Kanye Wests neues Projekt "Jesus Is King" Bad Boy mit Bibel

Zuletzt machte er mehr mit Skandalen von sich reden als mit Musik. Doch jetzt gibt sich Rapstar Kanye West geläutert: Mit einem neuen Film und einem neuen Album will er Gott gefunden haben. Oder ist das auch nur Kommerz?

Von , New York


Filmnacht in Manhattan: Mit Riesentüten Popcorn und eimerweise Cola machen sie es sich gemütlich für das, was sicher ein großes Kinoerlebnis wird. Langsam füllt sich der Saal, auch wenn viele erst später kommen, um sich Werbung und Trailer zu ersparen.

Nur gibt es in diesem Fall weder Werbung noch Trailer. Der Film fängt ohne Warnung an - und ist, ebenfalls ohne Warnung, 29 Minuten später auch schon wieder zu Ende, als sich die allerletzten Nachzügler noch zu ihren Sitzen schieben.

Gelächter, Feixen, Abspann, tschüss: Was war denn das?

Diese Frage stellte sich bei Kanye West zuletzt oft. Geplatzte Shows, Psychostress, Polit-Tiraden, Flucht in die Berge: Der Rapper ließ sich so lange von Hype und Hubris treiben, dass er seine treuesten Fans vergrätzte - und es schwer machte, seine Kreativität wahrzunehmen.

So auch diesmal. "Jesus Is King" heißt sein neuestes Projekt: Rap meets Gospel, eine wie immer heiß erwartete, wie immer oft vertagte Multimedia-Symbiose aus Album, Film und Live-Events, flankiert von zynischem Marketing.

Die frohe Botschaft deutete sich ja schon länger an, nun ist sie aber musikalisch verbrieft: West, 42, hat Gott gefunden - und er will, dass ihm seine Jünger folgen.

Doch ist auch das wieder nur eine Kommerzmasche?

Zu offensichtlich die Abzocke, zu augenfällig, wie West hier selbst seine Gläubigen trollt. "Ich bin zweifellos der größte menschliche Künstler aller Zeiten", sagte er letzte Woche in einem Interview. Alles Kunst, alles ein Insider-Witz: Damit tat er jetzt auch sein Techtelmechtel mit Donald Trump und seine skurrilen Gedanken zur Sklaverei ab.

Weshalb "Jesus Is King: A Kanye West Film", so der komplette Titel, wie ein inszenierter Bußgang wirkt. Bad Boy mit Bibel: Er predigt seinen neuen Glauben, doch es bleibt: Kanye West.

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Fotostrecke: Der Wandel des Kanye West

Der Rapper als Priester: Diese Fusion versucht West schon seit 2004, als er "Jesus Walks" aufnahm. "Kanye hat es okay gemacht, über den Glauben zu reden", sagt John Legend in der neuen US-Dokuserie "Hip Hop: The Songs That Shook America".

Der Film nun, der am Wochenende das Album flankierte, war ebenfalls als Dokumentation angekündigt, um Wests "Sunday Service" zu begleiten: Bei diesen exklusiven Mini-Gospelmessen tritt er hier alle paar Monate woanders auf.

Doch ein Konzertfilm à la "Woodstock" ist das nicht. Zwar ist der Sunday Service Choir der wahre Star, schon sein erstes "Halleluja" (aus dem neuen Song "Selah") lässt das Kino beben. Doch die Sänger frohlocken ohne Publikum, in einem toten Vulkankrater in Arizona, den der Künstler James Turrell in eine Kathedrale der Natur verwandelt hat.

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Donald Trump und Kanye West: Skurriler Auftritt im Weißen Haus

Ein Spiritual jagt das nächste, sie hallen und schallen. Manche sind alt, andere gesampelt mit der "Jesus Is King"-Tracklist. Dazwischen eingeblendete Bibelverse und bewegende Optik: Berge, Wüste, Wolken im Zeitraffer, Pusteblumen.

West erscheint erst ganz spät und nur als Silhouette. Schließlich singt er sogar, sein Baby Psalm in der Armbeuge, eine A-cappella-Version von "Use This Gospel" - das auf dem Album zudem das Rap-Duo Clipse mit dem Schmalz-Saxofonisten Kenny G. vereint.

Dann: Schluss. Der Film, ein Zwitter aus Musikvideo und visualisierter Meditation, ist grandios produziert, doch viel zu kurz, um Wests angebliche Bekehrung zu illustrieren.

"So ein Beschiss"

Immerhin, er ist zwei Minuten länger als das - musikalisch brillante - Album. Trotzdem sind die Zuschauer konsterniert in diesem Imax-Kino in Manhattan, die dafür 18 Dollar pro Kopf hingeblättert haben - wofür sie nebenan "Joker" hätten sehen können.

"So ein Beschiss", sagt einer zu seinem Freund, als die 29 Minuten rum sind und ihre Popcorn-Tüten noch voll.

Selbst Gottes Sohn zu sein, ist eine Frage des Geldes. Wests parallel umgestylter Onlineshop bietet passende T-Shirts (60 Dollar), Pullis (170 Dollar) und Mützen (45 Dollar), und natürlich ist "Kanye West" darauf genauso groß geschrieben wie "Jesus Is King".

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Rap auf der Ranch: Ich glaub, mich knutscht ein Elch

Die Vermarktung prägt auch Wests "Sunday Service". Die VIP-Events - erst privat, dann immer öffentlicher - sind seltsame Mischungen aus Pietät und Publicity. Katy Perry, Courtney Love und Brad Pitt kamen, mal feierte man bei Coachella, dem kalifornischen Musikfestival, mal in einer schwarzen Methodistenkirche im New Yorker Stadtteil Queens, wo Wests Clique die örtlichen Gemeindemitglieder teils auf die Straße trieb.

All das war am Ende doch nur Vorlauf zum Album und zum Film. Ebenso die zwei Charterbusse, die Manhattan mit "Jesus Is King" beschallten, und der Auftritt in der TV-Talkshow "Jimmy Kimmel Live!", wo West verkündete: "Gott hat mich gerufen."

Am Freitag spazierte er durch Midtown, Gattin Kim Kardashian an der Hand, TV-Kameras im Schlepptau. Fans kreischten, Polizisten baten um Selfies. Ob er nun auch endlich wieder eine Tournee plane? "Gleich als Nächstes", versichert er.



insgesamt 4 Beiträge
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wrkffm 27.10.2019
1. God sells !
Natürlich kann man zu mindest in den USA viele Dollars damit einsacken. Da gibt´s ein schönes Musikvideo der Band Genesis zu diesem Thema. God und Sex sells !
hadwerker 27.10.2019
2. Alles verschenkt
Er hat sicher jetzt seinen Reichtum zusammen mit seiner Frau verschenkt und kehrt geleutert in eine neu angemietete zwei Zimmer Wohnung. Es ist wirklich toll, wie sehr man sich doch vom lieben Gott auf den Pfad der Tugend bringen lässt. Toll!
cph4 27.10.2019
3.
ich finde es gut ,wenn menschen an was denken. andrerseits führt der ganze Religions kram nur zu tot und Verfolgung.n
t.malinowski 27.10.2019
4. Marc Pitzke - Expert für Alles
Hat Pitzke Kanye gefragt oder auch nur gesprochen? Nein. Aber Pitzke ist ja bekannt für seine vollkommen parteiische Meinung. Kanye mag Trump also muß Kanye ein Betrüger sein. Mehr hat doch wahrscheinlich nicht zur Meinung von Marc Pitzke beigetragen? Nein, ich kann nicht Gedankenlesen, aber die Vorurteile von Pitzke gegen alles was nicht seinem Weltbild entspricht sind ja nicht gerade ein Geheimnis. Kanye spricht schon länger über seinen Glauben. Warum soll er es nicht ernst meinen? Weil der Autor sich einen Gläubigen Rapper nicht vorstellen kann? Weil es nicht der linken Botschaft entspricht? Alles nur leeres Geschreibsel, wie immer von diesem Autoren. Hier Interview mit Kanye https://www.youtube.com/watch?v=t568Nd7k_Yk Selber hören und urteilen...
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