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Ja, Panik auf Deutschlandtour: Die Utopie und ihre Uneinlösbarkeit

Foto: Gabriele Summen

Tourstart von Ja, Panik Mit Bacardi-Feeling gegen das Scheiß-System

Die schönste Revolution taugt nichts, wenn man dabei nicht tanzen kann: Auf ihrem neuen Album "Libertatia" wollen Ja, Panik die bestehenden Verhältnisse nicht bloß kaputthauen - sondern auch eine bessere Welt schaffen. Jetzt geht die Band auf Tour.

Um "Libertatia", das neue, ausgezeichnete Album von Ja, Panik zu verstehen, muss man zunächst zu einem kurzen "Was bisher geschah" ausholen. Und sich den bilderstürmerischen Titeltrack des Vorgängers "DMD KIU LIDT" (ausgeschrieben: "Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit") anhören, diesen kratzenden, belfernden Unwirsch von einem Lied, durch dessen 15 Minuten sich Andreas Spechtl, der Sänger der Band, mit letzter Lungenluft zetert und greint. Zerschlagen und in die Luft sprengen wollte er darin am Ende die verdammten Umstände, das ganze Scheißsystem, und wenn man das schon am frühen Morgen hörte, wurde es fast unmöglich, die Bahn in Richtung Bürosteinbruch zu besteigen.

Die aufrührerische Emphase der Band richtete sich ganz zum Schluss auch gegen sich selbst: "Wie gesagt, es ist alles beim alten / nur, dass ich finde, es wär an der Zeit aufzuhören / das bisschen Klingbim, Lalala für gar so wichtig zu halten / Gilt es doch nach wie vor, eine Welt zu zerstören." Und dann schließlich der Cliffhanger, die allerletzten Zeilen, in denen Spechtl noch ein paar Strophen mehr ankündigte, "an denen mir mehr als an allen anderen liegt". Die kamen dann natürlich nicht mehr, sondern Stille.

Getrübte Freibeuterromantik

Wie setzt man da knapp drei Jahre später nun wieder an? Wenn alles kurz- und kleingeschlagen ist? "Natürlich musste ich mich nach einem solchen Stück fragen: Soll ich mich jetzt wirklich umbringen? Die Band auflösen?", sagt Spechtl. "Die neue Platte macht nun aber ein radikaleres Statement: Den Entschluss, weiterzumachen, sich zu behaupten. Ein Statement gegen Einsiedlertum und Aufgabe."

Heiter, leichtflaumig, fast schon nach Bacardi-Feeling klingt die erste wie das Album "Libertatia" benannte Single: "One World, One Love, Libertatia". Später wird auf der Platte das klassische Polizistenschmähungskürzel ACAB in schaumigen Fluff umgedeutet: "All cats are beautiful." Notierte man bislang gerne The Velvet Underground und Siebziger-Jahre-Roxy-Music als Referenzen, sind es jetzt eher die Achtziger, Keyboards, Harmoniegesang. Und obwohl die Band seit ihrer letzten Platte um zwei Mitglieder geschrumpft ist, klingt alles irgendwie mehr. "Libertatia" beschreibt auch das Zurechtruckeln als Trio - "unsere zweite erste Platte", sagt Spechtl.

Den ganzen Sommer verbrachten sie zu dritt in wechselnden Kellern, im Berliner Proberaum, im Hamburger Studio von Tobias Levin und dachten an den nördlichen Zipfel Madagaskars. Dort soll es im 17. Jahrhundert eine kleine Piratenkolonie namens Libertatia gegeben haben, eine kleine Blase paradiesischer Zustände, ohne Sklaverei, mit Frauenrechten, ein heiler Hort. Die Freibeuterromantik wird allein durch den Umstand getrübt, dass man nicht sicher weiß, ob es die Kolonie je wirklich gab - ein Zwiespalt, der auch das Album durchzieht, dem die Piratenträumerei den Namen gab.

Tanz auf den Trümmern der EZB

Denn während Ja, Panik sich auf ihren bisherigen Alben daran rieben, wie man nicht leben will und was alles arg ist, geht es nun darum, sich trotzdem in einer Welt einzurichten, die den Ansprüchen an ihren Idealzustand nie genügen wird. So springt das Album zwischen der Utopie und dem Wissen um ihre Uneinlösbarkeit. "Sich mit diesem Zwiespalt auseinandersetzen, das finde ich interessant", sagt Spechtl. "Das Bewusstsein darum ist ja schon die Lösung, dieser dauernde struggle. Es gibt kein Patentrezept, ihn aufzulösen."

Das wusste schließlich schon Buffy, die weise Vampirjägerin: Nicht die Dämonen und Schauderfratzen auf der Welt sind das Problem, denn ihnen kann man den Kopf abschlagen. Nein: "The hardest thing in this world is to live in it." Mit der Erkenntnis zu leben, dass die Welt einfach weitermacht und man sich irgendwie mit ihr und in ihr arrangieren muss, ohne die eigenen Ideale und Spinnereien in den Ascheimer zu kippen. "Eigentlich wissen es alle", heißt ein "Libertatia"-Lied - dass man nicht ewig die Faust schütteln kann, sondern irgendwann auch mal das Leergut wegbringen muss.

"Libertatia" sei dabei nicht weniger kritisch als die Vorgängerplatten, sagt Spechtl: "Nur nicht mehr so schwarzmalerisch, kein Abgesang." Also tanzt er auf den Trümmern der Europäischen Zentralbank, getreu des alten Diktums, dass sie schönste Revolution nichts taugt, wenn man dazu nicht lustig herumspringen kann: "Take a step to the side to sing the song of the beast / shake the government, shake it's police / dance the ECB, swing die Staatsfinanzen / sing ihnen ihre Melodien, zwing sie zum Tanzen."

Und am schönsten arrangiert es sich immer noch gemeinsam. Wie in "Chain Gang", dem zackigen Kettenrassler: "Wenn schon ein Leben, das nur Mauern schafft / dann wenigstens nicht mehr in Einzelhaft." Andreas Spechtl zieht eine unerwartete, durchaus einleuchtende Referenz aus der Piratenkiste: "Bei 'Libertatia' geht es um etwas Gemeinschaftsstiftendes, das in dunklen Momenten entsteht - ganz in der Gospel-Tradition. Etwas Positives, das nicht Trost spendet, sondern die Kraft weiterzumachen." Und warum nicht durch tanzen, ta-ta-tanzen.


Das Album "Libertatia" von Ja, Panik ist bereits erschienen; Am 4. Februar startet die Band ihre Tour im Hamburger "Uebel & Gefährlich". Weitere Termine auf ja-panik.com .