Zum Tod von Jessye Norman Eine Stimme, die man hören musste

Grandiose Wagner-Interpretin und Vorbild für schwarze Künstlerinnen: Jessye Norman war Vorreiterin und Ausnahmetalent. Auf Klischees ließ sie sich in ihrer Karriere nie festlegen.

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Wer wissen möchte, was die Welt mit dem Tod von Jessye Norman verloren hat, möge sich nur einmal ihre Aufnahme der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss anhören. Die Kompositionen selbst sind von Melancholie und Todesahnungen überschattet - wenn aber Jessye Norman sie vortrug, waren sie Hymnen der Lebensbejahung und Freude, so viel Wärme, Kraft und innere Stärke strahlte ihre Stimme aus. Über deren Klang sind im Laufe ihrer Karriere viele Superlative verbreitet worden, doch im Grunde kann Jessye Normans Kunst nur der verstehen, der sie hört und empfindet.

Jessye Norman wurde am 15. September 1945 in Augusta im tiefen rassistischen Süden der USA geboren. Ihre Eltern, eine Mittelschichtsfamilie, engagierten sich in der Bürgerrechtsbewegung und legten großen Wert auf eine gute musikalische Ausbildung der begabten Tochter.

Jessye hatte bald schon das, was man heute ein Role-Model nennt: 1955 feierte Marian Anderson als erste schwarze Sopranistin überhaupt ihr Debüt an der Metropolitan Opera in New York. Jessye kannte Anderson nur aus dem Radio, aber sie wusste nun, dass sich Talent und Fleiß auszahlen würden, zumal andere schwarze Sängerinnen folgten: Auch Leontyne Price und Grace Bumbry setzten sich damals auf den Opernbühnen durch. Der Rassismus, der in den Fünfzigerjahren nicht-weißen Künstlern in der klassischen Musik das Leben so schwergemacht hatte, schien erstmals überwindbar.

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Opernlegende aus den USA: Jessye Norman

Europa galt damals schon als etwas liberaler. Und so war es wohl kein Zufall, dass Jessye Norman den Start ihrer Karriere ausgerechnet in Deutschland erlebte, 1968, als sie den ersten Preis beim internationalen Musikwettbewerb der ARD in München gewann. Die Juroren, so heißt es, waren völlig überwältigt von ihrem "Naturtalent". Schon ein Jahr später sang sie die Elisabeth in Wagners Tannhäuser an der Deutschen Oper Berlin. Angeblich soll ihr der Intendant noch während der zweiten Pause ein vierjähriges Engagement angeboten haben.

Dass sie, eine schwarze Sängerin, wenig später zu den besten Wagner-Interpretinnen Europas gezählt wurde, entbehrt nicht der historischen Ironie. Aber Jessye Norman liebte die deutsche, die österreichische und die französische Operntradition, die italienische hingegen vernachlässigte sie. Und auf Klischees wollte sie sich schon gar nicht festlegen. Verdis schwarze "Aida" gehörte jedenfalls nicht zu ihren Lieblingspartien.

Rassistische Attacken

In ihren Memoiren ("Stand Up Straight and Sing!") berichtete sie vor einigen Jahren von den rassistischen Attacken, denen sie auch noch als erfolgreiche Künstlerin ausgesetzt war. So hatte sie einmal ein Dirigent gelobt und gefragt, welcher Herkunft sie eigentlich sei. Ihre Antwort, "natürlich afrikanisch und ein bisschen auch indianisch", quittierte er demnach mit dem vermeintlich wohlmeinenden Satz: "Ich wusste doch, dass Sie keine normale Negerin sind."

In den Achtzigern zog sich Jessye Norman aus dem Operngeschäft langsam zurück, ihre Liederabende mit Kompositionen von Schubert, Mahler und Strauss waren um so erfolgreicher. Sie galt nicht nur als eine zuweilen kapriziöse Diva, sie inszenierte sich auch so: mit voluminösen Umhängen und bunten Turban-ähnlichen Kopftüchern im afrikanischen Stil.

Auch im Fernsehen und bei öffentlichen Großveranstaltungen trat sie gern und häufiger auf, bei den Amtseinführungen von Ronald Reagan und Bill Clinton etwa. Besonders spektakulär war ihr Auftritt 1989 bei der großen Feier zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution, wo sie die Marseillaise mit donnerndem Vibrato vortrug.

Nach der Jahrtausendwende zog sich Jessye Norman weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, sie teilte das Schicksal vieler großer Sängerinnen, deren Stimmen im Alter an Stärke verlieren. Stattdessen engagierte sie sich in sozialen Projekten, zum Beispiel in der "Jessye Norman School of Arts" in ihrer Heimatstadt Augusta, einem Programm zur musikalischen Ausbildung von Kindern. Seit 2009 kuratierte sie auch ein afroamerikanisches Kulturfestival in der New Yorker Carnegie Hall.

Jessye Norman starb am Montag in einer New Yorker Klinik im Alter von 74 Jahren.



insgesamt 5 Beiträge
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ulisses 01.10.2019
1. Adieu
Rest In Peace, dear Jessye. Leider habe ich sie nie live erleben können. Aber allein die Aufnahmen zu Dido und die deutschen Kunstlieder haben mich umgehauen.
Cramesco 01.10.2019
2. Primadonna und Prima Mensch!
Stand up straight and sing! Nichts resümiert besser Jessye Normans Gesamtexistenz als Gesamtkunstwerk, hier Mensch, da Musikgöttin. Schwarze Callas. Black Callas. So wollten einige Vergleichsfetischisten "die" Norman definieren; welch ein banales Etikett für eine superlative Künstlerin. Bravissima! Jessye Norman war ein überwältigendes Naturereignis. Sie hat aus dem seltenen genetischen Geschenk der Natur (Stimmbänder, Zwerchfell, Gehör) das menschlich Allerbeste herausgeholt. NORMAN WAR DIE NORM! ENORM! Wer in Videos genau hinschaut, der kann nur sprachlos sein ob der höchstathletischen Atemkunst und des höchstphonetischen Diktionsdetails. Jeder Künstler kann von ihr lernen, was Karl Valentin tiefgründig gewitzelt hatte: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Wie der Franzose sagt: le talent sans travail ne servira à rien! Nicht zu vergessen Jessye Normans lebenslanges soziopolitisches Engagement für Afroamerikaner, Frauen, Kinder. Eine Toni Morrison der Bühne, eine Nina Simone der Klassikmusik (Nina Simone hatte ihren Karrieretraum als Konzertpianistin dem Rassismus in den USA opfern müssen). Jessye Normans Liebe zu Kunstlied, Jazz und Gospel, grandios! Allein ihre Arbeit an Wagner war atemberaubend: wenn eine afroamerikanische Sängerin so in tiefdeutsche Texte hineintaucht, ist dies schon linguistisch ein absoluter Glücksfall. Persönlich habe ich sie in Paris und London gehört (und gesehen!). Wie sie nach der Aufführung, also nach ihrer Arbeit, einige intensive Augenblicke mit ihren "Fans" verlebte, bleibt unvergessen. Mögen die Ultrafans es göttlich nennen; sie war zuvorderst zutiefst menschlich. Black Callas? Rein technisch und vokalistisch überragt sie "die" Callas, auch linguistisch, denn Norman konnte in mindestens 5 Sprachen perfekt artikulierend singen. Nur im Lieben/Leiden mit Männern konnte sie Callas wohl nicht das Wasser reichen; aber der Musikhimmel wird ihr ein skandalfreies Leben verzeihen! Es freut mich besonders, daß ihre große Weltkarriere in Berlin begann. Meinen Mitmenschen, die sich nie an Jessye Normans Universum herangewagt haben, empfahl und empfehle ich immer zwei Videos im Internet: Im Abendrot (R. Strauss) und Isoldes Liebestod (R. Wagner, letztes Konzert Herbert von Karajans). Alles ist gesagt! Her voice will live on with us! (Cramesco - Paris)
hirnuser 01.10.2019
3. Vielen Dank
Sie hat mir als Jugendliche die Liebe zur Oper gegeben und die Idee wie stark Frauen sein können. Sie war ein beeindruckendes Vorbild. Der Chor der Sterne hat eine herausragende Stimme dazu bekommen. R.I.P Jessye and keep on chanting.
Neandiausdemtal 01.10.2019
4. Format
Eine Frau von Format im besten Sinne. Man muß dankbar sein, sie gehört zu haben.
jungarztsucht 01.10.2019
5. Danke !
Als großen Wagner-Fan hat sie mein Leben bereichert und meine Liebe zur Oper vertieft. Ihre Stimme war orgiastisch, mein großer Dank gilt einer fantastischen Künstlerin.
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