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Neue Jazz-Bücher: Der Amateur als Liebhaber

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Neue Jazz-Bücher 1522 Liebeserklärungen

Wie die verschiedenen Instrumente den Klang des Jazz prägten; Berlin als eine Metropole des Jazz und Reflexionen über Jazz-Alben und -Spielarten - das sind die Themen von drei neuen Büchern rund um das Thema Jazz.

"Miles Davis ist der Picasso des Jazz. Wenn das Publikum sich seiner sicher glaubte, war er schon in einer anderen Periode. Es ist nicht abwegig, bei ihm an das Gesetz der wiederholten Pubertät zu denken, das Goethe einmal als sein Lebensmuster entdeckt hatte." Wer so eine CD-Besprechung einleitet, muss gebildet sein - wie Peter Rüedi. Der Schweizer studierte Germanistik, schrieb eine Dürrenmatt-Biografie und war Chefdramaturg am Zürcher Schauspielhaus. Mit Jazz befasse er sich "als Amateur - im Wortsinn von Amateur als Liebhaber", hat Rüedi der "NZZ" einmal gesagt. Seine Jazz-Kolumnen seien meistens "Liebeserklärungen".

Vielleicht erklärt dieser Ausgangspunkt, dass die seit 30 Jahren in der "Weltwoche" erscheinenden Rüedi-Beiträge zum Anregendsten gehören, was im deutschsprachigen Raum über das Metier geschrieben wird. Jetzt wurden 1522 Jazzkolumnen über neue Tonträger, Trends und Musiker in einem Buch zusammengefasst. Es ist eine Fundgrube für Fans und ein Lesevergnügen auch für Leute, die sich nur bedingt für Jazz interessieren. Und eine von drei interessanten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs, die sich mit Jazz-Themen befassen.

Vorboten des Jazz im kaiserlichen Berlin

Die zweite hat der Autor Rainer Bratfisch geschrieben. "Wer heute in Sachen Jazz mitreden und mitspielen will, geht an die Spree", behauptet er in dem Buch. Junge Talente aus ganz Deutschland ziehen dorthin. Und so wie New York unangefochten Amerikas "Jazz Capital" ist, entwickelt sich Berlin zu Deutschlands Jazz-Hauptstadt. Dass die Metropole schon immer eine Brutstätte für Jazz war, erzählt der Band "Jazz in Berlin" mit Texten, Bildern, Plakaten und Zeitungsausschnitten. So gastierten in Berlin zur Kaiserzeit Gospelsänger, Cakewalk-Tänzer und Ragtime-Bands - Bratfisch nennt sie "Vorboten des Jazz". In den Jahren zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und Hitlers Machtergreifung wurde "in Wien, in Paris, in London viel weniger Musik gemacht als in Berlin", fand der Sänger Richard Tauber. In Tanzlokalen, Revuen und Operetten war Jazz en vogue.

Das änderte sich schlagartig im "Dritten Reich", in dem Jazz als "unerwünscht", "entartet" und "verjudet" galt. Allerdings lebte diese Musik gerade in den Bars von Berlin weiter. "Wenn wir swingten, stand ständig jemand am Eingang", erinnerte sich der Gitarrist Coco Schumann. "War eine Streife im Anmarsch, ertönte ein Pfiff und wir wechselten vom 'Tiger Rag' zu 'Rosamunde'". Bratfischs Buch schildert die Szene im geteilten Ost- und West-Berlin und den Aufschwung nach dem Fall der Mauer. "Hier ist wirklich alles möglich", schreibt der Klarinettist Rolf Kühn. Der inzwischen 84-Jährige bildet in Berlin unter anderem eine Band mit den jungen Jazz-Wilden vom Trio Hyperactive Kid.

Instrumentaler Jazz: Europäer und Frauen fast Fehlanzeige

"Die Geschichte der Jazz-Instrumente ist die Story der Künstler, die sie spielten", heißt es im Vorwort von "Jazz Instruments", der dritten lohnenden Neuerscheinung. Es folgen gut 200 Seiten mit Fotos der Protagonisten, dazu CDs mit ihrer Musik - Sehen und Hören ist das Kennzeichen der grandios gestalteten audio-visuellen EarBook-Reihe des Edel-Verlages. Den bewusst klein gehaltenen Textteil nutzt Autor Peter Bölke, um die Instrumente einzuführen, für Kurzporträts stilbildender Musiker wie den Saxofonisten John Coltrane und für Anekdoten aus dem Jazz-Milieu. Das mit Kompetenz und Leidenschaft geschriebene Buch, findet das Fachblatt "Jazz Podium", sei vor allem "ein Appetitanreger für jene, die den Sound dieser Musik immer schon mochten und gern in den Hintergründen stöbern".

Solchen Lesern mag auffallen, dass unter rund 250 genannten Musikern kaum Europäer vorkommen - der Gitarrist Django Reinhardt und Posaunist Albert Mangelsdorff werden gewürdigt, erwähnt sind zudem der Geiger Stéphane Grappelli und der (in die USA ausgewanderte) Keyboarder Joe Zawinul. Arme alte Welt! Noch seltener sind in der Parade der Jazz-Instrumentalisten die Frauen: Nur die Pianistinnen Lil Hardin (Louis Armstrongs erste Frau) und Mary Lou Williams kommen vor. Diese Gewichtung ist aber kein Versäumnis des Autors. Das Buch behandelt die Jazz-Geschichte nur bis in die sechziger Jahre. Da war der Jazz eine amerikanisch geprägte Musik; und Frauen spielten bis dahin nur als Sängerinnen eine Rolle. Die Zeit weiblicher Instrumentalistinnen und von Musikern aus Europa beginnt erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Und das wäre eine ganz neue Geschichte. Und Stoff genug für zukünftige lesenswerte Neuerscheinungen.


Peter Rüedi: Stolen Moments - 1522 Jazzkolumnen. Echtzeit Verlag, Basel; 1.320 Seiten, 78 Franken/63 Euro.
Rainer Bratfisch: Jazz in Berlin. Nicolai Verlag, Berlin; 472 Seiten, 550 Abbildungen; 129 Euro.
Peter Bölke: Jazz Instruments. earBooks/Edel Verlag, Hamburg; 228 Seiten, 200 Abbildungen, 8 CDs; 49,95 Euro.

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