Jazz-Crossover Suche nach Sounds

Pianist Mischa Schumann
Foto: Bob LeindersIhre Brötchen verdienen die meisten Jazzmusiker mit kleinen Besetzungen - Trios finden eher Gigs als große Formationen. Doch viele Instrumentalisten haben Sehnsucht nach vollen Klängen. Vor allem ihre eigenen Kompositionen präsentieren sie gern mit Bläsern oder Steichern.
Ein Beispiel ist das Doppelalbum "Schumannize" des Hamburgers Mischa Schumann. Der Pianist, Keyboarder und Komponist studierte in Deutschland und New York; er unterrichtet an der Hochschule in Osnabrück. Schon im Klavier-Bass-Drums-Trio spielte er etliche seiner Kompositionen, die er nun mit größerer Besetzungen auf zwei CDs herausbrachte. Bei seiner "Suche nach Weiterentwicklung im Sound" verbindet Schumann elektronische Sounds und Beats mit akustischen Klängen. Und das Piano im Zentrum des Geschehens wird von Bläsern oder Streichern umgarnt.
Schumann konnte sein Album produzieren, weil Top-Kollegen - darunter Mitglieder der NDR Bigband - mitmachten. "Gegenseitige Freundschaftsdienste", so Schumann, ermöglichen im zeitgenössischen Jazz Projekte, die sich kommerziell nicht rechnen, aber wichtig für die Entwicklung der Musik sind.
Skandinavier lieben Experimente

Saxofonist Marius Neset: "Einer der aufregendsten Künstler der "
Foto: Lisbeth HoltenDen norwegischen Saxofonisten Marius Neset zählt das US-Magazin "Downbeat" zurecht zu den "aufregendsten Künstlern der Jazzwelt". Nun hat der 31-jährige eine Platte mit der London Sinfonietta aufgenommen. Das 20-köpfige Kammerensemble spielt eine 239 Notenblätter umfassende Orchesterpartitur von Neset-Kompositionen zusammen mit Rhythmusgruppe des Norwegers - faszinierende, neuartige Musik im Grenzbereich von Jazz und moderner Klassik. Solche Werke sind eine Herausforderung an die Musiker wie auch an die Hörer.

Sängerin Sinikka Langeland: Spielt die historische norwegische Kastenzither
Foto: Dag Alveng/ ECMCrossover-Experimente reizen vor allem Skandinavier. Der Saxofonist Trygve Seim, der Trompeter Arve Hendriksen, der Bassist Anders Jormin und der Schlagzeuger Markku Ounaskari brachten vor zehn Jahren mit der Folksängerin Sinikka Langeland das Album "Starflowers" heraus. Nun hat sich das Starflower-Quintett mit dem Trio Mediaeval zusammengetan, drei Frauen, die alte Musik und Stücke zeitgenössischer Komponisten interpretieren. Zu ihren Stimmen und den Instrumenten der Jazzmusiker kommt beim Album "The Magical Forrest" eine Kantele. Auf dieser norwegischen Kastenzither spielt die Sängerin Langeland Akkorde, die sonst Gitarristen oder Pianisten bringen.
Eine Bigband, die rappt

Klarinettistin Anat Cohen: Die in New York lebende Israelin brilliert auch auf Saxofonen
Foto: Augusta SagnelliOhne außergewöhnliche Traditionsinstrumente musiziert das Anzic Orchester der Klarinettistin Anat Cohen. Die in New York lebende Israelin lässt sich für ihre Solo-Darbietungen (auch auf dem Sopran- und Tenorsasxofon) von drei Holzbläsern, drei Trompeten, zwei Posaunen, drei Celli und einer Rhythmusgruppe begleiten. Arrangeur Oded Lev-Ari hat ein paar ungewöhnliche Soundkombinationen aufgeschrieben; weitgehend aber klingt das Album "Noir" mit seinen Standardstücken wie "Cry Me A River" konventionell. Eindeutig unterstreicht es jedoch, dass die 41-jährige Cohen zu den herausragenden Klarinettisten des heutigen Jazz gehört.
Der sollte keine Berührungsprobleme mit der Hip-Hop-Szene haben, sagt der Jazz-Saxofonist Marcus Strickland in einem Interview mit der Zeitschrift "Billboard". Der 41-jährige Afroamerikaner glaubt, dass etliche Hip-Hopper großartige Jazzer geworden wären, wenn es in ihren Schulen Instrumente gegeben hätte. "Aber so war es nicht, und da haben sie aus der Musik anderer etwas Neues geschaffen."

Carlos Reisch Bigband: Klont HipHop und Rap mit Bläsersätzen
Foto: Uwe NiklasStrickland hätte wahrscheinlich Spaß an der Nürnberger Carlos Reisch Bigband. Die Funk-Jazz-Truppe in der Standardbesetzung der Swing Orchester verbindet Bläsersätze mit Hip-Hop. Über einer groovenden Rhythmusgruppe rappt der Zeremonienmeister Rainer Pirzkall in englischer und deutscher Sprache und ein Trio von Soulsängerinnen heizt die Stimmung an. Happy Music vor allem für die Beine.
Alben:
Mischa Schumann: "Schumannize"; Cattitude Records (Vol. 1 bei Amazon kaufen, Vol. 2 )
Marius Neset & London Sinfonietta: "Snowmelt"; ACT (bei Amazon bestellen )
Sinikka Langeland: "The Magical Forrest"; ECM (bei Amazon bestellen )
Anat Cohen & The Anzic Orchestra: "Noir"; Anzic Records (bei Amazon bestellen )
Carlos Reisch: "The Bigband RAPertoire"; Rosenau Records (bei Amazon bestellen )