Jazz-Verleger Wewerka Europäisches Taktgefühl

Europäischer Jazz tat sich nach dem Zweiten Weltkrieg schwer gegen die großen US-Vorbilder. Doch selbst in den Pop-verliebten sechziger Jahren swingte die Alte Welt heftig. Nachzuhören auf den exzellenten Alben aus dem Archiv des Verlegers Hans Wewerka.


Wer zwischen 1966 und 1969 hierzulande musikalisch hip sein wollte, der interessierte sich für Psychedelic Rock, philosophierte vielleicht über die Metamorphosen von Bob Dylan oder schwärmte für den Soul von Otis Redding. Eher selten beschäftige man sich mit Jazz, das war eine Angelegenheit für Kenner und Außenseiter. Allenfalls die "großen Freien" in Gestalt von John Coltrane, Miles Davis oder Archie Shepp, deren Musik aus den USA herüberwehte und deren Platten oft schwierig zu bekommen waren, galten als salonfähig.

Dabei hatte man eine blühende Szene gleich vor der eigenen Haustür. Zum Beispiel in München: An der Isar blühten in den Sechzigern nicht nur die klassischen Künste auf, auch der Jazz entwickelte sich prächtig. Der Musikverleger Hans Wewerka produzierte eine Session nach der anderen, rund 20.000 Aufnahmen sollen es im Laufe der Jahre geworden sein. Heute hat der Jazzfan das Genre gewechselt: Sein Verlag macht Geld vor allem mit Werbejingles, Film- und TV-Musik.

Wie gut, dass man die Erinnerung an die Pionierzeit des europäischen Jazz jetzt auffrischen kann mit einer CD-Rückschau, die einige der bekanntesten Jazzmusiker der sechziger Jahre im Studio vereinte. Auf "Wewerka Archive" sind bekanntere Namen wie Mal Waldron oder Dusko Goykovich dabei, aber auch Insider-Größen wie Hans Posegga, der später mir der Titelmelodie zur "Sendung mit der Maus" einen Evergreen der Kinderunterhaltung schuf. Ein Ruhm, der dem Komponisten und Arrangeur damals wohl bizarr erschienen wäre. Aber wenn man beim Stück "Shangri La 1" genau hinhört, kratzt das agile Nagetier schon im Klanggebälk.

Wewerka bevorzugte das Dezente und Kultivierte, brachialen Freejazz-Attacken ging der Verleger aus dem Weg. Dass er dabei durchaus ein Gespür für Innovatives hatte, zeigen die drei Aufnahmen des Dusko-Goykovich-Sextetts, die swingende Improvisationen mit osteuropäischem Folk aus Goykovichs Heimat im ehemaligen Jugoslawien verbinden. Mit seiner Rhythmus-Besetzung Peter Trunk (b) und Cees See (dr) sowie mit dem Pianisten Mal Waldron präsentierte der Trompeter Goykovich fast ein Allstar-Ensemble seiner Zeit - und den Beweis, dass europäischer Jazz nicht nur imitieren, sondern auch initiieren konnte.

Fast schon Star-Status hatten damals Saxophonist Heinz Sauer und Albert Mangelsdorff (Posaune), die gemeinsam mit Günter Lenz (b) und Ralf Hübner (dr) die Sauer-Komposition "Plakate" aus dem Jahr 1967 beisteuern - das kraftvollste, freieste Stück des Albums, mit dem sie weit über ihre Zeit hinausweisen. Joe Haiders großflächige, melancholisch tönenden Film-Kompositionen erscheinen beinahe wie vage Vorahnungen der New-Age-Musik. Allerdings spürt man bei Haiders zupackendem Flötensound stets die Grundströmung des Blues, die seine plakativen Arrangements erdet und alle Beliebigkeit vermeiden hilft.

Wenige Jahre später, im Zug der wachsenden Popularität des Jazzrock um 1970 herum, wandelte sich der Blick der Rock- und Pop-Hörer auf den Jazz: Mit Miles Davis' epochalem Werk "Bitches Brew" brachen neue Zeiten der Massenwirkung an. Neutöner Albert Mangelsdorff trat sogar im Rahmen der Olympischen Spiele in München auf, als avantgardistischer Botschafter der deutschen und europäischen Musikszene.

Woher die kam und was sie schon geleistet hatte, dafür liefern die auch die bunten Archive von einem Entdecker und Förderer wie Hans Wewerka blendende Beispiele. Sie erscheinen nun nach und nach unter dem Titel "Focus Jazz" - manches wunderlich und zeitgenössisch schräg, doch die Juwelen überwiegen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.