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Jazz-Festivals: Aushängeschild und Wirtschaftsfaktor

Foto: Karsten Jahnke Konzertdirektion

Jazz-Festivals Deutschland, liegt das nicht bei Moers?

Nazi-Zellen? Gäbe es nicht, hätte Zwickau eine lebendige Jazz-Szene. Das glaubt zumindest ein prominenter Festival-Macher. Zum Glück gibt's Moers und fast 50 andere Orte im deutschsprachigen Raum, die im Mai und Juni einladen.

Es gibt Amerikaner, denen Moers einfällt, wenn die Rede auf Deutschland kommt. Für sie rückt die Stadt am Rhein "on the map of the world", weil dort seit langem ein spannendes Jazzfestival stattfindet - jetzt zu Pfingsten zum 41. Mal. Aus den USA wird die Pianistin Carla Bley anreisen; europäische Spitzenjazzer kommen und ein Ensemble aus Burma. Alles deutet auf ein erfolgreiches Jazzfest. Dennoch bleibt fraglich, ob es im nächsten Jahr weitergehen kann. Denn Moers ist praktisch pleite; und wie im nahe gelegenen Duisburg sparen die Stadtväter zuerst am Kulturetat. In Duisburg fällt in diesem Jahr das Klassik/Rock/Pop/Jazz-Festival "Traumzeit" ins Wasser. "Kultur-Kahlschlag", klagt die Bürgerinitiative "Traumzeit-Retter".

Dabei ist die Großwetterlage gar nicht so schlecht. Das Fachblatt "Jazz Podium" listet für die Monate Mai und Juni annähernd 50 Festivals auf. Diese Veranstaltungen sind für die Jazzmusiker lebenswichtig. Denn während die Spielmöglichkeiten in Clubs in den vergangenen Jahren knapper wurden, hat sich - Gott sei Dank - die Zahl der Festivals eher vermehrt. Das bestätigt Reiner Michalke, der als Manager des Kölner "Stadtgarten"-Clubs und Leiter des Moers-Festivals in beiden Szenen mitmischt.

Barkassen bringen Musikfreunde

Die Zeit der Jazzfeste begann in Deutschland 1953 mit dem Jazzfestival in Frankfurt am Main. Seitdem entwickelten sich etliche Jazz-Veranstaltungen in der Provinz als Wirtschaftsfaktor, denn sie locken Touristen an. So etwa im bayerischen Burghausen und in Ortschaften um Schloss Salzau in Schleswig-Holstein. Dort bedauern nun die Betreiber von Landgasthäusern, dass Jazz Baltica in diesem Jahr an den Timmendorfer Strand umgezogen ist. Die Jazzgemeinde hingegen atmet auf. Denn weil die Landesregierung ihre Unterstützung stoppte, drohte dem Festival das Aus. Nun geht es doch weiter; und Jazz-Baltica-Chef Nils Landgren konnte sogar den zum Uno-Jazz-Botschafter ernannten Herbie Hancock für ein Gastspiel gewinnen.

Ein solcher Superstar fehlt beim Hamburger Elbjazz, das gleichwohl zu den Aufsteigern unter den Festivals gehört. Im dritten Jahr ihres Zwei-Tage-Events haben die Veranstalter mehr als 50 Bands engagiert. Barkassen schippern die Besucher zu zehn Spielorten im Hamburger Hafen. Dort musizieren Künstler aus vielen Genres - von Totaljazzern wie den Brüdern Rolf und Joachim Kühn über Viktoria Tolstoy bis zu Electro-Poppern, deren Namen Jazzfans noch nie gehört haben. Aber das ist beabsichtigt; zum Elbjazz sollen auch Jazzferne kommen. Einen optischen Eindruck von der einmaligen Kulisse vermittelt die CD/DVD "Nighthawks - Live in Hamburg", die beim Festival im vergangenen Jahr aufgenommen wurde.

Zum Hamburger Elbjazz 2011 kamen 15.000 Besucher. Weit mehr pilgern ins 700 Kilometer elbaufwärts gelegene Dresden zum Internationalen Dixieland Festival. Dresden erklärt sich seit 42 Jahren rund um Himmelfahrt für sieben Tage zur "Hauptstadt des Oldtime Jazz". Da mag die "Sächsische Zeitung" lästern: "Dixieland sieht samt Publikum ziemlich alt aus." Tatsächlich bringt das Event in Dresden mit rund 500.000 Besuchern bei schönem Wetter mehr Menschen auf die Beine als jedes andere Jazzfest in Deutschland. Hotels und Pensionen in Stadt und Umgebung sind stets ausgebucht.

Dass die Jazzfeste mehr als ein Wirtschaftsfaktor und Aushängeschild sein können, betont Reiner Michalke. "Eine Stadtgesellschaft", so der Moers-Macher, "die über 40 Jahre ein internationales, avantgardistisches Jazz-Festival unterhält, ist immun gegen Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz." Der ehemalige Bassist wagt die These, in Zwickau wären "keine Nazi-Zellen" entstanden, wenn es dort "eine Kulturlandschaft wie in Moers" gäbe.


Jazzfestivals im Mai und Juni (Auswahl):
Jazzfest Bonn  (11.-19.5.);
Internationales Dixieland Festival Dresden  (13.-20.5.);
Elbjazz Festival Hamburg  (25.-26.5.);
Moers Festival  (25.-27.5.);
Jazztage Görlitz  (30.5.-5.6.);
Jazzwerkstatt Peitz  (1.-3.6.);
Hildener Jazztage  (5.-10.6.);
Jazz Baltica  (28.6.-1.7.).