Jazzband Portico Quartet Mit dem Ufo zum Lauschangriff

Das Londoner Portico Quartet mischt Minimal Music, Jazz und Pop zu einem einzigartigen Sound. Erzeugt werden die unerhörten Klänge mit Saxofon, Bass und Schlagzeug - und einem faszinierenden Schweizer Schlaginstrument, das wie ein außerirdisches Flugobjekt aussieht.
Von Ralf Dombrowski
Jazzband Portico Quartet mit Hang-Instrument: "Andere Bereiche des Hirns aktivieren"

Jazzband Portico Quartet mit Hang-Instrument: "Andere Bereiche des Hirns aktivieren"

Foto: Toby Summerskill

Die Geschichte der Portico Quartets beginnt in Bern an einem Novemberabend 1999. Damals saß der Percussionist Reto Weber mit den befreundeten Instrumentenbauern Felix Rohner und Sabina Schärer zusammen. Gemeinsam ließen sie die Sinne schweifen, philosophierten über Freuden und Unzulänglichkeiten des Trommlerdaseins. Und dann fragte Weber, ob man nicht einen Klangkörper konstruieren könne, der die Eigenschaften verschiedener Instrumente, etwa der indischen Ghatam und der Steel Drum aus Trinidad, sinnvoll kombiniere.

Der Ehrgeiz war geweckt. Rohner und Schärer machten sich ans Werk und entwickelten in den folgenden Monaten das Hang, benannt nach dem Schweizer Wort für "Hand", denn das Instrument benötigte keine Sticks oder Klöppel zum Bespielen. Es sah aus wie eine Mischung aus Ufo und Wok, konnte in verschiedenen Stimmungen gedengelt werden und wurde im Frühjahr 2001 erstmals auf der Frankfurter Musikmesse der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Resonanz war wohlwollend bis begeistert. Die Schweizer Werkstatt bekam Aufträge, baute mehrere tausend Hangs, die alsbald in Fußgängerzonen, Trommelgruppen und Musikprojekten zu erleben waren. Da man das Instrument melodisch und perkussiv zugleich spielen konnte, es außerdem exotisch klang und futuristisch aussah, machte es Karriere, wurde beständig weiter entwickelt und auf Festivals herumgereicht.

Zusammen-Hang

Damit schließt sich der Kreis zum Portico Quartet. Denn das Hang war der Auslöser für die vier Londoner Jungs, überhaupt eine Band zu gründen. Vor sechs Jahren entdeckte der Perkussionist Nick Mulvey das Instrument bei einem Festival, kratzte ein paar Pfund zusammen und erstand ein Exemplar. Gemeinsam mit dem Trommelkollegen Duncan Bellamy erforschte er die Klangräume des Hang, traf wenige Monate später auf den Saxofonisten Jack Wyllie und den Bassisten Milo Fitzpatrick, die sich ebenfalls dafür begeisterten, und schließlich wuchs das Portico Quartet zusammen.

Das Instrument war nicht nur handlich und ungewohnt, sondern hatte noch einen weiteren Vorteil. Es knüpfte an keine Tradition an, die beachtet oder widerlegt werden musste. "Unsere Idee des Klangs hängt viel mit Offenheit zusammen", meint Nick Mulvey mit Blick auf die ersten Experimente. "Das Hang bestimmt diesen Sound, denn es ist ein ruhiges Instrument. Das wiederum erfordert von uns sehr viel Sensibilität im Spiel. Es ist diese Kombination der Erforschung des Hang und der Tatsache, dass es gut mit Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug zusammenpasst, die uns zusammengeführt hat."

Bis hin zur gemeinsamen WG: Inzwischen wohnen Nick, Jack, Milo und Duncan gemeinsam in einem Haus in East London. Im Proberaum mit Blick auf den Garten werden die Songs komponiert und arrangiert. Man läuft zusammen zur Uni, saugt die Atmosphäre der Großstadt auf und verwandelt sie in Musik: "Wir erzählen Geschichten, aber sie sind schwer in Worte zu fassen. Wir wollen Raum schaffen, der Menschen inspiriert, Möglichkeiten, aus der normalen Zeit heraus zu treten, oder auch Abstraktionen, die andere Bereiche des Hirns aktivieren."

Von Steve Reich bis Radiohead

Die Musik der Portico Quartets irritiert. Denn so intuitiv die Mittzwanziger sich gefunden haben, so unüblich ist auch deren Sound-Vorstellung. Individuelle Vorlieben treffen aufeinander, Hörgewohnheiten, die durch Seminare an der School Of Orient and African Studies geprägt sind und im Proberaum die Chance bekommen, sich zu verbinden: "Wir haben dort Musik aus Japan und Indien, Zentral- und Westafrika, dem Mittleren Osten, Kuba, Brasilien und noch viel mehr kennengelernt. Da geht es mehr um die Verbindungen von Instrumenten und Umgebung, Musik und Politik, Geschlecht und Identität als um Spieltechnik."

Dazu kommen Einflüsse von Avant-Pop bis Minimal Music - und ein Produzent wie John Leckie, der die Band bei den Aufnahmen ihres zweiten Albums "Isla" begleitete. Er brachte bereits Pop-Visionäre wie Radiohead auf den Weg und beriet das Portico Quartet, das sein Debüt noch in Heimarbeit zusammen gepuzzelt hatte, bei der Arbeit in den legendären Beatles-Studios in der Abbey Road. Leckie unterstützte die Musiker darin, sich von keinen Einflüsterern der Musikindustrie beeindrucken zu lassen und stellte den Kontakt zu Peter Gabriels Real World Label her, bei dem die Newcomer schließlich landeten.

Das Resultat der Experimente im Studio klingt mal karg, mal hypnotisch dicht, stellenweise exotisch, dann wieder melancholisch und introvertiert. Für Nick Mulvey macht dieses schwer definierbare Klang- und Stilgemenge die Identität des Portico Quartets aus: "Wir sind nirgendwo in der musikalischen Welt verortet, sondern machen einfach Musik. Am einen Tag fühlen wir uns der Jazzwelt verbunden, am nächsten sind wir eine Rockband, dann wieder eine Ambient-Combo. Ich mag das, denn es befreit." Außerdem weist es in eine Zukunft, die Entdeckungen verheißt. Hang sei Dank!

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