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Jamie Cullum auf Tour: Wer hat Angst vor Musik?

Foto: Dave Hogan/ Getty Images

Jamie Cullum auf Tour Wer hat Angst vor Musik?

Er steht auf seinem Klavier, spielt, singt und tanzt gleichzeitig: Bei seinen Deutschlandkonzerten zeigt der Brite Jamie Cullum, dass man für mitreißenden Jazz keine durchdesignte Bühnenshow braucht. So überzeugt er Jazz- und Popfans - und ignoriert engstirnige Kritiker.
Von Sarah Seidel

Jamie Cullum

Er habe die Seele und das Herz eines Jazzmusikers, sagt . Aber er sei eben auch einer, der Popmusik mache, ohne sich dafür zu entschuldigen. Und er schert sich nicht um Kategorien. Jazz oder Rock, diese Frage scheint sich ihm nicht zu stellen. Das Albumcover seiner jüngsten CD "The Pursuit" zeigt den singenden Pianisten vor einem explodierenden Konzertflügel. Als wolle er zeigen, dass er mit der Tradition gebrochen hat und neue Ufer anstrebt. Auf der Bühne geht er mit seiner Band meist so energiegeladen zur Sache, dass man tatsächlich Angst um das Klavier haben muss, auf dessen Tasten er haut, auf dem er manchmal sogar steht und singt, um dann federnd wieder herunterzuspringen und wie entfesselt weiterzuwirbeln.

"Ich habe gemacht, was ich wollte"

Von einem überaus erfolgreichen "Twenty Something" (so der Titel seines ersten Erfolgsalbums), einem Mittzwanziger, ist Jamie Cullum nun zu einem "Thirty Something" geworden. Am 20. August wird er 31.

Der Plattenvertrag mit einem internationalen Label bedeutete 2003 den Durchbruch für den Engländer. Im selben Jahr erhielt er den British Jazz Award als "Rising Star". Inzwischen verkauft Cullum seine Alben millionenfach. Seit "Catching Tales" von 2005 und nicht zuletzt seit "The Pursuit" wird Jamie Cullum von den Jazzpuristen in die Kritik genommen. Er werde von seinem Label zum Popstar aufgebaut. Mit Jazz hätte seine Musik nichts mehr zu tun, sagen sie. Ist Jamie Cullum nun einfach das Aushängeschild einer neuen, experimentierfreudigen Generation von Jazzmusikern oder bedeutet seine Musik den Ausverkauf des Jazz?

Paul Weller

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"Ich habe immer gemacht, was ich wollte", sagt Cullum. "Als ich 2003 meinen Plattenvertrag hatte, spielte ich im Anzug in Londoner Clubs wie dem Ronnie Scott's oder dem Pizza Express. Ich habe Standards gespielt und mal hier, mal da einen Song von mir, der etwas mehr losging. So etwas wie 'I Want To Be A Pop Star'. Auf der anderen Seite war ich in einer Rockband, die mit und tourte. Ich war Anfang 20 und wusste nicht, wie ich diese beiden Welten zusammen bringen sollte. Es gab aber eigentlich keinen Grund, beides zu trennen. Rock und Jazz konnte ich nach einer Weile auf der Bühne zusammenbringen."

Landung in Popgefilden

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Für Jamie Cullum ist der Crossover kein Problem. Er selbst bezeichnet auch Singer/Songwriter wie Donald Fagan und Walter Becker von oder Bruce Hornsby und als Jazzmusiker. Cullum meint, es sei die Art, wie sie sich den Melodien näherten, wie sie mit Akkorden umgingen, wie sie der Improvisation in ihren Stücken Raum gäben. All das sei gemacht wie von Jazzmusikern, meint er. Durch ihr Werk wehe der Geist des Jazz, sie hätten ihn im Blut, das müsse aber nicht in Jazz resultieren. Tatsache ist, dass Jamie Cullum mit "The Pursuit" in populären Gefilden gelandet ist. Besonders in England müsse er sich oft vor Jazz-Journalisten rechtfertigen, so Cullum. Sie hätten ein Problem damit, dass er den Pop hochhalte. "Das englische Magazin ,Jazzwise' hat mein Album besprochen", erzählt er. "Sie haben es nur mit einem Stern bewertet und gesagt, es sei schrecklich. Gut sei es nur, wenn man Pop mag. Ich glaube, die haben Angst vor Pop. Ich mache einfach Musik, von der ich denke, dass sie sich gut anfühlt."

Wer Jamie Cullum einmal live erlebt hat, weiß, dass sich seine Konzerte mehr als nur gut anfühlen. Egal, ob man nun Jazz- oder Popfan ist, seiner sprühenden Bühnenpräsenz kann man sich nicht entziehen. Da wird gespielt, gesungen und gesprungen, da wird gescattet und getrommelt, da wird die Mitte des Zuschauerraums im Handumdrehen zur Bühne gemacht, bis das Publikum nicht mehr zu halten ist. Da denkt niemand darüber nach, in welche Schublade dieser Künstler gehört: ob er nun der "Robbie Williams des Jazz" ist, oder der "Charlie Parker des Pop", wie ihn das amerikanische Jazz-Magazin "Downbeat" titulierte.


CD:
Jamie Cullum: "The Pursuit" (Universal).

Konzerte:
18.8. Hamburg / Stadtpark, ausverkauft ( Infos );
21.8. Bochum / Zeltfestival Ruhr, ausverkauft ( Infos ).
31.10.10 Bremerhaven / Stadthalle;
01.11.10 Braunschweig / Stadthalle;
02.11.10 Berlin / Tempodrom;
04.11.10 Hannover / Kuppelsaal;
07.11.10 München / Circus Krone;
09.11.10 Düsseldorf / Philipshalle;
10.11.10 Dresden / Kulturpalast;
11.11.10 Kempten / BigBOX;
02.12.10 Freiburg / Konzerthaus;
14.12.10 Frankfurt / Jahrhunderthalle.
Karten: Wizardpromotions .

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