Jazz im Alter Spiel's noch einmal

Weit über 80 und noch auf der Bühne: Rolf Kühn, Dusko Goykovich und Emil Mangelsdorff hören nicht auf zu spielen - und werden dafür von weitaus jüngeren Musikern verehrt.

unisono-records

23 Jahre lang hatte Rolf Römer in der WDR Big Band gespielt. 2004 ging er in Pension. Nichts lag dem 65-Jährigen damals ferner, als mit der Musik aufzuhören. "Der Kreis schließt sich", sagt er. "Jetzt bin ich wieder freischaffender Musiker."

Bis heute übt Römer täglich Saxofon und Klarinette. Er komponiert, arrangiert und spielt mit eigenen Formationen oder als Gast in Klubs wie dem Berliner A-Trane. Bei Lyrik-Lesungen begleitet er Schauspieler; für das Programmkino Bali in Berlin-Zehlendorf regte er die Filmreihe "Jazz goes Cinema" an.

Römer gehört zu Deutschlands aktiven Jazz-Senioren. Nicht zu jenen, die, wie Max Greger oder Hugo Strasser, immer noch den Swing ihrer jungen Jahre pflegen. Er zählt zu den Musikern, die zeitgenössische Strömungen wahrnehmen und mit der aktuellen Szene verbandelt sind.

Jazz-Senioren mit jungen Ohren

Der bekannteste unter Deutschlands Jazz-Senioren mit jungen Ohren ist Rolf Kühn, 85. Der Klarinettist, den Benny Goodman 1958 in sein Orchester holte, bildet derzeit eine "Unit" mit der jungen Berliner Avantgarde: Christian Lillinger (Drums), Ronny Graupe (Gitarre) und Johannes Fink (Bass) könnten allesamt Kühns Enkel sein.

Ein anderer älterer Herr, den Jüngere verehren, ist der Trompeter Dusko Goykovich, 83. Wolfgang Haffner engagierte den aus Jugoslawien stammenden Münchner für sein aktuelles Album "Kind of Cool"; die Belgrader Bigband RTS holte Goykovich zu Aufnahmen in seine alte Heimat.

Immer noch aktiv ist auch Emil Mangelsdorff, der ältere Bruder des vor zehn Jahren verstorbenen Albert. Die Musikzeitschrift "Rondo" lobte die neue CD dieses "Nestors der deutschen Jazzszene". Emil Mangelsdorff wird am 15. April 90 Jahre alt.

"Ich mache weiter, weil ich mein Hobby zum Beruf machen konnte", erklärt Römer, der mit 76 noch vergleichsweise jung ist. "Mein Motor war immer die Jazzmusik." Sie trieb ihn als Schüler dazu, Klarinette und Saxofon zu lernen, nachdem Jazzsendungen im Radio ihn begeistert hatten.

Auf Tour mit 91

Jazz zu spielen blieb Römers Ziel, als er sich in seinen Lehr- und Wanderjahren in Klubs der US-Army und in Pariser Nachtlokalen mit allen Sorten von Musik seinen Lebensunterhalt verdiente. Nach den Jahren in der WDR Big Band will Römer "spielen, solange ich das Niveau halten kann und gesund bleibe".

Ähnlich handeln viele Jazz-Veteranen. So der Sänger und Pianist Bob Dorough, der noch mit Charlie Parker auftrat und zwei Songs für Miles Davis aufnahm. Noch mit 91 Jahren flog der Amerikaner im November zu Gigs nach Deutschland, um seine Platte mit dem Münchner Saxofonisten Michael Hornstein zu promoten.

Jazzmusiker können bis ins hohe Alter auf der Bühne stehen, weil ihre Kunst wenig mit Aussehen, Show und Selbstinszenierung zu tun hat. Jugendlichkeit ist, anders als im Pop, kein wesentliches Element im Jazz. Es kommt lediglich darauf an, das Instrument oder die Stimme zu beherrschen. Hier gleichen sich Jazz und Klassik.

Wie in der klassischen Musik sind auch viele Weltstars des Jazz betagte Herren: Sonny Rollins ist 84, Wayne Shorter 82, Al Jarreau 75 - auch Herbie Hancock kann diesen runden Geburtstag am kommenden Sonntag feiern. Happy Birthday im Voraus, Herbie!


CD-Angaben:
Independent Jazz Quartet (Rolf Römer): Playground. Unisono Records. Nur als MP3-Download erhältlich.
Rolf Kühn Unit: Stereo. MPS / Edel; 18,98 Euro. Erscheint am 24.4.
Dusko Goykovich & Bigband RTS: Latin Haze. Enja; 16,99 Euro.
Emil Mangelsdorff Quartet & Friends: Stolen Moments. L+R Records; 17,99 Euro.
Bob Dorough Trio feat. Michael Hornstein: But For Now. Enja; 21,50 Euro.



insgesamt 7 Beiträge
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spon-facebook-10000122439 05.04.2015
1. Jazz erhalt jung.---
Bin 77 Jahre alt , und hore mit der gleichen Begeisterung Jazz , wie in jungen Jahren .Anfang der funfziger Jahre bin ich in das Radio gekrochen , um Mulligan und Co zu horen , habe im Hamburger "Barett"auf der Hungertreppe gesessen ,und" Ella" war zum Greifen nah ,sie und viele Grossen des Jazz waren dort zur Jam-Session , wunderbare Erlebnisse , die ich nie vergessen werde..---
bettini 05.04.2015
2. Lou Donaldson nicht vergessen
Der ist mit 88 Jahren auch noch dabei!
hhffm 05.04.2015
3.
...alles schön und gut - aber: Ihr habt den mehr als nur wichtigen "alten" nicht erwähnt (obwohl Ihr ihn bestimmt nicht übersehen habt; es gab wohl im Moment nur nichts zu promoten!): ich meine den wohl einzigen "Alten"(82), der bis heute nicht nur zur Avantgarde zählt, sondern sie entscheidend vorantreibt: Heinz SAUER !
a_lind 05.04.2015
4.
Das ist ja nun kein originäres Phänomen des Jazz. Jeder, für den sein Beruf nicht nur ein Job ist, sondern Berufung, Lebenssinn, wird so lange weitermachen, wie es eben geht.
ambulans 05.04.2015
5. nicht
nur jazzer bleiben "ewig jung" - z.b. war francisco repilado alias "compay segundo" noch mit 95 (BVSC wie kleine besetzung) auf der bühne und konnte überzeugen ...
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