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Jazz-Bassistinnen: Esperanzas Erben

Jazz-Musikerin Kinga Glyk Bass, Bass, wir brauchen Bass!

Frauen am Bass sind im Jazz noch eine Ausnahme - aber nicht mehr lange. Die junge Polin Kinga Glyk wurde von US-Vorbildern inspiriert und zum YouTube-Star. Jetzt erscheint ihr Debüt bei einem Majorlabel.

Neben einer Stehlampe und einem altmodischen Wecker hockt ein Teenager im Schneidersitz. Die junge Frau trägt ein schwarzes Turnhemd und einen hellbraunen Hut. Auf einem elfenbeinfarbenen E-Bass spielt sie mit der Fingerfertigkeit einer Gitarristin Eric Claptons "Tears In Heaven" - virtuos gleitet die linke Hand über das Griffbrett, die rechte zupft und schlägt die vier Stahlsaiten. Dabei wirkt die Musikerin zugleich cool und hingebungsvoll in die Musik versunken.

Das Video der Musikerin Kinga Glyk wurde 2016 in einer Dachwohnung aufgenommen. Über 22 Millionen Mal haben Menschen das Video und einige weitere YouTube-Clips der gerade 20 Jahre alt gewordenen Glyk geklickt. Das überrascht, denn die polnische Bassistin bewegt sich im Stilbereich von Jazz, Blues und Funk. Nicht gerade die beliebteste Musik für die YouTube-Generation; und die vorwiegend älteren Jazzfreunde gehören zu den letzten, die in sozialen Medien nach neuen Talenten suchen.

"Wir sind nicht durch die Videos auf Kinga Glyk gekommen", sagt Conny Herbold von der Tournee-Agentur Bremme & Hohensee. Ein polnischer CD-Verkäufer habe der Heidelberger Firma Tonträger von Glyk vorbeigebracht - und einen Hinweis auf die Netzpopularität der Bassistin gegeben, deren Vater Irek zu Polens bekanntesten Jazz-Schlagzeugern gehört.

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Bald darauf betitelte das ZDF Glyk im "Heute Journal" als "die große Hoffnung des europäischen Jazz"; Zeitungen erklärten sie zur "weiblichen Antwort auf Jaco Pastorius". Die entscheidende Erkenntnis der Live-Auftritte formulierte aber der Konstanzer "Südkurier": "Glyk überzeugt nicht nur bei YouTube".

Das fanden auch die Plattenfirmen. Einen regelrechten Wettbewerb um das "Bass-Wunderkind" gewann Warner Music, eines der drei großen Majorlabels. Warner brachte Glyk mit Tim Garland (Saxofon), Nitai Herskovits (Keyboards) und Gregory Hutchinson (Schlagzeug) zusammen und ließ das Album "Dream" produzieren. Die Arbeit mit den Top-Jazzern war Glyks internationale Feuertaufe.

"Lady Plays the Bass"

Kinga Glyk ist nur das jüngste Beispiel für einen Trend im Jazz. Der Bass, einst typisches Männer-Instrument, wird zunehmend auch von Frauen entdeckt. So werden in den USA Linda Oh, 33, und Tal Wilkenfeld, 30, von Stars wie Chick Corea und Herbie Hancock engagiert. Konzerte der zierlichen Australierin Wilkenfeld mit dem Gitarristen Jeff Beck sind ebenfalls auf YouTube populär. Nachdem sie in den Neunzigern die Rockmusik eroberten, sind Bassistinnen nun auch im Jazz in. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa gibt es sie: Eva Kruse etwa, die langjährige Bassistin im Trio des Piano-Stars Michael Wollny, oder Lisa Wulff.

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Die 27-jährige Hamburgerin beherrscht Kontrabass ebenso wie E-Bass. Sie gewann Auszeichnungen mit ihrem eigenen Jazz-Quartett, komponiert und arrangiert selbst - und ist fit genug, den Stamm-Bassisten der NDR-Bigband wenn immer nötig zu vertreten. Wulffs Vorbild ist die Amerikanerin Esperanza Spalding. "Ich war im Publikum, als Spalding 2008 im Berliner Quasimodo ihr internationales Debüt-Album "Esperanza" vorstelllte", erinnert sich Wulff. Die damals 23-Jährige tourte durch Europa unter dem Motto "Lady Plays the Bass".

Spalding spielte als Kind Violine in der Chamber Music Society in ihrer Heimatstadt Portland, Oregon. Mit 15 wurde sie Konzertmeisterin; dann wechselte sie von der Geige zum Bass und von der klassischen Musik zum Jazz; sie war die jüngste Dozentin am berühmten Bostoner Berklee College; als Musikerin hat sie inzwischen vier Grammys gewonnen.

Die Karriere der Amerikanerin mit dem verheißungsvollen Vornamen "Hoffnung" wurde von vielen älteren Fans als Verjüngung des oft als "Musik des 20. Jahrhunderts" abgeschriebenen Jazz wahrgenommen. Vor allem aber inspirierte Esperanza Spalding Mädchen in aller Welt, sich für den Bass als Instrument zu entscheiden - unter ihnen Kinga Glyk.

Die aus einem Örtchen nahe Kattowitz stammende Polin entdeckte mit zwölf Jahren den Bass für sich. Im vergangenen Sommer, als Gast bei der Verleihung des Echo Jazz in Hamburg, posierte sie vor einem Plakat mit dem Echo-Logo. Glyks selbstbewusste Geste signalisierte: Dieser Preis wird wohl bald auch ihr gehören.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es im Teaser, Glyk stelle gerade ihr Debütalbum vor. Sie hat bereits drei Alben veröffentlicht - "Dream" ist das erste bei einem großen Label, bei Warner.

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