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Jazzklubs: Blütenwiese für viele Stile

Foto: Marcus Schröpfer

Jazzklubs im Umbruch Blütenwiese für viele Stile

Der klassischen Jazzkneipe droht das Aus, die Musikrichtung verliert Anhänger. Viele Klubs erweitern daher ihr Repertoire - und folgen damit dem Trend erfolgreicher Festivals. Rundgang durch eine Szene im Umbruch.

Technofans und Jazzfreunde leben in verschiedenen Welten. Während die einen Elektro-Beats für monoton halten, betrachten die anderen Jazz als Opas Musik. Da ist schon erstaunlich, wenn Läden aus der Klubszene eine Jazzband auftreten lassen. Das passiert in München im Cord Club und im Harry Klein, wo regelmäßig die 20-köpfige Bigband Jazzrausch des Posaunisten Roman Sladek gastiert. "Die Initiative ist von mir ausgegangen", sagt der 26-jährige Musiker, "aber die Betreiber der beiden Klubs waren absolut offen."

Die Klubszene öffnet sich dem Jazz. Wer hätte das gedacht! Typischer ist freilich eine andere Entwicklung: Jazzkneipen erweitern ihr Angebot um Latin, Soul und elektropoppige Musik, anstelle klarer Jazzformate gedeiht eine Blütenwiese vieler Stile. Beispiele aus München etwa sind das Vogeler  und Mr. B's . "Offenbar", urteilt die "Süddeutsche Zeitung", "fürchten viele Klubbetreiber, allein mit Jazz ihren Laden nicht mehr voll zu bekommen und weichen auf populärere Musikstile aus."

Die Jazzklubs folgen den Festivals, die schon lange Künstler aus anderen Musikarten herausstellen. So trat bei Hamburgs Elbjazz der Rapper Samy Deluxe auf. "Das Festival soll nicht nur eingeschworene Jazzliebhaber ansprechen", sagt Elbjazz-Chefin Tina Heine. Und vor dem "Enjoy Jazz" in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen  schauen manche Jazzfreunde irritiert auf die Teilnehmerlisten. Etablierte Künstler wie Brad Mehldau, Paolo Fresu und Aki Takase erscheinen neben einem Schwall neuer Namen.

"Vegetationsperiode" dank Jazz-Krise

Aber vielleicht gehört die Zukunft - oder schon die Gegenwart - Elektrokünstlern wie Laurel Halo und Cobody. Der Jazz habe "seit seiner Entstehung viele Musikgattungen geprägt", erklärt Enjoy-Jazz-Gründer Rainer Kern. Er möchte "diesen Einflussraum in seiner ganzen Fülle abbilden".

Ob mit bewährten Namen aus dem Mainstream oder neuen Gesichtern aus Grenzbereichen - im Zeitalter der Eventkultur funktionieren Jazzfestivals. Aber sie sind nicht die Spielstätten für die bis zu 200 Absolventen, die jährlich an 18 deutschen Hochschulen ihr Jazzstudium abschließen. Die brauchen ein Netz von Klubs und Kneipen, und da sieht es düster aus. An einst jazzorientierten Orten wie dem Berliner Quasimodo  ist dieses Genre verschwunden.

Mit dem Birdland etwa schloss 2013 ein Hamburger Klub, in dem fast drei Jahrzehnte lang viermal wöchentlich moderner Jazz live geboten wurde. Zwar löste gerade das Ende dieses anderthalb Jahre später wiedereröffneten Spielorts "eine unverhoffte Vegetationsperiode" aus (so der Journalist und Insider Stefan Hentz): Heute wird in Hamburg an 35 Spielstätten mehr oder weniger regelmäßig Jazz geboten. Aber die Szene ist zerfieselt; Musikergagen sind minimal. Anders als in Berlin mit seinem A-Trane  oder München mit der Unterfahrt  finden jazzbegeisterte Hamburg-Besucher keinen verlässlichen Leitort mehr.

"Da tanzen die Leute immer schon mit"

Die einst mit dem Birdland verbundene, 550 Mitglieder starke Jazz Federation Hamburg suchte seit der Schließung des Klubs eine neue zentrale Jazz-Spielstätte für die Hansestadt. Sie fand schließlich die günstig gelegene Cascadas-Bar . Dort finden zweimal in der Woche Konzerte und Sessions statt. Doch anders als das alte Birdland ist Cascadas kein reiner Jazzklub. "Nur in Verbindung mit anderen anspruchsvollen Musikprogrammen kann sich das Cascadas mittelfristig zu einem zentralen Veranstaltungsort entwickeln", sagt der Federations-Vorsitzende Günter Muncke. Jazzer werden an etlichen Abenden die Bühne anderen Stilrichtungen überlassen.

Oder sie wildern in fremden Revieren, etwa bei House- und Technofans. Münchens Jazzrausch-Bigband gibt jeden ersten Donnerstag im Monat ein Konzert im "Cord Club" . "Da tanzen die Leute immer schon mit", sagt Bandleader Sladek. Doch die echte Sause läuft am dritten Donnerstag, wenn das Orchester zur Swing-, Lindy-Hopp- und Charleston-Party aufspielt.

Beim Jazzrausch-Auftritt im Techno-Laden Harry Klein  mischen sich einmal im Monat elektronische Klubsounds mit dem Klang von Saxofonen, Trompeten und Posaunen. Dort wird auch der Release der Bigband-House/Techno-CD "Prague Calling" gefeiert. "Der Jazz", schreibt der Musikjournalist Oliver Hochkeppel, "scheint sich eine Nische in der Münchner Klubszene zu erobern."


Termine der Jazzrausch Bigband in München:

1.10. Cord Club: Jazzrausch Bigband feat. Sarah McDonald

15.10. Cord Club: Jazzrausch Bigband Tanz Party mit Lindy Hop, Charleston, Swing

17.10. Harry-Klein-Club: CD-Release Konzert der Jazzrausch Bigband

2.10. - 14.11: Enjoy Jazz Festival Heidelberg/Mannheim/Ludwigshafen - mit Brad Mehldau, Paolo Fresu, Aki Takase, Laurel Halo, Cobody u.v.a.

Termine in der Hamburger "Cascadas-Bar":

2.10. Violins of Jazz World / Preisträger der Zbiniew Seifert Competition

7.10. Vocal Jam Session mit dem Regina Ebinal Quartett

16.10. Das Jazzhaus Orchestra spielt Mischa Schumann

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