Fotostrecke

Frauen im Jazz: "Ladies" oder "Women"

Foto: Concorde Music/ Tracey Love

Jazz-Star Terri Lyne Carrington Die Drummerin, die keine Dame sein will

Ob am Saxofon oder am Bass: Für ihr neues Album "The Mosaic Project" hat Terri Lyne Carrington ausschließlich Musikerinnen beschäftigt. Die bekannteste Jazz-Drummerin der Welt will das nicht als musikalisches Statement verstanden wissen, sondern als politisches.

"Wenn ich einen Song schreibe oder ein Stück arrangiere", sagt Terri Lyne Carrington, "höre ich stets eine dazu passende Stimme, sei es als Gesang oder instrumental." Es müssen vorwiegend weibliche Stimmen sein. Denn auf dem Album "Mosaic", für das die Drummerin zwanzig Lieblingsmusikerinnen zusammengebracht hat, spielen und singen ausschließlich Frauen: Eine Band mit ihr selbst am Schlagzeug, Geri Allen am Piano, Tineke Postma am Saxofon und Ingrid Jensen an der Trompete begleitet Sängerinnen, darunter die Weltstars Dee Dee Bridgewater, Dianne Reeves und Cassandra Wilson.

Carringtons "Mosaic" bringt hundert Prozent "female jazz". Will sie mit ihrem Projekt die Rolle der Frauen in diesem Musik-Genre herausstellen? Sie schüttelt den Kopf. "Jazz is just a drop in the ocean of life", zitiert die 45-jährige Afro-Amerikanerin ihren Kollegen Wayne Shorter. "I'm a woman in the world, not just a woman in jazz", sagt sie.

Die Musikerin bevorzugt das Wort "women" (Frauen) gegenüber "ladies" (Damen). Denn "ladies" impliziere "a certain stand in society", sei Ausdruck einer Klassengesellschaft, die sie ablehne. Bei der Unterhaltung in einem Hamburger Hotel trägt Carrington ein weißes T-Shirt, Jeans und ein knappes Jackett. Sie diskutiert gerne und keineswegs nur über Musik. Wie findet sie die Politik des ersten schwarzen US-Präsidenten? Obamas Möglichkeiten würden überschätzt, antwortet Carrington. Deshalb teilt sie nicht die Enttäuschung vieler Mitbürger über ihn. "Unseren Kindern hat er eine neue Welt eröffnet."

Jazzalbum mit Politaktivistin

Auf Carringtons "Mosaic"-Album ist auch die Stimme von Angela Davis zu hören: Die Politaktivistin, die zwei Jahre eingekerkert war, beklagt die Zustände in Amerikas Gefängnissen. Dann singt Dianne Reeves - es ist der vielleicht eindrucksvollste von 14 Titeln des Albums mit Jazz-, Soul- und Funkstücken. Carrington nahm die Rhythmusgruppe und Bläsersätze im Studio auf und spielte später die Beiträge der Sängerinnen ein. Mit ihrem Mosaic-Projekt unterstreicht die Schlagzeugerin ihren Ruf als Produzentin und Komponistin.

Terri Lyne Carrington galt als Wunderkind, weil sie schon als Elfjährige mit Jazzgrößen wie Clark Terry auftrat. In ihrer Musikerfamilie in der Gegend von Boston hatte das Mädchen völlig unbefangen auf dem Schlagzeug des Großvaters geübt. Dass das als "männliches" Instrument galt, wurde ihr erst später klar. Als Teenager spielte Terri mit Dizzy Gillespie und Oscar Peterson. Ihr Erfolg ermutigte andere Frauen, sich im Jazz nicht nur als Sängerinnen oder Pianistinnen zu versuchen. Heute freut sich Carrington über die vielen weiblichen Drummer, Bläser und Bassisten. Sie erlebt die Jazzerinnen als Professorin am Berklee College of Music und auf ihren weltweiten Tourneen. In Japan, sagt sie, seien sie besonders zahlreich.

Natürlich haben sich auch in Deutschland Frauen auf früheren Männerinstrumenten etabliert, etwa Eva Kruse (Bass) und Angelika Niescier (Saxofon). Neu merken sollte man sich den Namen Caroline Thon. Die Kölner Saxofonistin und Komponistin eifert den amerikanischen Bigband-Chefinnen Carla Bley und Maria Schneider nach. Sie verbindet Elemente aus moderner Klassik, zeitgenössischem Jazz und Rhythm'n'Blues, zu begutachten von kommender Woche an auf dem ersten Album ihres Thoneline Orchestras - einer Band, in der 15 Männer musizieren und eine Frau.