Album "Jesus Is King" von Kanye West Allein es fehlt der Glaube

Soap statt Seele, Egotrip statt Gottesdienst: Warum Rap-Superstar Kanye West mit seinem frustrierend frömmelnden neuen Album "Jesus Is King" endgültig den Zenit seiner Karriere überschritten hat.

Kanye West mit Ehefrau Kim Kardashian (2018): Seifenoper statt Soulmusik
Rich Fury/ Getty Images

Kanye West mit Ehefrau Kim Kardashian (2018): Seifenoper statt Soulmusik

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2008 gab es eine sichere Methode, Kanye West bei Interviews aus einer dösenden Teilnahmslosigkeit zu locken. Damals veröffentlichte er gerade sein Album "808 & Heartbreak", von dem man behaupten könnte, dass es uns den ganzen Autotune-Boom im modernen Hip-Hop beschert hat. Wenn man Kanye damals fragte, ob er sich nicht traute, richtig zu singen, weil er seine Stimme ja mit einem elektronischen Hilfsmittel verfremdete, um die Töne zu treffen, war er plötzlich hellwach: Durch die dunklen Gläser seiner damals gerade todschicken Jalousien-Sonnenbrille funkelte er einen an - und begann, demonstrativ ein bisschen zu trällern: Natürlich könne er singen, aber hallo!

Auf "Jesus Is King", seinem neunten Album, das am Freitag erschien, singt Kanye West, 42, jetzt wirklich sehr schön, manchmal, zum Beispiel im Intro von "Water", mit Autotune, manchmal, in "God Is", sogar ohne, dafür aber mit hörbarer Anstrengung in der Stimme. Es ist der schönste und wahrhaftigste Moment auf dem nur 27 Minuten langen Album, weil er echtes Gefühl offenbart, Seele, wenn man so will. "You won't ever be the same, when you call on Jesus' name", singt West darin mit Kloß im Hals, "listen to the words I'm sayin', Jesus saved me, now I'm sane". Der Glaube an Jesus habe ihn erettet und gesund gemacht. Ach, man wünscht sich so sehr, dass es stimmt.

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Allein es fehlt der Glaube. Denn "Jesus Is King" mag mit ekstatischen Hallelujah-Chören spirituelle Erweckung vorgaukeln, ein transzendierendes oder gar frommes Soul- oder Gospelalbum ist es frustrierenderweise nicht. Da kann West noch so oft "Jesus Is Lord" rufen oder behaupten, dass Gott jetzt alles ist, was er braucht ("Everything We Need"). Da kann er sonntags noch so beherzt zu seinen "Sunday Services" in die Kirche rufen oder Gospel-Gottesdienste in pittoresken Wüstenkratern abhalten wie im ebenfalls Freitag veröffentlichten Film zum Album: Entspannt, saved, klingt das alles nicht, eher getrieben.

Davon zeugt schon die Flüchtigkeit der einzelnen Stücke, die kaum länger als drei Minuten sind. Es sind nur noch Skizzen, wie schon zuletzt, auf dem Album "Ye", mit dem er seine psychische Erkrankung, angeblich eine bipolare Störung, verarbeitete. Nun also seine vermeintliche Läuterung durch den Glauben an Gott und Jesus, wobei West, liebenswert größenwahnsinnig wie er nun einmal ist, offen lässt, ob er das nicht vielleicht doch selbst ist, Gottes Stellvertreter auf Erden.

Seine Errungenschaften im Hip-Hop und R&B in den vergangenen zehn Jahren kann niemand bestreiten: Nachdem "808 & Heartbreak" den murmelnden Autotune-Trap vorwegnahm, war "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" 2010 sein opulentes, wuchtiges Opus Magnum, eine brillante Verschmelzung von Pop und Ego, die Hip-Hop von der Straße in die Kunstgalerien und Salons holte. "Yeezus" etablierte 2013 noch recht schroff jene afroamerikanische Identitätssuche, die Kendrick Lamar, Beyoncé und andere später ausformulierten. Doch schon "The Life Of Pablo" hielt dem Gewese, das West um die Veröffentlichung machte (Verzögerungen, Herumfummeln bis nach dem Erscheinen) musikalisch nicht mehr stand.

Und so ist es seitdem auch geblieben. West mutierte vom musikalischen Genie zum Klatschspalten-Alien, der krude Thesen über Sklaverei und Trump verbreitete, die Songs, die er veröffentlicht, scheinen vielfach nur noch als Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche für all den Unsinn zu dienen, den er zwischendurch verzapft. Aber das ist halt nicht sehr originell.

So bleibt auch die knappe halbe Stunde von "Jesus Is King" blass und unbefriedigend angesichts des Spektakels aus Selbstvermarktung und Befindlichkeitsdrama, das West im Vorwege inszenierte oder inszenieren ließ.

Das liegt auch daran, dass die ganze Redemption-Story des in die Irre geleiteten Rappers, der sich an Jesus orientiert, um auf den rechten Weg zu gelangen, ein sehr alter Hut ist. Kendrick Lamar und Chance The Rapper, um nur zwei Beispiele aus jüngster Zeit zu nennen, haben ihre Spiritualität schon glaubhafter und eindringlicher in Rap-Songs vermittelt als West jetzt.

Sogar er selbst hat bereits 2004, auf seinem ersten Album "The College Dropout", eigentlich schon alles dazu gesagt: "They say you can rap about anything except for Jesus/ That means guns, sex, lies, videotape/ But if I talk about God my record won't get played, huh?", hieß es in "Jesus Walks", nach dem Motto: Wir werden ja sehen, ob man mit Texten über Jesus und Gott nicht auch in die Playlisten und Charts kommt.

"Jesus Is King" wirkt nun eher wie die revanchistische Einlösung dieser privaten Wette als eine wirklich tiefgründige Beschäftigung mit dem Glauben. Das Einzige, woran Kanye West wirklich glaubt, ist ohnehin sein Anspruch, der größte und genialste Künstler aller Zeiten zu sein. Kein Wunder, dass er immer wieder die fixe Idee äußert, irgendwann einmal Präsident der USA zu sein, zuletzt im Interview mit Radio-DJ Zane Lowe. Das erinnert an Grisu, den kleinen Cartoon-Drachen, der trotzig-euphorisch behauptet: "Ich will Feuerwehrmann werden!"

Aber so wie ein feuerspeiender Drache naturgemäß Brandstifter bleibt, bleibt auch Kanye West ein Egozentriker, der sein Ego keiner höheren Instanz unterordnen kann. In den Texten von "Jesus Is King" geht es um ihn, einen alten Beef über Religion mit seinem Vater, seinen Anspruch, Kinder im Glauben zu erziehen und ihnen sonntags Instagram zu verbieten oder um seinen Missmut über Christen, die ihm seine Heiligkeit nicht abkaufen ("Hands On"): Ich, ich, ich, me, me, me - jetzt halt ohne Kraftausdrücke in den Texten, das wäre ja unchristlich.

Fair enough: Ohne narzisstische Persönlichkeitsstörung kommt man im Hip-Hop-Game nicht weit. Aber mit tatsächlich demütigen Gospel-Alben, wie sie Wests musikalische Vorväter wie Al Green oder Marvin Gaye veröffentlicht haben, hat "Jesus Is King" wenig gemein, so schön Kanye seinen eigenen Kirchentag auch besingen mag.

Sein Soul bleibt die Soap-Opera eines Fame-Junkies, sein Gospel ist kein Gottesdienst, sondern ein blendend produzierter Egotrip. Vor zehn Jahren hätte man wahrscheinlich an seinen Lippen gehangen, heute dürfte Reverend Kanye Schwierigkeiten haben, die Massen vor seine Kanzel zu kriegen: Man kauft ihm die Predigt einfach nicht ab.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
dasfred 27.10.2019
1. Der Mann tut mir leid
In allen den Jahren, die er durch die Medien geistert, habe ich noch nie ein Lächeln von ihm gesehen. Noch nie ein Leuchten in seinen Augen. Dazu noch Kim Kardashian, die ihr komplettes Leben zur Marke ausgebaut hat. Kann sich jemand vorstellen, wie Kanye West mit seinen Kindern unbeschwert im Garten spielt? Einerseits schlüpft er gerade in die Rolle eines Fernsehpredigers, andererseits scheint er sich dort wohl auch nicht wohl zu fühlen. Auf mich macht er den Eindruck eines sehr verstörten Mannes, der auf der Suche nach innerem Frieden ist.
Schartin Mulz 27.10.2019
2. Abgesehen davon,
Zitat von dasfredIn allen den Jahren, die er durch die Medien geistert, habe ich noch nie ein Lächeln von ihm gesehen. Noch nie ein Leuchten in seinen Augen. Dazu noch Kim Kardashian, die ihr komplettes Leben zur Marke ausgebaut hat. Kann sich jemand vorstellen, wie Kanye West mit seinen Kindern unbeschwert im Garten spielt? Einerseits schlüpft er gerade in die Rolle eines Fernsehpredigers, andererseits scheint er sich dort wohl auch nicht wohl zu fühlen. Auf mich macht er den Eindruck eines sehr verstörten Mannes, der auf der Suche nach innerem Frieden ist.
dass er durchaus schon lächelnd gesehen wurde, haben solche Stars auch immer ein Image, das sie pflegen. Aus seinem Verhalten in der Öffentlcihkeit Rückschlüsse auf sein Privatleben zu ziehen, ist ziemlich gewagt. Warum sollte er nicht mit seinen Kindern durch den Garten tollen?
t.malinowski 27.10.2019
3. Nächster Gedankenleser
Unverschämt. Das ist was ich dem Autor zugestehe. Hat er mit Kanye gesprochen? Hat er mit ihm auch nur ein Wort gewechselt? Wohl nicht. Daß Kanye es ernst meint und er gläubig (geworden) ist schließt der Autor von vorne herein aus, alles nur Trick und Betrug, nur Geldmacherei. Sehen sie sich mal https://www.youtube.com/watch?v=t568Nd7k_Yk an. Meiner Meinung nach meint er alles was er sagt, jedoch paßt nicht was er sagt in das Weltbild von SPON oder den Trump Hassern in den Medien. Was wiederum die zwei Artikel heute in SPON zu Kanye vollkommen erklärt.
stiwi77 27.10.2019
4. Kayne
Irdendwie geht mir der Typ die Musik total am A.... vorbei, soll dass Musik Rap sein? Warum ich dass schreibe ,vielleicht weil ich mich langweile.... Gute Nacht Kayne
ningustorm 27.10.2019
5. Kanye...
hat aus produktions- und kompositionstechnischer Sicht so dermaßen viele Meilensteine gesetzt, dass er sich bei seinen Alben alles erlauben darf. Solche Künstler gibt es nicht viele auf dieser Welt. Dieser Artikel behandelt meiner Meinung nach sehr oberflächlich dieses Album und wird seiner Person kaum gerecht. Aber hey. Hier spricht auch nur ein Fanboy.
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