
Jazz-Bücher: Davis, Zappa und Brönner zum Lesen
Jazz-Bücher Glitzertöne wie Sterntaler
"Im Hause gab es eine Köchin und ein Dienstmädchen, man fuhr einen schicken Lincoln, richtete Partys aus, bei denen auch die musikalischen Fähigkeiten des Nachwuchses vorgeführt wurden; man pflegte Umgang mit anderen reichen Familien, engagierte sich in sozialen Einrichtungen und war um eine anständige Erziehung für die drei Kinder bemüht. Sonntags ging man gemeinsam in die St. Pauls Baptist Church... Man besaß ein Abonnement für die Konzerte des St. Louis Symphony Orchestra." So beschreibt Wolfgang Sandner in seiner Miles-Davis-Biographie die Herkunft seines Protagonisten, die sich so grundlegend vom Leben der meisten schwarzen Jazz-Größen unterscheidet. Ja, viele Fans wissen, dass Davis' Vater ein erfolgreicher Zahnarzt war. Doch wie sehr die Kindheit und Jugend den Charakter des späteren Weltstars prägten, erfahren sie erst in dem Buch des Jazz-Experten und Musikwissenschaftlers Sandner.
"Entrückung ins Ikonenhafte"
Als Quelle nutzt Sandner - wie etliche Autoren vor ihm - ausführlich "Miles", die preisgekrönte Autobiografie, die der 1991 verstorbene (mit dem Journalisten Quincy Troupe) zwei Jahre vor seinem Tod herausbrachte. Was Sandners Buch heute lesenswert macht, sind der Stil des Autors und seine einordnenden Kommentare. So beschreibt Sandner, wie sich Miles als Schuljunge am Radio für die führenden Musiker seiner Zeit begeistert: für Armstrong, Basie, Ellington und für "Harry James, der die Trompete in den Himmel hob, damit seine Glitzertöne wie Sterntaler auf den staunenden kleinen Hörer herabregnen konnten". Die Lebenshaltung des Stars in den achtziger Jahren bringt Sandner so auf den Punkt: "Miles Davis fühlte sich immer mehr einer allumfassenden Popmusik verbunden. In einem Atemzug mit Sting, Prince oder Michael Jackson genannt zu werden, schien ihm mehr zu bedeuten als die jazzmusikalische Verwandtschaft mit Wynton Marsalis oder Ornette Coleman."
Miles Davis soll einmal gesagt haben: Der Jazz sei tot, er stinke schon. antwortete darauf: "Jazz is not dead, it just smells funny." Zappa (1940-1993), in dessen Progressive-Rock-Universum Elemente von Jazz und moderner Klassik genauso ihren Platz fanden wie politischer Protest und Satire, wäre am 21. Dezember 70 Jahre alt geworden. In einem handlichen Mini-Sachbuch beschreibt der Literaturwissenschaftler Ingo Meyer das Wirken des Künstlers, der "längst in den heiligen Hallen der Hochkultur angekommen ist, allerdings um den Preis einer Entrückung ins Ikonenhafte". Weil schon etliche Werke über Frank Zappa geschrieben wurden, bringt das Buch nicht unbedingt neue Erkenntnisse. Aber immerhin: Mit Meyers Zappa-Buch hat nun auch der kanonische Reclam-Verlag den ewigen Outsider entdeckt.
Jazzer sind Außenseiter - wie anonyme Alkoholiker
Deutschlands bekanntester Jazzmusiker, , nennt Miles Davis' "Kind of Blue" die "vielleicht schönste Platte, die der Jazz je hervorgebracht hat". "Wenn einer von mir wissen will: Worum geht es beim Trompetespielen? Dann antworte ich garantiert: Hör dir ,Kind of Blue' an." Die Sätze stammen aus "Talking Jazz", der Buchfassung von Gesprächen Brönners mit dem Journalisten Claudius Seidl. Der 39-jährige Trompeter erzählt seinen Weg vom Landes- und Bundes-Jugendjazzorchester zum jüngsten Mitglied der Rias Bigband. Es folgte eine erstaunliche Solo-Karriere. Ältere Fans schrecken auf, wenn sie lesen: "Als Teenager, der Jazz spielt und sich für Jazz begeistert, bist du so etwas wie ein anonymer Alkoholiker." Heute ist Brönner kein Außenseiter mehr, denn er macht auch Musik, die eher in die Pop-Schublade passt und versucht sich immer öfter als Sänger. Puristen nehmen ihm das übel; tolerantere Jazz-Liebhaber sehen Brönner als Brückenbauer, der junge Leute für ihre Musik gewinnen kann.