Jazz im Kalten Krieg

Im Osten erlebte Publizist und Moderator Siegfried Schmidt-Joos Parteibonzen und Stasispitzel. Im Westen traf er unter den Jazz-Machern CIA-Mitarbeiter. Sein neues Buch ist ein Zeitdokument der deutschen Kulturgeschichte.

Schlagzeug: Das Jazz Magazin/ Mitteldeutscher Verlag

Im Kalten Krieg tobte der Wettkampf der Systeme auch im Kulturbereich. Die kommunistische Sowjetunion buhlte im Westen mit dem Bolschoi-Ballett um Sympathien; die kapitalistischen Amerikaner schickten Benny Goodman in den Ostblock; zudem übernahmen sie die Kosten für Publikationen, die in Form von Faltblättern von West-Berlin aus in die DDR geschleust wurden - darunter auch das Jazz-Magazin Schlagzeug. Jazz war in den fünfziger Jahren als Teil der Popkultur beliebt und faszinierte gerade im Osten kritische Jugendliche.

Beim "Schlagzeug" verdiente auch der aus der DDR in den Westen geflohene Siegfried Schmidt-Joos - genannt Siggi - sein Geld. 1000 Mark gab es für Jazz-Artikel und Redigierarbeit. Und den monatlichen Flug aus seiner neuen Heimatstadt Frankfurt nach West-Berlin bezahlte die Redaktion. Dass die von der CIA finanziert wurde, erfuhr Schmidt-Joos erst Jahrzehnte später - ausgerechnet aus Akten der Stasi, jener Organisation, die den damals 21-jährigen Studenten 1957 aus Halle bedrängt und zur Flucht getrieben hatte.

Siegfried Schmidt-Joos kennen viele als Autor umfangreicher Rock- und Pop-Lexika; er war Radio-Moderator beim Sender Freies Berlin (SFB) , hat Bücher über "Geschäfte mit Schlagern" und "Das Musical" geschrieben. Doch der inzwischen 80-Jährige war auch ein Pionier in der DDR-Jazzszene; und in der Bundesrepublik arbeitete der studierte Kulturwissenschaftler etliche Jahre für die Deutsche Jazz Föderation.

In seinem 600-Seiten-Werk "Die Stasi swingt nicht" erzählt Schmidt-Joos die ersten 25 Jahre seines Lebens und verbindet sein Schicksal mit der Zeitgeschichte und dem Schwerpunkt Jazz. Dass ihm das vortrefflich gelungen ist, erklärt der Autor mit seiner Zugehörigkeit zum SPIEGEL, wo er zehn Jahre lang als Redakteur gearbeitet hat: "Da habe ich gelernt aus Massen von Material gut lesbare Geschichten zu schreiben."

Der Jazz-Bazillus kam übers Radio

Schmidt-Jooss beginnt mit seinem Geburtsjahr 1936. Da konnte der seit Hitlers Machtübernahme verfemte Jazz in Deutschland noch einmal aufleben. Das Naziregime gaukelte der Welt während der Olympischen Spiele in Berlin eine Liberalität vor, von der die Swing-Szene profitierte. Bald aber hagelte es wieder Verbote. "Nigger-Jazz" galt als entartete Kunst. Jazz wurde aus dem deutschen Rundfunk verbannt. Leute, die solche Musik auf ausländischen Sendern hörten, riskierten Zuchthausstrafen. Schmidt-Joos beschreibt den Jazz in der Nazizeit anhand von Dokumenten und Gesprächen mit Zeitzeugen.

Das Kriegsende erlebte der Sohn eines Gärtnereibesitzers in Gotha (Thüringen) als Neunjähriger. Siegfried Schmidt (damals noch ohne den Beinamen Joos) verlor beim Spielen mit einer Panzerfaust die rechte Hand - eine Karriere als Musiker war damit ausgeschlossen. Dennoch packte den Oberschüler der Jazz-Bazillus, als er die mitreißende Musik in westlichen Rundfunksendern hörte. Begegnung mit dem Jazz durchs Radio - das war typisch für den Ostblock. Die Amerikaner erkannten das Potenzial und sendeten über ihre "Voice of America" Jazz-Programme, die Millionen im Ostblock hörten.

Jazz in der DDR zwischen Duldung und Verfolgung

Als Student gründete Schmidt 1955 an der Universität Halle innerhalb des Staatsjugendverbandes FDJ die Arbeitsgemeinschaft Jazz. Die kommunistischen Behörden ließen das zu - in der Hoffnung, Jugendliche für ihre Sache zu gewinnen. Tatsächlich pendelte die Einstellung gegenüber dem Jazz zwischen Duldung und Verfolgung. Während sich die sowjetischen Kulturoffiziere in der damaligen Ostzone gegenüber der amerikanischen Musik noch aufgeschlossen gezeigt hatten, herrschte bei den Funktionären der DDR eine ablehnende Haltung gegen die "Kultur des Klassenfeindes" vor. Doch immer wieder gab es Tauwetter-Perioden: Schmidt konnte offiziell zu Festivals in die Bundesrepublik reisen, Konzerte mit Gästen aus dem Westen organisieren und einige Sendungen für den DDR-Rundfunk gestalten.

Doch Jazz-Aktivisten bewegten sich auch auf gefährlichem Terrain. Das erfuhr der Marxismus-Dozent Reginald Rudorf, den der SPIEGEL einst als "Ein-Mann-Zentrale aller Jazz-Bemühungen in der DDR" bezeichnete. Rudorf wurde vorgeworfen, unter dem Deckmantel des Jazz die Staatsordnung zu unterminieren; ein Gericht in Leipzig schickte ihn für zwei Jahre ins Zuchthaus.

Wie schon der DDR-Radiomoderator und Festival-Organisator Karlheinz Drechsel bringt Schmidt-Joos in seinem Buch eine weitere fundierte Darstellung des Jazz in der DDR vor dem Mauerbau; er schildert auch die Auseinandersetzungen unter den Jazzern über den Umgang mit den Machthabern. Die kontrollierten die Jazzszene mithilfe der Stasi und versuchten immer wieder, Fans zur Mitarbeit zu bewegen. Wie Schmidt-Joos setzten sich damals viele in den Westen ab. Bis zur Grenzschließung am 13. August 1961 war das über West-Berlin möglich.

In der Bundesrepublik fasste Schmidt-Joos aufgrund seiner intensiven Kontakte schnell Fuß. Er arbeitete im Frankfurter Jazzhaus, reiste als Tourneebegleiter der Deutschen Jazz Föderation mit Spitzenbands durchs Land und war mit den Konzertveranstaltern Horst Lippmann und Fritz Rau per Du. Der deutsche Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt engagierte ihn für aktuelle Bearbeitungen seines Welt-Bestsellers "Das Jazzbuch"; die Zeitschrift Schlagzeug schickte Schmidt-Joos in die USA, wo der Deutsche führende Musiker und Manager kennenlernte.

"Die 25 Jahre, die dieses Buch umfassen (1936 bis 1961)", resümiert Schmidt-Joos, "waren die spannendsten und ereignisreichsten der Jazzgeschichte. Schlag auf Schlag folgten auf den Swing Bebop, Cool und Westcoast Jazz, Hard Bop und der Free Jazz von Ornette Coleman und Miles Davis, mal kammermusikalisch, mal großorchestral bevor es dann mit Rock-Jazz weiterging." Dass der Jazzer Schmidt-Joos die Entwicklung aufgeschlossen wahrnahm und zum Rock- und Pop-Experten wurde, wäre das Thema für ein weiteres Buch.

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insgesamt 3 Beiträge
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behemoth1 25.09.2016
1. Überwachungsstaat
Es gibt doch nichts mehr neues zu berichten, es ist doch mit der Weile allen klar, dass die DDR total durch die Stasi unterwandert war, in allen gesellschaftlichen Bereichen, aber auch in den Familien gab es kaum einen freien Raum, wo die Stasi nicht mit am Tisch saß. Was sagt uns das, wir sollten daraus lernen und heute all diejenigen auf die Finger hauen, die es in fast gleicher Form, nur abgewandt mit neuer Technologie durchziehen, der Überwachungsstaat ist heue genau genommen eines der wichtigsten Themen. Jede Freiheit wird durch die Überwachung, wie man es auch nennen will unterwandert und ausghoben.
atemlos9 26.09.2016
2. Dizzy?
Wieso lautet die Subline auf der Hauptseite "Dizzy in der DDR", wenn Dizzy im Artikel nicht einmal erwähnt wird??
iimzip 27.09.2016
3. Dizzy!
Zur Aufklärung könnte das Klicken auf ''Fotos'' beitragen... Nicht vergessen werden sollte dann auch Dietrich Schulz-Köhn, der als ''Dr. Jazz'' eher die Region nördlich des SWF (Heimatsender von ''Jazzpapst'' JEB) beackerte. Und wer von den Jüngeren sich bei Bild #3 fragt, was denn dieser ''Deutschlandsender'' war: Der bekämpfte ab 1949 die (westliche) ''Lügenhetze'' und wurde 1971 in ''Stimme der DDR'' umbenannt.
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