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Jazz und Vinyl: Weils besser klingt

Foto: Peter Gannushkin/ ECM

Jazz und Vinyl Kunststoff klingt besser

Während die CD-Umsätze schrumpfen und Online-Downloads wachsen, erlebt der vor 80 Jahren erfundene Tonträger aus dem Kunststoff Vinyl eine Renaissance. Schwarze Scheiben sind wieder in - auch im Jazz.

In der April-Ausgabe hätte man die Geschichte für einen makabren Scherz gehalten, aber sie erschien schon zur Jahreswende; und im Netz kann man nachprüfen, dass sie stimmt: Das britische Bestattungsunternehmen "And Vinyly" (genannt nach der Begräbnisfloskel "And finally...") presst die Asche Verstorbener in Vinyl und produziert so Spezialtonträger. Die enthalten nach Wunsch Musik, eine Ansprache oder sonstige Geräusche: Platte statt Urne. Der unheimliche Erinnerungstonträger ist die extremste Folge der Wiedergeburt der LP im Online-Zeitalter.

Über die Rille als letzter Wille berichtete zuerst "Mint - das Magazin für Vinyl-Kultur", das im Januar mit einer Auflage von 35.000 startete und nun nach eigenen Angaben schon über 55.000 Exemplare verkauft. Vinyl ist in. Seit 2008 verzeichnet die Branche Wachstumsraten von bis zu 50 Prozent im Jahr. Und mit dem Umsatz boomt auch der Nischenmarkt von Plattenspielern, Lautsprechern und anderem Zubehör: In seiner Juli-Ausgabe beschreibt der "Rolling Stone" Platten-Reinigungsgeräte von der traditionellen Kohlefaserbürste bis zur Hightech-Waschmaschine de luxe für 2500 Euro.

Coverkunst ist wieder gefragt

Der Trend zu immer mehr Vinyltonträgern zeigt sich auch im Jazz. So bringt Blue Note unter dem Slogan "Back To Black" nicht weniger als 105 "remasterte Albumklassiker für LP-Sammler" auf den Markt. Das von der Edel Music AG wieder zum Leben erweckte Label MPS bietet derzeit fünf neue Wiederveröffentlichungen aus dem 500 Titel umfassenden Katalog des legendären Schwarzwälder Unternehmens an. Vor allem aber erscheinen Neuaufnahmen zunehmend sowohl als CD wie auch auf Vinyl. Bei ECM waren es im ersten Halbjahr fünf Produktionen, darunter "What Was Said" von Tord Gustavsen und Simin Tander; unter vier ACT-Neuerscheinungen ist die Paolo Fresu-Richard Galliano-Jan Lundgren-Platte "Mare Nostrum II".

Die beiden Münchner Labels können ihre herausragende Coverästhetik auf LP-Plattenhüllen viel mehr zur Geltung bringen als auf CD-Verpackungen. Den Zusammenhang zwischen Schallplatten und Kunst hat Rainer Haarmann in seinem neuen Buch "Für Augen und Ohren" beschrieben. Der Gründer von Jazz Baltica und ausgewiesene Kunstkenner gründete 2012 die Edition Longplay, die Langspielplatten in Verbindung mit zeitgenössischer Kunst anbietet. Damals zweifelten viele, ob das neue Interesse an LPs andauern würde. Nun unterstreicht Haarmanns Erfolg die Nachhaltigkeit des Vinyl-Booms. Als nächstes Werk erscheint bei Longplay ein Album des am 30. Juni verstorbenen amerikanischen Pianisten Don Friedman mit Cover Art der in London lebenden Kerstin Kartscher.

Auch Junge mögen Langspielplatten

Haarmanns Platten sind unter anderem in der Hamburger "Plattenrille" zu haben. Den unter Vinyl-Freaks europaweit bekannten Laden am Grindelhof betreibt seit 35 Jahren Paul Löffler. "In letzter Zeit tauchen hier auch jüngere Leute auf", erzählt er und nennt ein Beispiel: "Ein Teenager, der bislang nur Musik aus dem Netz gehört hat, lernt Gitarre und findet zu Hause eine Jimi-Hendrix-Platte seines Vater; er reaktiviert den seit Jahren nicht benutzten Plattenspieler - und dann ist er plötzlich hier."

Freilich sind Vinyl-Freunde überwiegend älter. "Mint" hat die meisten Leser in der Altersgruppe der 31- bis 40-Jährigen. 30 und jünger sind gerade mal 15 Prozent. Und Männer, das schätzen Szene-Insider, stellen mindestens 80 Prozent der LP-Sammler. Die meisten von ihnen stehen auf Rock. Für Jazz interessiert sich nur eine Minderheit. Deshalb schaffen es Jazz-Alben nicht in die Top-20-Vinyl-Charts.

Der Vinylboom konfrontierte die Branche mit einem Problem. Weil seit 1984 keine Plattenpressen mehr hergestellt wurden, mussten alte Maschinen wieder in Betrieb genommen werden. Die funktionieren. So arbeitet im "Optimal Media"-Plattenwerk in Röbel (Mecklenburg-Vorpommern) eine Maschine, die 1953 in Schweden gebaut wurde; ein Messingschild identifiziert sie als "Leihgabe des Deutschen Technikmuseums". Mit museumsreifen Maschinen produzierte das ansonsten hochmoderne Tonträgerwerk im letzten Geschäftsjahr mehr als 16 Millionen Platten, in diesem werden es über 20 Millionen sein. Von den Top-20-LPs wurden oft drei Viertel in Röbel hergestellt.

Optimal-Media ist ein Tochterunternehmen von Edel Music, eins von weltweit 40 Werken, die wieder Platten pressen. Viele staunen, aber Insider wie Paul Löffler von der "Plattenrille" wissen, dass "Vinyl nie weg war". Wirklich? Die Zeitschrift "Mint" verkündete auf der Titelseite ihrer ersten Nummer: "Vinyl is for ever."

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