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17. Juli 2009, 08:56 Uhr

Jazzpapst Michael Naura

Kraft ohne Protz

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Wer ihm nicht passte, den bedachte er schon mal mit Hundescheiße: Der Pianist, Bandleader, Dichter und Zeichner Michael Naura gehört zu den schillerndsten Personen des deutschen Jazz. Eine CD-Box würdigt das Schaffen des Vielbegabten.

Seinen Namen hörte ich zum ersten Mal im US-Soldatensender AFN in Berlin. "Meikl Nora and his Quintet" spielten eleganten Cool Jazz im Stil des Pianisten George Shearing. Ich hielt den Musiker für einen Amerikaner und war perplex, als ich eines Tages erfuhr, dass er "Michael Naura" hieß und wie ich in Ost-Berlin wohnte.

Sein Betätigungsfeld hatte der junge Künstler freilich längst im Westteil der Stadt gefunden. Naura hatte dort sein Abitur gemacht, war an der Freien Universität als Student der Soziologie immatrikuliert - und lebte nur für den Jazz.

Seine Combo spielte im "Breitenbach Keller", in der berühmt-berüchtigten "Badewanne" (Motto: "Sauber bleiben!") und im AFN. Die Berliner Fans liebten Nauras Sound; er selbst sah seine Musik kritisch. "Ich war der Taschendieb, der sich an George Shearing bereicherte", schrieb er und bekannte, auch Dave Brubeck, Bill Evans und Horace Silver bestohlen zu haben.

Wie sonst aber soll ein Musiker, zumal ein Autodidakt, seinen eigenen Stil finden?

Nach Jahren in rauchgeschwängerten Jazzkellern fand Naura 1971 eine Anstellung beim NDR in Hamburg. Seine Interessen über die Musik hinaus - Literatur, bildende Kunst, Politik - und seine starke Persönlichkeit prädestinierten ihn für eine neue Aufgabe. Er wurde "der einzige Jazzmusiker von Rang, der je die Jazz-Redaktion einer deutschen Rundfunkanstalt geleitet hat" (so das rororo "Jazz Lexikon").

Gerüstet mit einem ansehnlichen Budget konnte Naura nun Künstler unterstützen, die taten, was auch ihn nach dem "Abkupfern der amerikanischen Vorbilder" bewegt hatte: neue Wege zu suchen, ohne Grundlagen des Jazz wie Improvisation und Swing aufzugeben.

Der deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff und die amerikanische Pianistin/Bandleaderin Carla Bley standen für diese Richtung und wurden deshalb häufig zu NDR-Veranstaltungen eingeladen. Die moderierte Naura, und bald wurde seine wohlklingende Radiostimme weit bekannt, zumal er immer öfter eigene Texte vortrug - "Ansichten und Attacken", wie er sie nannte.

Wie auf dem Klavier hämmerte Naura nun auch Akkorde auf der Schreibmaschine; die Wochenzeitung "Die Zeit" und auch der SPIEGEL druckten Beiträge von ihm. Autor Naura nannte Dixieland-Jazz den "Schuhplattler der Amerikaner", schrieb über "die Russenattrappe Iwan Rebroff" und bewunderte Carla Bley, "diese köstliche Mischung aus Circe, Hexe und den beiden Alicen - Wonderland und Schwarzer".

Nauras Schreibfreude wurde durch Peter Rühmkorf befeuert, den "Dichter, der wie ein Morgenschiff in mein Leben rauschte". Keinen Menschen hat der Musiker mehr verehrt als den 2008 gestorbenen Lyriker.

Dabei kann Naura auch herzhaft hassen.

So stürmte er mit dem Ruf "Nazis raus" in eine Vernissage des Hitler-Tagebuch-Fälschers Konrad Kujau und warf Hundescheiße in die Gulaschsuppe für die Gäste.

Einem Kritiker, der eine von Naura geschätzte Band verriss, schickte er per Post einen Schweinefuß: "Das ist die Hand, die den Artikel geschrieben hat."

Vom NDR handelte sich der Redaktionsleiter eine Abmahnung ein: Er hatte die auf Hörerquoten fixierte Programmpolitik seines Arbeitgebers in der Presse gebrandmarkt.

Nun sind ausführliche Ausschnitte aus dem Schaffen des furchtlosen Vielbegabten auf einer Sechs-CD-Box zu hören, die NDR-Redakteur Hendrik Haubold zum 75. Geburtstag des Künstlers zusammengestellt hat: Nauras Musik (allein am Klavier, im Duo mit dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter, im Quintett mit Gästen wie Toots Thielemans und Klaus Doldinger), Nauras Stimme (als Moderator und als Vorleser), seine Jazz & Lyrik-Projekte mit Peter Rühmkorf.

Skurrile Naura-Zeichnungen enthält das 64-seitige Booklet zur Box - Selbstporträts, Darstellungen seiner Umwelt und seiner Traumwelt. "Michael Naura war ein eindrucksvoller Kraftkerl", schreibt der Publizist Manfred Eichel, und nennt den Künstler einen "Renaissance-Mann".


CD-Set: "Naura Box Fortissimo - eine deutsche Jazzologie" (Gateway4M).

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