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Jazzgeschichte: Die Schallplatte ist die "Partitur des Jazz"

Foto: William Gottlieb

Jazzgeschichte Falsches Saxofon auf Charlie Parkers Grabstein

Ein Buch über den genialen Begründer des Bebop, eine CD-Box mit legendären Aufnahmen und eine LP-Box mit historischen Einspielungen von Oscar Peterson - die Vergangenheit des Jazz wird hier lebendig.

Das Schicksal des Jazzmusikers Charlie Parker hat viele bewegt. Ein genialer Künstler, der eine Musik des 20. Jahrhunderts prägt, der exzessiv arbeitet und lebt; und der als Schwarzer in einer rassistischen Gesellschaft an seiner Drogensucht zugrunde geht - das ist Stoff für Bücher und Filme ("Bird" von Clint Eastwood etwa). Zu etlichen Biografien und wissenschaftlichen Studien über den Altsaxofonisten kommt nun das Taschenbuch "Charlie Parker" von Wolfram Knauer. Das ist gut so. Denn der Leiter des Darmstädter Jazzinstituts verbindet Parkers chaotisches Leben mit einer Darstellung der Entwicklung des Jazz in jener Zeit.

So beschreibt Knauer, wie Parker und seine Bebopper sich mit ihren harmonisch komplexen und meist rasend schnellen Stücken zwar bewusst vom der Unterhaltung dienenden Swing absetzen und eine "Kunst- und Hörmusik" kreieren wollten. Aber er relativiert die verbreitete Auffassung, dass der Bebop als Abwehr schwarzer Musiker gegen weiße Kollegen geschaffen wurde. "Der Bebop entwickelte sich ganz gewiss eher aus ästhetischer Neugier denn kollegialer Genervtheit heraus ", schreibt Knauer.

"Um eine persönliche Beziehung zu den Orten zu bekommen", besuchte der Autor die Wirkungsstätten von Charlie Parker - New York, Los Angeles und das kalifornische Camarillo-Hospital, in dem sich der Musiker über ein Jahr von einem Zusammenbruch erholte. In Parkers Geburtsstadt Kansas City fand Knauer keine Spuren mehr von den 120 Clubs und 40 Tanzsälen, die damals Musikern Jobs boten. Auf dem Lincoln Friedhof am Stadtrand fotografierte er das Grab seines Protagonisten. Der 1994 aufgestellte Grabstein zeigt statt eines Altsaxofons ein Tenorsaxofon; immerhin stimmt Parkers Todesdatum (12. März 1955). Auf einem früheren Stein war es falsch angegeben; zweimal waren Grabsteine entwendet worden.

Am Ende seines empfehlenswerten Buches fragt Knauer, wie sich Parker wohl entwickelt hätte, wenn er nicht schon im Alter von 34 Jahren gestorben wäre. Wäre er "nur ein Elder Statesman des Bebop" geworden wie Dizzy Gillespie? Wäre er "in Wunderlichkeit versunken" wie Thelonius Monk? Oder hätte er sich "aktuellen Trends gegenüber geöffnet" und wie Miles Davis weiter die Entwicklung des Jazz geprägt? Knauer überlässt Mutmaßungen seinen Lesern.

12-Zoll-Langspielplatten erscheinen als CDs

Parkers Werk ist auf annähernd 1000 Aufnahmen dokumentiert - Studioeinspielungen, Mitschnitte aus Konzerten und Clubs, darunter Schnipsel, die ein Fan 1947/48 in Jazzkellern in New York und Los Angeles aufnahm und die 1990 auf sieben CDs veröffentlicht wurden. Tatsächlich ist die Schallplatte "so etwas wie die Partitur des Jazz" (Knauer). Denn in der improvisierten Musik spielen Noten kaum eine Rolle, und es ist ein Glücksfall, dass sich die Aufnahmetechnik vom Schellack-Tonträger bis heute parallel mit dem Jazz entwickelte.

So haben denn die immer wieder erscheinenden Neuauflagen von klassischen Einspielungen ihre Berechtigung, zumal sie oft auch sogenannte "alternate takes" bringen, Aufnahmen, die ursprünglich nicht für die Veröffentlichung vorgesehen waren. Neu auf dem Markt ist derzeit die Box "Atlantic Jazz Legends". Sie enthält 20 CDs, die Produzent Nesuhi Ertegun zwischen 1956 und 1973 als 12-Zoll-Langspielplatten herausbrachte - Meilensteine der Jazzentwicklung wie "Giant Steps" von John Coltrane, aber auch leichtere Kost von Künstlern wie Mongo Santamaria. Alle CDs stecken in Kopien der Plattenhüllen von damals. Das bedeutet, dass die umfassenden Liner Notes nur mit einer Lupe zu lesen sind. Die wichtigsten Angaben enthält allerdings auch das Box-Booklet.

Als Langspielplatten wie vor 45 Jahren die Originale - aber "bearbeitet für das 21. Jahrhundert" - erscheinen am 2. Mai sechs LPs von Oscar Peterson. Der Piano-Star folgte 1961 nach einem Konzert in Zürich einer Einladung nach Villingen im Schwarzwald. Peterson war von der Umgebung und dem Aufnahmestudio in der Villa des MPS-Label-Chefs Hans-Georg Brunner-Schwer begeistert. Im Trio mit dem Bassisten Ray Brown und dem Schlagzeuger Ed Thigpen spielte er dort in den sechziger Jahren etliche LPs ein, die nun in ihren Originalhüllen als Box wieder auf den Markt kommen.

Mit der Herausgabe der Platten-Box folgt das Label einem Trend. Laut dem Bundesverband der Musikindustrie stieg der Verkauf von Vinyltonträgern 2013 gegenüber dem Vorjahr um 47,2 Prozent. Und gerade Jazzfans greifen gerne zur lange totgesagten Schallplatte.


Buch:
Wolfram Knauer: Charlie Parker. Reclam Taschenbuch; 203 Seiten; 12,95 Euro.

CD-Box:
Various Artists: Atlantic Jazz Legends. 20 CDs, Warner Music.

LP-Box:
Oscar Peterson: Exclusively for my Friends. 6 LPs, MPS. Ab 2.5.