Jazz-Gitarristen Coltrane goes Country

Modern-Jazz, Gipsy-Swing, Country-Music, Blues: Gleich mehrere CD-Neuerscheinungen demonstrieren die Bandbreite der Gitarre. Sie gilt neben dem Tenorsaxophon als maßgebendes Jazz-Instrument - und ihrer Form wegen gar als die Schönheit unter den Klangkörpern.


Bekannt wurde John Scofield als Gitarrist bei Miles Davis. Der 59-jährige kann rasende Bebop-Chorusse abspulen, er hat Soul- und Gospelsounds verinnerlicht. Scofield trat aber auch mit dem Jamtrio Medeski, Martin & Woods auf. Weil er bei aller Wandlungsfähigkeit seinen eigenen Stil bewahrte, gilt er neben Pat Metheny als der bedeutendste lebende Jazz-Gitarrist. Scofields Spielweise steht für die Vielfalt der Gitarre im Jazz. In seinem neuen Album "A Moment's Peace" gelingt es ihm, bekannte Balladen langsam und sanft darzubieten, ohne dabei in Easy Listening abzurutschen. Großartig unterstützt wird Scofield von Larry Goldings (Piano/Orgel), Scott Colley (Bass) und Brian Blade (Drums).

Vom Banjo zur Gitarre

Das bei den alten Griechen als Kithara bekannte Saiteninstrument fand seinen Platz im Jazz, als im dritten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts immer mehr Bands vom Banjo zur Gitarre wechselten. Noch unverstärkt sorgten Gitarristen neben Bass und Schlagzeug für den Rhythmus. Den beherrschte bald ein Europäer besser als viele Amerikaner: Django Reinhardt, ein Sinti aus Belgien, glänzte mit wahnsinnigem Drive und virtuosen Soli. Sein Quintett im Pariser Hot Club de France kreierte den sogenannten Gipsy Swing. Als Reinhardt 1953 starb, führten Nachfolgegruppen seine mitreißende Musik fort. Jetzt bringt Lulo Reinhardt, ein Großneffe des Meisters, ein Album mit dem Titel "Katoomba Birds" heraus. Der Gipsy Swing lebt.

Vor einem halben Jahrhundert erlebte die Musikwelt eine "Gitarrenexplosion". Elektronische Effektgeräte wie Chorussound und Gitarrensynthesizer eröffneten den Musikern völlig neue Gestaltungsmöglichkeiten. Zusätzlich zu ihren Händen nutzten Gitarristen nun auch ihre Füße und erzeugten mittels Pedaldruck Echo-, Zerr- und Wah-Wah-Sounds. Die Gitarrenszene, schrieb die britische Zeitschrift "Melody Maker", habe sich "verhundertfacht, wenn nicht vertausendfacht". Im Rock und Pop stieg das elektrisch verstärkte Saiteninstrument zur Nummer eins auf. Und im Jazz überholte die Gitarre nach Ansicht vieler Experten das bis dahin maßgebende Tenorsaxophon. Kein Wunder, dass damals auch Country-Gitarristen "elektrisch" wurden. Einer der besten von heute, der Amerikaner Lars Schurse, spielt auf seiner CD "Noodling" unter anderem Stücke von Charlie Parker und John Coltrane. "Donna Lee" und "Giant Steps" im Country-Stil - klingt komisch.

Blues-Musiker reiten den Gitarrenton

Die Spielweise eines Blues-Gitarristen im elektrischen Zeitalter beschrieb der Jazz-Publizist Joachim-Ernst Berendt wunderbar am Beispiel von B.B. King: "King 'reitet' den Gitarrenton, er lässt ihn anlaufen, springt ihn an und setzt sich drauf, gibt ihm die Sporen und lässt ihn die Zügel schießen, zieht wieder die Zügel an, setzt ab und springt auf das nächste Pferd: den nächsten Ton." Zu den von Kings Musik beeinflussten Gitarristen gehört Derek Trucks. Der 41-jährige bietet auf seinem Album "Revelator" eine Mischung aus Blues, Soul, Gospel und Funk. Dabei in seiner elfköpfigen Band ist Susan Tedeschi, Trucks' singende, Gitarre spielende Frau.

Angesichts der 1000 elektrischen Möglichkeiten besinnen sich viele Gitarristen auf die einfachste Form: akustisches Spiel ohne jeden Effekt. Der Schweizer Tomas Sauter und sein Landsmann Daniel Schläppi am Bass tun das in ihrem Duo-Album "First Day In Spring" - kammermusikalischer Jazz, der an "Beyond The Missouri Sky" von Pat Metheny und Charlie Haden erinnert, eine der erfolgreichsten CDs der vergangenen Jahre.

Sounds wie auf den erwähnten Alben von Metheny und Sauter unterstreichen die Erkenntnis von Psychologen, die sich mit den Instrumenten des Jazz befassten: Die Gitarre sei - ihrer Form wegen - ein weibliches Sexsymbol, das Saxophon ein männliches.



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heldenmut 09.07.2011
1. maßgebendes Musikinstrument im Jazz?
Da hab ich meine Zweifel. Eher das Piano oder die Trompete neben dem Saxophon selbstverständlich. Und wie sieht es aus mit dem Baß, der "Seele" einer Jazzband.
bikenstrings 09.07.2011
2. Schwerstarbeit
Zitat von heldenmutDa hab ich meine Zweifel. Eher das Piano oder die Trompete neben dem Saxophon selbstverständlich. Und wie sieht es aus mit dem Baß, der "Seele" einer Jazzband.
Man denke an die prä-E-Gitarren-Zeit: Vollmassive, mit riesigem Korpus konstruierte "Schlag"-Gitarren saßen mit Piano & Contrabass in der Rhythmusgruppe und waren die Taktgeber für die Trompetenstars in den Combos & Big-Bands. Ohne Amp is da nicht viel los-viel zu leise, um mit einem Solo durchzukommen-das war eben den Saxern, Trompetern oder Clarinettisten vorbehalten. Wir sollten die letzten Heros hegen & pflegen (und vor allem bezahlen); wer schon mal ein Instrument lernen wollte und hingeschmissen hat, weiß, wovon die Rede ist; heute wird Musik zu einem erschreckend großen Teil von EINEM Musiker am Computer gemacht, wo dann z.B. im Radio ein ganzes Orchester zu hören ist (wie hier: http://www.youtube.com/watch?v=Ehs2k8TM1fs oder hier: http://www.youtube.com/watch?v=dxao3vHTg3U&feature=related). Noch ein paar Gitarren-Heros: Ritchie Kotzen, Joe Satriani, Bill Frisell, Pat Martino, Wes Montgomery, Jimi Hendrix und ich ;-)
Gwynplaine, 09.07.2011
3. Endlich: Gitarrenthread!
Zitat von sysopModern-Jazz, Gipsy-Swing, Country-Music, Blues: Gleich mehrere CD-Neuerscheinungen demonstrieren die Bandbreite der Gitarre. Sie gilt neben dem Tenorsaxophon als maßgebendes Jazz-Instrument - und ihrer Form wegen gar als die Schönheit unter den Klangkörpern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,773241,00.html
Ich würde die Gitarre nicht als maßgebendes Instrument im Jazz bezeichnen. Dafür gibt es zuviele Jazzbands ohne Gitarre. Bezüglich der Schönheit: Zustimmung. Bezüglich Bandbreite lassen wir doch mal (z.B.) diesen Herren zu Wort kommen: http://www.youtube.com/watch?v=-7R4mwOOyEQ
entreotto 09.07.2011
4. .
Zitat von sysopModern-Jazz, Gipsy-Swing, Country-Music, Blues: Gleich mehrere CD-Neuerscheinungen demonstrieren die Bandbreite der Gitarre. Sie gilt neben dem Tenorsaxophon als maßgebendes Jazz-Instrument - und ihrer Form wegen gar als die Schönheit unter den Klangkörpern. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,773241,00.html
So richtig maßgebend für Jazz finde ich nur das Saxophon, weil das Saxophon in der ernsten Musik, Klassik von ein paar Ausnahmen abgesehen wie Claude Debussy nicht zur Verwendung kam Aber die Gitarre finde ich maßgebend im Jazz für den Bereich Jazz/Rock Fusion, für mich die einzige Sparte, die mir im Jazz gefällt, mein all time favorite hier das Mahavishnu Orchestra mit Gitarrist John Mc Laughlin, nach 1973 als MO1 augelöst wurde, kam nichts mehr, was das noch im Jazz toppen konnte.
grashalm, 09.07.2011
5. Love in Vain ( R. J. )
Zitat von bikenstringsMan denke an die prä-E-Gitarren-Zeit: Vollmassive, mit riesigem Korpus konstruierte "Schlag"-Gitarren saßen mit Piano & Contrabass in der Rhythmusgruppe und waren die Taktgeber für die Trompetenstars in den Combos & Big-Bands. Ohne Amp is da nicht viel los-viel zu leise, um mit einem Solo durchzukommen-das war eben den Saxern, Trompetern oder Clarinettisten vorbehalten. Wir sollten die letzten Heros hegen & pflegen (und vor allem bezahlen); wer schon mal ein Instrument lernen wollte und hingeschmissen hat, weiß, wovon die Rede ist; heute wird Musik zu einem erschreckend großen Teil von EINEM Musiker am Computer gemacht, wo dann z.B. im Radio ein ganzes Orchester zu hören ist (wie hier: http://www.youtube.com/watch?v=Ehs2k8TM1fs oder hier: http://www.youtube.com/watch?v=dxao3vHTg3U&feature=related). Noch ein paar Gitarren-Heros: Ritchie Kotzen, Joe Satriani, Bill Frisell, Pat Martino, Wes Montgomery, Jimi Hendrix und ich ;-)
Sounds wie auf den erwähnten Alben von Metheny und Sauter unterstreichen die Erkenntnis von Psychologen, die sich mit den Instrumenten des Jazz befassten: Die Gitarre sei - ihrer Form wegen - ein weibliches Sexsymbol, das Saxophon ein männliches. typische Migränen Psychologie, Form = Sexsymbol, m, w. Voices = Stimmen Gitarre, Violine, Chello, Piano etc.. =Saiteninstrumente Saxophon, Trompete, Quer-& Panflöten, Dijeriedu etc......=Blasinstrumente Drums aller Art = Schlaginstrumente im weitesten Sinne elektronische Klangerzeuger, z.B. Moog Dass Mehrere und auch Einzelne ihr musikalisches Vermögen, mit auf PC basiertem Sequenzer in die Tat umsetzen, kann nur gut sein, sozusagen Malkästen für die Ohren, resp. Taperecorder + Mischpult, als repeated Performance.
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