsache, dass wir heute alle ein Smartphone in der Tasche haben und damit umgehen, wurde damals von einer technikaffinen Vorhut vorgelebt und eingeübt.



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marthaimschnee 08.06.2019
1. Zurück in die Zukunft
Im Prinzip haben wir heute rein gar nichts gewonnen. Damals waren wir sich permanent ändernden Formaten und fragilen Quellen ausgeliefert. Heute ist es die Willkür von Konzernen, die einem vorschreibt, daß der eigene Workflow veraltet zu sein hat und Dienste einfach mal so beenden, auf die man gebaut hat. An der Stelle fühlen sich Cloud-Skeptiker und Always-Online-Verweigerer bestätigt darin, daß nichts real ist, was nicht auf dem eigenen Speichermedium liegt und ohne Mühe auf einem gänzlich anderen System exakt so wie gewohnt weiter verwendet werden kann. Geht zu Apple, Microsoft, Google, holt euch dort alles aus einer Hand. Aber seid gewarnt, diese Hand kann eure digitale Präsenz spielend erwürgen, wenn es dort irgendwem in den Sinn kommt - oder jemandem, der genug Einfluß auf sie hat, siehe Huawei.
Moridin 08.06.2019
2. "iPods" verschwinden nicht!
Der Markt für solche Geräte boomt aktuell. Es gibt immer mehr Anbieter, die verschiedene Geräte für verschiedene Ansprüche auf den Markt bringen. Sicher ist das kein "Massenmarkt" wie zu Zeiten des iPods, aber glücklicherweise sind genug Menschen nicht mit ihrem Smartphone zum Musikhören zufrieden. Das Angebot an solchen Geräten ist sehr divers - von möglichst klein und / oder günstig bis zu Luxusartikeln für mehrere Tausend Euro oder Android-Geräten, die alles Android-typische können, nur eben kein Smartphone sind. Da Frage ich mich, wann sich endlich Mal der Smartphone-Markt diversifiziert und mehr Geräte in unterschiedlicher Größe auf den Markt kommen. Allein das würde mir schon ausreichen - soweit ist es schon gekommen!
murun 08.06.2019
3. Gerät toll, Software nicht
Ich hatte in den 2000ern einen IPod, ein an sich ein großartiges Gerät: smarte und durchdachte Bedienung, toller Klang, wertige Verarbeitung. Wenn nur nicht ITunes gewesen wäre - man war ja darauf angewiesen, um das Teil zu bespielen. Zumindest bei MS Windows war die Software aufgeblasen und äußerst träge. Zudem hat sie den Musikdateien eigene Dateinamen verpasst, so dass man anhand dessen nicht mehr erkennen konnte, um welche Musik es sich handelte. Allein ITunes war der Grund, den Player wieder zu veräußern.
Gaudee 08.06.2019
4. Hörbücher
Ich habe bisher in keinem Artikel rund um die Abschaffung von iTunes etwas darüber gelesen, wie man ohne iTunes ein Hörbuch oder Hörspiel auf das iPhone laden kann. Gibt es dazu schon Aussagen?
ambulans 08.06.2019
5. nun,
ich für meinen teil betrachte mich im allgemeinen eigentlich eher als "neo-phil" und bin deshalb in letzter zeit zunehmend irritiert, wenn mich soz. "gefühlt" 13-jährige über ihre sicht auf "die" (welche?) zukunft informieren/belehren wollen. schön, wenn der hier zitierte auskunftgebende sich ausführlich mit "europäischer ethnologie" (ich kenne ziemlich viele ernsthafte menschen, die gerade verzweifelt dieses "europäische volk" zu finden suchen) auch noch im herrlichen österreich (wien!) diesem, ähem, "erkenntnis-interesse" nachgehen kann - wien soll ja eine richtig schöne und gerade derzeit besonders interessante stadt sein, wie man hört. zum thema: was will mir dieser anhänger einer gewissen apfel-sekte eigentlich mitteilen? merke: zuerst - kommt der inhalt (gespeichert wie auch immer), und - dann das medium. isses nicht mehr ei-tunes aufm ei-pod, heißts demnächst eben anders. könnten wir also diesen ziemlich überflüssigen werbeblock jetzt bitte einfach beenden? merci, dr. ambulans (alle kassen)
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