Jazzmusiker Nils Landgren Der Posaunenflüsterer

Mit seinem Instrument kann er sogar aufgeregte Menschenmengen bändigen: Der Musiker und Festivalleiter Nils Landgren gehört zu den weniger Jazzern, die ein breites Publikum ansprechen. Das Doppelalbum "Redhorn Collection" vermittelt einen Eindruck davon.

ACT/ Johan Bergmark

Um 23 Uhr sollte das Herbie-Hancock-Konzert beginnen. Vor der Halle, in der Techniker fieberhaft Umbauten vornahmen, drängten sich 600 Fans. Nach 20 Minuten erklangen Rufe: "Wir wollen rein" und "Geld zurück". In die immer unruhiger werdende Menge drängte sich schließlich ein stämmiger Mann mit einer roten Posaune. Er versuchte, die Verzögerung zu erklären. Weil er inmitten des Tumults kaum zu verstehen war, griff er zu seinem Instrument und intonierte ein schwedisches Wiegenlied. Unglaublich, aber wahr: Die aggressive Stimmung kippte. Die Leute lachten und warteten geduldig bis zur Öffnung der Tore und zum Konzertbeginn weit nach Mitternacht.

Die Szene bei Jazz-Baltica 2012 im Ostsee-Ort Niendorf zeigt Nils Landgren in seiner Vielseitigkeit: Als Festvalleiter war es im gelungen, einen Weltstar wie Herbie Hancock ins Programm zu bekommen. Als Kommunikator und Entertainer manipulierte er das Publikum. Wer beruhigt schon Menschen mit Posaunentönen? Andererseits kann Landgren das Publikum auch aufputschen - wenn er etwa mit seiner Funk Unit zur Dance Night aufspielt. "Mr. Omnipräsent" nennen manche den 57-jährigen Schweden.

Landgren spielt Posaune und singt in etlichen Bands, unterrichtet zudem als Professor an der Hamburger Musikhochschule. Von 2008 bis 2011 organisierte er das Jazzfest Berlin, 2012 übernahm er Jazz-Baltica. Weil er gern im Scheinwerferlicht steht, liebt er es, Künstler anzukündigen, dabei kokettiert er mit seinem nicht fehlerfreien Deutsch und erzählt Anekdoten. Oft steigt der Festivalchef bei gerade auftretenden Bands ein. Mit seinem universellen Können beeindruckt er simple Blues-Barden ebenso wie komplizierte Modernisten.

Junge Leute lieben Landgrens Funk Unit

Landgren studierte in seiner Heimat Musik. Bei einem Besuch in Amerika lernte er 1987 Joe Sample kennen. Der Pianist und Bandleader der Crusaders lud den skandinavischen Posaunisten ein, bei einer Platteneinspielung mitzuwirken. Später wurde Landgren über vier Jahre Mitglied der Crusaders. "Joe Sample ist eines meiner großen Vorbilder", sagt Landgren über den Musiker, der am 12. September gestorben ist. Wie Sample hat er bei aller Aufgeschlossenheit für neue Trends immer die Nähe zum Publikum gesucht. Landgren musizierte in den vergangenen drei Jahrzehnten in den verschiedensten Besetzungen mit etlichen Jazzgrößen. Einige von ihnen sind als Gäste auf der aktuellen Doppel-CD: Maceo Parker, die Brecker-Brüder, Fred Wesely, Esbjörn Svensson,Till Brönner, Michael Wollny.

Die Deutschland-Verbindung ergab sich vor 20 Jahren, als Landgren bei einem Auftritt im holsteinischen Salzau den Act-Label-Chef Siegfried Loch kennenlernte. Die beiden mochten sich sofort. "Nils Landgren ist ein Glücksfall für uns und für unsere Zeit", sagt Loch heute. Klar, der singende Posaunist verkauft mehr Act-Platten als jeder andere Künstler des Münchner Unternehmens. Und "für unsere Zeit" ist der Musiker gut, weil er entspannte Leichtigkeit in ein oft verbissenes Milieu trägt. Manche Jazz-Puristen mögen den extrovertierten Landgren als einen Tausendsassa abtun, bei den meisten aber kommen seine Musik und Showmanship an.

Jüngere lieben seine Fusion-Band Funk Unit, die auf der ersten CD des aktuellen Doppelalbums "Redhorn Collection" zu hören ist. Da erinnert der Titel "Kibera Sunrise" an den Ausflug der Truppe nach Afrika im Oktober 2009. Damals spielte die Band in Kibera, dem größten Slum von Kenias Hauptstadt Nairobi, und verschenkte Instrumente an Schulkinder. Über die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen pflegt Landgren bis heute den Kontakt nach Kibera und finanziert die Schulspeisung für bedürftige Kinder.

Die zweite CD der "Redhorn Collection" enthält Balladen. Auf vielen Einspielungen singt Landgren. Seine etwas brüchige, hohe Stimme bildet einen markanten Kontrast zum vollen Ton seiner Posaune. Anders als der Instrumentalist ist der Vokalist Landgren umstritten. Es gibt Landgren-Fans, die sich besser fühlen, wenn der Sänger wieder zur Posaune greift.


CD-Angaben:
Nils Landgren: Redhorn Collection. Act; 17,99 Euro. Erscheint am 10. Oktober.



insgesamt 10 Beiträge
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stammeskrieger 28.09.2014
1. Landgren ist klasse!
Es sind Musiker wie Landgren die den Jazz lebendig halten ohne sich an verstaubten Standards zu orientieren. Landgren "ist vor nix fies", mit seinem Können vereint er verschiedenste Musikstfö.ungen auf und haucht ihnen wieder frischen Wind ein. Und wenn er ABBA Songst interpretiert ist nicht das Jazzpublikum irritiert. Nein, die ABBA Fans sind geschockt. Das darf als Kompliment verstanden werden. In xer subventionierten Jazzkultur Europas ist Landgren einer der wenigen die ihre Daseinsberechtigung auch ohn Subventionen nachweisen könnten.
chaps 28.09.2014
2. Einer der Wichtigsten!
Landgren ist einer der wichtigsten Jazzer in Europa. Nicht nur weil er hervorragende Musik macht, sondern weil er sich unermüdlich für den Jazz engagiert. Die Titel auf der "Redhorn Collection" sind für Interessierte ein guter Einstieg in das musikalische Schaffen von Landgren. Der Mann hat so ziemlich mit allen Jazz-Größen zusammen gearbeitet. Respekt und weiter so, Nils Landgren!
Christoph Münch 28.09.2014
3. Werbung
Ohne Zweifel ist Landgren ein sehr guter Musiker, darüber braucht nicht diskutiert zu werden. Aber ich weise zum wiederholten Male darauf hin, dass die Jazzartikel im Spiegel nahezu immer Werbeartikel (vermutlich in Absprache mit den betreffenden Künstlern) sind. Auch fällt auf, dass dies oft Künstler aus dem Hamburger Umfeld sind. Ich möchte mal wirkliche journalistische Artikel lesen, nicht immer nur "Promotion"!
jtu 28.09.2014
4.
Was Landgren macht, hat mit Jazz wenig zu tun. Eher ist es Pop
chaps 28.09.2014
5. Aha - Die Jazzpolizei
An jtu: was Jazz ist und was nicht, brauchen wir hier nicht zu diskutieren. Wichtig ist das Jazzmusiker überhaupt eine Plattform in einer so großen Plattform wie SPON haben. Sonst stirbt diese Musik langsam aus - bei den ganzen Helene Fischers da draußen.
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