Neue, junge Jazzszene Berliner Feuermusik

Der schwedische Bassist Petter Eldh gehört zu einer jungen, internationalen Szene, die Berlin wieder zu einer Hauptstadt des Jazz macht. Zum Beispiel mit dem furiosen Album seiner Band Koma Saxo.

Juho Luukkainen

Selbst die Immobilienbranche lässt davon ab, Prenzlauer Berg als Trendbezirk zu bezeichnen. Umso verblüffender, wenn es für kurze Zeit wieder stimmt. Als die Band Koma Saxo auf dem Gelände der Kulturbrauerei ihr Album vorstellen, fühlt sich der Stadtteil an wie der Mittelpunkt der Welt. Drei Saxofonisten, ein hochbegabter Schlagzeuger, ein Kontrabassist als Leader: Die Bude brennt, es riecht nach mehreren Schichten Berlin. Alles ist da, die experimentelle Tradition, die Klubs der letzten 30 Jahre, der Wille zur Erneuerung des Jazz. Manchmal die Wut, immer die Kraft, der Spaß sowieso.

Die Musik von Koma Saxo Jazz züngelt zwischen virtuosem Punk, akustischem Drum'n'Bass, Funk, freier Improvisation, Neuer Musik. Und bleibt doch irgendwie Jazz. Oder eher: Berliner Feuermusik - von der historischen "Fire Music" des Free Jazz hat sie den Eigensinn, von Berlin die Körperlichkeit und die auch räumlich niedrigeren Schwellen, wenn die Musiker nicht auf, sondern vor der Bühne spielen. Der Anführer der Band ist 36 Jahre alt und führt sich keine Sekunde lang wie ein Chef auf. Er lacht beim Spielen und lässt die Zunge raushängen: Petter Eldh.

Die meisten Köpfe dieser jungen Berliner Jazz-Schule sind Expats, Eingewanderte wie Eldh, der aus Göteborg stammt. Mit 19 ging er nach Kopenhagen, mit 26 zog es ihn nach Berlin. "In Kopenhagen habe ich viel gelernt, aber die Jazzszene ist relativ konservativ: Noch immer spürt man den Einfluss der großen US-Musiker, die nach Dänemark zogen." Heute spielt der Schwede Eldh einen harten, preschenden Bass, der auch in freien Gewässern nicht die Orientierung verliert.

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Petter Eldh und Koma Saxo: Atemlose Coolness

Sein Studio und Proberaum liegt in einem Gebäude in der Nähe der Kulturbrauerei. In einem Kaffeeladen, "der auch in Kopenhagen stehen könnte", sagt Eldh im Interview: "Ich wollte nach Berlin, weil du hier die ganz wilden Sachen spielen kannst, das gibt es nirgends sonst auf der Welt. In London gelte ich bei manchen als interessanter Bassist aus Berlin." Er lacht. "Dabei bin ich auch nach zehn Jahren noch gar nicht richtig hier gelandet."

Mit Petter Eldh drängt eine hypervernetzte Generation auf die Bühne, die weit über die Stadt hinaus wirkt. Allein im Oktober spielt Eldh in sechs verschiedenen Formationen 21 Konzerte in halb Europa und in Brasilien. In Berlin nur eins. Die Tage des Rückzugs in die geografische Nische sind vorbei. Die Jazzszene ist groß, aber nur wenige sind so gefragt wie Eldh und das Netzwerk, in dem er arbeitet. Anfang November kann man ihn gleich zwei Mal beim Jazzfest Berlin sehen.

Wie stark die Berliner Feuermusik lodert und wer die dicksten Scheite drauflegt, davon gibt das Album "Koma Saxo" einen guten Eindruck. Otis Sandsjö ist "meine Muse", sagt Eldh. Sandsjös zirkuläres Atmen auf dem Tenorsaxofon produziert Flächen und Obertöne. In den Bläsersätzen mit dabei sind Jonas Kulhammar, auch er ein Schwede, und der Finne Mikki Innanen an weiteren Saxofonen. Alle drei Hörner wiederholen ein hüpfend absteigendes Thema, Eldh verdoppelt es unten im Keller. Und das Schlagzeug schafft es, dazwischen Ritzen, ja ganze Räume zu finden. "Ostron Koma" heißt die forsche Nummer, die bald jegliche Form verlässt. Aber dieser Drummer...

Mit Christian Lillinger hat Eldh eine Berliner Geheimwaffe am Schlagzeug: "Lillinger ist eine entsicherte Handgranate, es hat keinen Sinn, ihn kontrollieren zu wollen", sagt Eldh. Ein Eingeborener ist also doch dabei, ein internationaler Sozialist seit seiner Geburt in der späten DDR - und auch bis zu seinem Tod, "wie ich hoffe", sagt der für einen Jazzer auffallend attraktive Drummer beim Konzert. Wenn der Sozialismus so frei und hüftbetont aufgetreten wäre wie er, hätte die Geschichte vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Lillinger spielt sein gestanztes Schlagzeug mit oft gestoppten Klängen: schnell, leicht, nervös und für ein paar Sekunden swingend. Nur eines ist sein Drumming nie: kraftmeierisch.

"Koma Tema" und die Miniatur "Sport Koma" enthalten Echos auf Elektronik-Produzenten wie Photek aus den Neunzigerjahren. Allerdings gehen Koma Saxo rhythmisch weiter. Die Hitze ihrer Musik stammt nicht aus der Wiederholung von Loops, sondern aus der Freiheit der Wahl: Groove und Impro fließen mal ineinander, mal trennt sie eine brüske Kluft. Folgerichtig, dass sie mit "Cyclops Dance" ein Stück aus den Siebzigerjahren covern, von Schlagzeuger Matti Oiling. Aber nicht als Space-Groove, wie im Original, sondern als wilden Tanz.

Preisabfragezeitpunkt:
08.10.2019, 10:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Petter Eldh, Koma Saxo
Koma Saxo

Label:
We Jazz (Groove Attack)
Preis:
EUR 12,89

Das Album beginnt mit einer Basslinie von Petter Eldh, aber "Koma Saxo" klingt nie wie ein Bällebad für einen Bassisten, wo die Musiker als Betreuer an den Seiten stehen. "Das Album wurde erst beim Editieren zu einer Art Soloplatte", sagt Eldh. Koma Saxo ist auch Produktionskunst, wie im Hip-Hop. Eldh schnitt Live-Aufnahmen der Band aus Helsinki in Stücke, koppelte Schlagzeugsounds an Studioeffekte, ging wieder mit der Band ins Studio. "Wie wir das auf der Bühne umsetzen, ist dann noch einmal eine andere Geschichte", sagte er vor dem Auftritt in der Kulturbrauerei. Nach dem Konzert gibt es für die Live-Umsetzung nur ein Wort: härter.

Es gibt auch feinere Flämmchen im Umfeld der Berliner Feuermusik. Etwas mehr Wohlklang hört man beim Trio Speak Low mit Eldh, Otis Sandsjö und der Schweizerin Lucia Cadotsch, die dafür 2017 einen Jazz-Grammy als beste Sängerin erhielt. Doch selbst Speak Low meidet das Verzärtelte: Der Puls sucht die Kante, die städtische Coolness bleibt in der Atemlosigkeit spürbar.

Warum gibt es noch keine richtige Erzählung über diese Berliner Szene? Weil wichtige Kritiker in München und in Hamburg sitzen und die Berliner den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen? Petter Eldh sagt: "Im Jazz sprechen jetzt alle über London, das ist der große Hype. Ist auch toll, wie die ihre Bass Music in den Jazz einbinden. Nur: Das bekommt nicht allen Musikern gut. Einigen ist es schon zu Kopf gestiegen."

Neu am Berliner Jazz ist offenbar auch, dass man in der Hauptstadt nicht immer eine große Klappe haben muss.



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ambulans 21.10.2019
1. das
klingt aber reichlich interessant und spannend; erinnert mich teilweise an "centipede" (brit. jazz-elite mit carla bley, michael mantler, surman, wyatt, hopper, und und und, ca. '70), kennt die noch jemand?
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