Fotostrecke

Saxophonist Wayne Shorter: "Musik wie eine Lotusblume"

Foto: ERIC DRAPER/ ASSOCIATED PRESS

Zum 80. Geburtstag von Wayne Shorter Der Philosoph des Jazz

Er geht ohne Konzept auf die Bühne, er lässt Musik einfach entstehen: Für den Jazz-Saxophonisten Wayne Shorter ist jeder Auftritt ein Wagnis. Zu seinem 80. Geburtstag an diesem Sonntag ehrt Arte den Ausnahmemusiker mit einer Doku, die ihn als nachdenklichen Mann zeigt.

"Was kann man dem Leben geben, wo es doch schon alles hat?" Diese Frage stellte sich der Jazz-Saxophonist Wayne Shorter Zeit seines Lebens immer wieder. Bislang gab er die Antwort stets musikalisch, auf Dutzenden Platten, bei ungezählten Konzerten. Jetzt, anlässlich seines 80. Geburtstages, den Shorter am Sonntag feiert, hat sich der scheue Mann verbal offenbart. "Indem wir uns um Originalität bemühen, können wir uns beim Leben bedanken." Das ist leicht daher gesagt und bei den meisten, die einen solchen Satz von sich geben, würde er glatt als Plattitüde durchgehen.

Wenn man aber Shorter zusieht, wie er diesen Satz sagt, wie reflektiert er über seine Arbeit nachdenkt, dann wird man begreifen, wie ernst es ihm ist und wie wenig er von dem Geschwafel hält, das sonst Tag für Tag über die Menschheit hereinbricht. Der Filmemacher Guido Lukoschek von der Filmakademie Baden-Württemberg hat dem Ausnahmemusiker nun eine einstündige Dokumentation gewidmet. "Jazzlegende Wayne Shorter" ist das Werk ganz schlicht überschrieben, das heute Abend auf Arte zu sehen ist.

Die Versuchung war groß, ein Potpourri der einzelnen Wegmarken Shorters zusammenzurühren, angefangen als Saxophonist und Komponist bei Art Blakey's Jazz Messengers, weiter über Miles Davis' zweites Quintett, über die Fusion-Experimente bei Wheather Report, deren führender Kopf Shorter war, bis zu seinem Quartett um den Pianisten Danilo Perez, den Bassisten John Patitucci und den Drummer Brain Blade, mit dem er seit der Jahrtausendwende unterwegs ist und Platten aufnimmt. Doch diese 60 Jahre fasst Lukoschek gnadenlos in 2 Minuten und 10 Sekunden zusammen, gleich am Anfang des Filmes.

Musik wie ein spiritueller Tanz

Ihm ging es um etwas anderes. Er wollte ergründen, was Originalität für Shorter wirklich bedeutet, warum das Klischee vom Jazz als einer "Musik im Moment des Entstehens" in Wahrheit keines ist, er wollte versuchen, das "Unbeschreibliche" der Jazzmusik tatsächlich zu beschreiben. Soviel kann man schon sagen: Es ist kein Film, den man mal so eben wegkonsumieren kann. Man muss sich auf ihn einlassen wie auf Shorters Musik. Lukoscheks Doku ist ein Plädoyer für die Muße, ein Appell, zumindest Musik vor den Oberflächlichkeiten des Lebens zu bewahren.

Am 3. November 2012 nahm der Filmemacher im Pariser Salle Playel, dem einzigen großen symphonischen Konzertsaal von Paris, ein Konzert des Wayne Shorter Quartett auf und interviewte im Nachgang die Musiker einzeln, während er ihnen ihr eben gespieltes Konzert vorführte. Wie magisch ein solches Konzert für Shorter als Interpreten ist und welche Ehrfurcht er davor hat, zeigt seine Frage an den Deutschen: "Soll ich reden, während die Musik läuft?" Ja, sollte er.

Zu sehen und hören sind vier Musiker, die vollkommen ohne Konzept auf die Bühne gehen, die jede Note improvisieren, die sich wie in einem spirituellen Tanz dem Motiv des Songs nähern. "Wir hören ein Lied bevor es beginnt zu existieren", sagt Shorter, als die Vier die Komposition "Lotus" anstimmen. "Potential kann man nicht erzeugen oder proben. Potential kann man nur finden." Um an dieses Potential heranzukommen müssten Musiker mutig und demütig sein. Sie dürften ihre Fähigkeiten nicht zur Schau stellen, weil man damit nur die Anerkennung des Publikums gewinnen wolle. Doch damit seien Erwartungshaltungen verbunden. Um Originalität zu beweisen, dürfe man nicht wissen, was als nächstes komme.

"Jazz braucht mehr Farbe"

"Das Publikum braucht genauso viel Mut, wie wir Musiker, dem Unerwarteten entgegenzutreten", sagt Shorter, der noch heute von seinem Lehrmeister Miles Davis geprägt ist. "Jazz braucht mehr Farbe", habe er ihm immer gesagt. Heute gibt er Ratschläge an den Pianisten Perez, indem er fordert, er solle seinen Akkorden Wasser dazugeben. So abstrus das zunächst klingen mag, so angespornt fühlte sich Perez und machte sich auf die Suche, probierte solange mit Quinten, bis der Meister befand, es sei genug Wasser in den Akkorden.

"Mentor zu sein, bedeutet nicht, jemandem zu folgen", sagt Shorters dritte Ehefrau Carolina. "Ein Mentor ist wie ein Vater, der sein Kind auf die Schulter setzt. Das Kind kann dann weiter sehen als der Vater und ihm erzählen, was es entdeckt hat."

Dass der 80-Jährige auch heute noch so vital ist und im Kopf frischer als manch 30-jähriger, hängt vor allem mit den Tragödien seines Lebens zusammen. 1985 starb seine damals 14-jährige Tochter Iska an einem epileptischen Anfall, 1996 stürzte seine zweite Frau bei einem Transatlantikflug von Amerika nach Italien ab. Bei der Trauerfeier, so erzählt es Shorters heutige Frau, habe er vor allen Anwesenden ein Gelübde abgelegt. Er wolle ein glücklicher Mensch sein, um seiner Frau posthum Glück zu schenken. "In diesem Moment muss er den Entschluss gefasst haben, in seinem Leben wieder Risiken einzugehen", sagt Carolina Shorter.

Sein jetziges Quartett ist ein einziges Risiko, es ist ein Wagnis - jedes Mal aufs neue, wenn es eine Konzertbühne betritt. Seine Musik vergleicht Wayne Shorter gern mit einer Lotusblume, die nur im Sumpf gedeihen könne. Wie unsere Welt sei auch der Sumpf undurchsichtig, schmutzig und voller Bedrohungen. "Doch wenn die Lotusblume blüht, klärt sich das Wasser um ihren Stängel. Sie ist ein Symbol für die Erleuchtung." Eine schönere Metapher für den Jubilar und sein Werk lässt sich kaum finden.


"Jazzlegende Wayne Shorter": Sonntag, 25.8., Arte, 23.00 Uhr