Liebes-Duos beim Moers Festival Paartituren zum Verlieben

Sie flirten zwischen Notenständern, sie knutschen hinter Bühnen: Immer wieder haben in der Jazzgeschichte Musiker auch privat zueinandergefunden. Beim Moers Festival treten gleich zwei Pärchen auf.

Scott Irvine & Kim Meinelt

Das Video zum Album "Never Were the Way She Was" wirkt verstörend: Eine Frau schminkt sich und schreitet anschließend engelhaft durch eine malerische Wüstenlandschaft. Dann liegt plötzlich Schnee, und ein Wolf bedroht das weibliche Wesen. Zwei Jäger tauchen auf, feuern Schüsse ab - ob sie den Wolf treffen, bleibt offen. Zu den rätselhaften Bildern rauscht ein sphärenhafter Klangteppich; den schaffen zwei Menschen mit diversen Saxofonen, Violine und Stimme - die kanadische Geigerin Sarah Neufeld, 35, und der amerikanische Saxofonist Colin Stetson, 37. Das klassisch ausgebildete Paar traf sich in der Indie-Rockband Arcade Fire und experimentiert nun als Duo im Bereich Avantgarde, World Music und Jazz.

Stetson und Neufeld gehören in diesem Jahr zu den Stars des 1972 gegründeten Moers Festivals, das heute den Begriff Jazz nicht mehr im Titel führt und - so Kurator Reiner Michalke - "einen Überblick über die interessantesten Entwicklungen in der aktuellen Musik abseits des Mainstreams" geben möchte. Vertreter dieser Richtungen findet Michalke etwa beim New Yorker Winter Jazz Festival Anfang Januar. Dort engagierte er das Ehepaar Jean und Marcus Baylor." Wir sind total gespannt auf unser Debüt in Moers", mailten die Sängerin und der Schlagzeuger, die ein Quintett leiten, das Electro-Sounds mit gospelhafter "feel good music" verbindet.

Am Fuß der Leiter

Paare spielen in der Jazzgeschichte eine wichtige Rolle. So saß Lil Hardin am Piano von Louis Armstrongs Hot Five und Hot Seven. Hardin war von 1924 bis 1931 die Ehefrau des Trompeters. Sie kam aus der schwarzen Bourgeoisie; sie hatte Musik studiert und unterstützte den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Armstrong als musikalische Leiterin. "Ich stand gewissermaßen am Fuß der Leiter, hielt sie fest und sah ihn nach oben klettern", sagte Lil Hardin Armstrong später.

Alice McLeod war ebenfalls Pianistin, sie spielte zudem Klavier, Orgel und Harfe. McLeod wurde 1966 als Nachfolgerin von McCoy Tyner Mitglied des Quartetts von John Coltrane, den sie im selben Jahr heiratete. Alice Coltrane trat mit ihrem Mann beim Newport Festival auf und spielte zahlreiche Platten ein. Nach dem Tod des Saxofonisten leitete Alice Coltrane eigene Gruppen. Wie ihr verstorbener Mann war die Witwe Coltrane tief religiös: "Alles, was ich spiele, ist ein Opfer für Gott."

Bei einem Gastspiel in Tokio entdeckte Oscar Peterson die Pianistin Toshiko Akiyoshi. Er empfahl das Talent seinem Impresario Norman Granz. Die junge Japanerin ging in die USA und studierte am Berklee College in Boston. Nun auch als Komponistin und Arrangeurin geschult, bildete sie mit ihrem amerikanischen Ehemann, dem Saxofonisten Lew Tabakin, eine erfolgreiche Big Band. 1978 gewann das Toshiko Akiyoshi / Lew Tabakin Orchestra beim Down Beat Poll in den Kategorien "Big Band", "Arrangement" und "Platte des Jahres".

In den Siebzigerjahren existierte in Amerika eine weitere von einem Paar geleitete Band - das Jazz Composer's Orchestra der Pianistin Carla Bley und des in Wien geborenen Trompeters Michael (Mike) Mantler. In der Avantgarde-Formation wirkten Stars wie Don Cherry und Cecil Taylor mit. Doch finanziell war die Band auf die Dauer nicht zu halten. Als Mantler 1991 zurück nach Europa ging, wurde der E-Bassist Steve Swallow Carla Bleys Lebensgefährte. Die beiden reisen seit Jahren zu vielen Jazzfesten und gastierten 2012 beim Moers Festival mit einer Auftragskomposition für ein großes Ensemble.

In diesem Jahr ist nun Bleys Ex-Ehemann Michael Mantler an der Reihe. Der inzwischen 78-Jährige hat Stücke, die er vor über vier Jahrzehnten für das Jazz Composer's Orchestra schrieb, neu bearbeitet und nennt das Projekt "The Jazz Composer's Orchestra Update". Diese Neufassung, schreibt das Online Portal "All About Jazz", sei "ein hinreichender Anlass, sich das Werk noch einmal anzuhören oder es kennenzulernen". Gelegenheit dazu gibt es am Pfingstsamstag in Moers.

Moers Festival, Pfingsten, 22. - 25. Mai - Infos: www.moers-festival.de

CDs:
Colin Stetson & Sarah Neufeld: "Never were the way she was" (Constellation)
Mike Mantler: "The Jazz Composer's Orchestra Update" (ECM)

Zum Autor
Hans Hielscher war erschüttert, als er 1955 - als Teenager in Ostberlin - vom Tode Charlie Parkers hörte. Sein Idol kannte er von den Radio-Sendungen der "Voice of America". Später hat er als Auslandsredakteur und -Korrespondent beim SPIEGEL immer wieder über Jazz geschrieben. Über den berichtet er seit seiner Pensionierung für den KULTUR SPIEGEL und auf SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Hans_Hielscher@spiegel.de

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insgesamt 2 Beiträge
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flynn10 10.05.2015
1. ....die themen gehen einfach nicht aus......
Es ist schon eine bewundernswerte Leistung, dass der Autor immer noch Themen findet, die er in gnadenloser Beliebigkeit zusammenzwirbeln kann. Diesmal also dienen "zwei Jazz Pärchen" dazu, eine dumpfe Geschichte zu konstruieren über "Paare in der Jazzgeschichte". Wie wär's denn demnächst mit homosexuellen Pärchen im Jazz, über Mutter-Kind-Konstellationen in der Jazz-Geschichte oder Scheidungskinder im Jazz? Schon in Arbeit? Ach so......!
skanner 11.05.2015
2. Mantler-Update
Ganz so fortgeschrittenen Alters ist Michael Mantler noch nicht, wird er im August gerade mal 72! Übrigens existierte das historische "Jazz Composer's Orchestra" zu Beginn der siebziger Jahre nicht mehr. Ich bin jedenfalls beim diesjährigen Moers-Festival erneut auf ein "Mantler-Update-Konzert" gespannt, hatte ich doch bereits 2013 in Wien das Vergnügen, alle drei für ECM mitgeschnittene Konzerte des "Jazz Composer's Orchestra Update" zu erleben.
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