Zum Tode von João Gilberto Der Mann, der uns den Bossa Nova schenkte

Mit dem "Mädchen aus Ipanema" machte er seine Mischung aus Samba und Jazz weltberühmt. Doch zuletzt lebte João Gilberto krank und verschuldet in Rio. Nach seinem Tod huldigen ihm seine Weggefährten.

EPA/ Marcos Hermes /Divulgacion/ DPA

Von , Mexiko-Stadt


Die letzten Nachrichten, die über João Gilberto in die Öffentlichkeit drangen, waren seiner eigentlich nicht würdig. Es ging um Geld, um Schulden, um Familienstreitigkeiten, und - auch wenn es nicht so klar ausgesprochen wurde - um sein Erbe.

Über ihn selbst erfuhr man nur wenig: Dass er aus seinem Apartment in Rios Nobelviertel Leblon, wo er seit Jahrzehnten wohnte, ausgezogen sei und bei Freunden wohne. Dass sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert habe. Und dass er nicht mit Geld umgehen könne, aber das war schon lange keine Neuigkeit mehr.

Ein Mysterium umgab diesen Mann, seit er sich vor Jahrzehnten abkapselte und zurückzog in seine Wohnung, allein mit seiner Gitarre, das Essen ließ er sich aus einem nahen Restaurant bringen. In der Öffentlichkeit bekam man ihn nicht mehr zu Gesicht, Konzerte gab er schon lange nicht mehr. Nur zu Hause habe er noch gespielt, berichten Freunde, ein Perfektionist mit absolutem Gehör, ein musikalisches Genie.

Man muss vorsichtig sein mit diesem Prädikat, aber João Gilberto hat es sich verdient, er war ein Gigant der Musik. Zusammen mit dem 1994 verstorbenen Musiker und Komponisten Tom Jobim hat er das musikalische Gesicht Brasiliens geprägt.

Und er hat den musikalischen Reichtum seiner Heimat geöffnet für den Jazz. Das Album "Getz/Gilberto", das er 1963 zusammen mit seiner brasilianischen Frau Astrud Gilberto und dem US-Saxofonisten Stan Getz aufnahm, ist eines der meistverkauften und populärsten der Musikgeschichte - nicht zuletzt wegen des Gassenhauers "Girl from Ipanema".

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Dabei war dem Perfektionisten Gilberto das jazztypische Improvisieren eigentlich fremd. Stundenlang bastelte er an seinen Akkorden und Synkopen; nicht zufällig waren seine Tonmeister im Studio und auf Konzerten zumeist Japaner, Minimalisten und Perfektionisten wie er selbst. In Japan hat er immer ein treues Publikum gehabt. Dort haben sie ihm jede Marotte nachgesehen, anders als seine Landsleute, die während des Konzerts schon mal mit Bonbonpapier raschelten oder hüstelten, was gelegentlich zum sofortigen Abbruch des Konzerts führte.

Weltmusiker aus der brasilianischen Provinz

Gilberto war ein Weltmusiker, der aus der Provinz kam. Geboren wurde er 1931 in Juazeiro, einer Stadt im Landesinneren des Bundesstaats Bahia, dem schwarzen Brasilien. Dorthin lassen sich einige seiner musikalischen Wurzeln zurückverfolgen. Doch zur Legende wurde er in Rio de Janeiro.

Dabei war seine erste Begegnung mit der "Cidade Maravilhosa", der "wunderbaren Stadt", frustrierend: Als er Anfang der Fünfzigerjahre nach Rio kam, wollte niemand von ihm wissen. Er versuchte sich als Crooner in der Gesangsgruppe Garotos da Lua ("Die Jungs vom Mond"), doch seine schon damals notorische Unzuverlässigkeit verhagelte ihm die Karriere. Ohne Geld und feste Adresse schlug er sich durchs Nachtleben von Rio. Schließlich zog er sich für zwei Jahre ins Landesinnere zurück.

Sechs Monate verbrachte er im Haus seiner Schwester in der alten Kolonialstadt Diamantina im Bundesstaat Minas Gerais. Dort fand er seinen Stil: Stundenlang übt er im Badezimmer, das offenbar über eine besondere Akustik verfügte, mit seiner Gitarre, bis er seinen eigenen, neuen Anschlag fand: den Bossa Nova, "neue Welle" auf Deutsch.

Als er 1957 nach Rio zurückkehrt, ist Gilberto wie verwandelt: Er ist sich seiner selbst und seiner Musik sicher. Ein Jahr später nimmt er eine Schallplatte auf, die Brasiliens Musikgeschichte für immer verändern sollte: "Chega de Saudade", "Bim bom" auf der Seite B. Ein Jahr später folgt das gleichnamige Album mit zwölf Songs, die dem Bossa Nova weltweit zum Durchbruch verhelfen sollten. Es wird den Sound einer ganzen Epoche prägen.

Soundtrack für das neue Brasilien

Es waren die "goldenen Jahre" Brasiliens, eine Zeit des Aufbruchs und des Optimismus. Präsident Juscelino Kubitschek regierte, die Architekten Oscar Niemeyer und Lúcio Costa planten und bauten eine neue Hauptstadt im Landesinneren. Brasilien galt als Inbegriff einer neuen, tropikalisierten Moderne.

Jobim und Gilberto schrieben den Soundtrack zu diesem Brasilien. Sie erfanden einen neuen Rhythmus; eine Musik voller Sehnsucht, leicht und wehmütig zugleich. Die Wurzeln des Bossa Nova liegen im Samba, der Musik der Schwarzen aus den Armenvierteln. Jobim und Gilberto entschlackten ihn und verliehen ihm eine neue, raffinierte Synkopisierung. Aus dem lauten, populären Samba machten sie intime, urbane Kammermusik.

Es dauerte nicht lange, dann entdeckten die großen Jazzmusiker der USA den neuen, aufregenden Rhythmus aus dem Süden. Jobim und Gilberto haben aus ihrer Verehrung für den amerikanischen Jazz nie einen Hehl gemacht; er beeinflusste ihren musikalischen Werdegang und die Musikszene von Rio in den Fünfzigern.

Der Durchbruch des Bossa Nova in den USA lässt sich genau datieren: Auf Mittwoch, den 21. November 1962. An diesem Abend tritt in der Carnegie Hall in New York die Creme de la Creme des Bossa Nova auf, unter ihnen João Gilberto und Tom Jobim. Sie spielen gemeinsam mit Jazzgrößen wie Stan Getz, Charlie Byrd und Lalo Schiffrin.

João Gilberto wusste die Professionalität und das offene Ambiente in den USA zu schätzen. Er siedelte nach New York über und kam nur zu sporadischen Besuchen nach Brasilien. Von seiner ersten Frau Astrud ließ er sich bereits 1964 scheiden, ein Jahr später heiratete er die Sängerin Miucha. Ihre gemeinsame Tochter Bebel machte später selbst Karriere als Sängerin.

Der lange Prozess der Selbstisolation

Im Jahr 1979 zog João Gilberto endgültig nach Rio zurück, da war er bereits eine Legende. Doch in Rio beginnt auch jener lange, krankhafte Prozess der Selbstisolation. Die Marotten und Phobien des Musiker vergrößern seinen Mythos, doch sie lassen ihn auch immer lebensuntüchtiger und einsamer werden.

Er verschuldet sich; zugleich führt er einen langen und teuren Rechtsstreit mit der Plattenfirma EMI um die Rechte und die Aufnahmequalität seiner legendären ersten drei LPs. Eine Investmentbank springt ein, das Geld zerrinnt Gilberto zwischen den Fingern.

Vor zehn Jahren beginnt er ein Verhältnis mit der Journalistin Claudia Faissol, mit der er eine Tochter hat. Die Beziehung entzweit die Familie. Seine Tochter Bebel und sein Sohn João Marcelo bezichtigen Faissol, dass sie ihren Vater ausnutze.

Doch dieser schmutzige Kleinkrieg mindert nicht den Mythos des Musikers. Wer seine Kreativität ermessen will, zieht sich am besten mit seinem Album "Chega de Saudade" in eine stille Ecke zurück. Und wer zusätzlich die bisweilen dunkle Faszination verstehen will, die der Mythos Gilberto auf sensible Menschen ausübt, liest zur Musik ein Buch des deutschen Journalisten und Schriftstellers Marc Fischer.

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07.07.2019, 10:29 Uhr
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Hobalala: Auf der Suche nach João Gilberto (suhrkamp taschenbuch)

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Suhrkamp Verlag
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197
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Der hat sich vor zehn Jahren in Brasilien auf die Spuren des Musikers begeben und darüber ein ebenso amüsantes wie verstörendes Werk geschrieben, das jüngst sogar verfilmt wurde: "Hobalala - auf der Suche nach João Gilberto" (Rogner & Bernhard, 2011).

Gefunden hat der Autor sein Idol nicht, vor dem Erscheinen des Buchs nahm Fischer sich das Leben. Doch die Sehnsucht nach Perfektion und absoluter Schönheit, die beide umtrieb, verbindet sie bis in den Tod.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
cabbage 07.07.2019
1. Großer Musiker
Seine Musik wird Gott sei Dank bleiben. Schade, dass er seinen Lebensabend anscheinend so unerfreulich verleben musste.
quentinson 07.07.2019
2. Ruhe in Frieden
Bossa Nova, die vielleicht beste Erfindung der Menschheitsgeschichte. Danke Joao Gilberto!
Mondlady 07.07.2019
3. Danke Joao Gilberto!
Die Platte (!) Getz/Gilberto war in meinen Jugendjahren die einhzige "Nicht-Rock'n-Roll-Platte", die ich ständig rauf und runter hörte! Und natürlich auch andere mit Astrud Gilberto (dachte eigentlich immer, sie wäre seine Schwester gewesen?!). Aber diesen Rhythmus brachte nur er zustande! Man musste sich einfach bewegen, oder Augen schließen und träumen! Danke und ruhe in Frieden!
Schwarzberg 07.07.2019
4. Leider
blieb er viel zu unbekannt in unseren Breiten, wie die brasilianische Musik überhaupt ein Nischendasein führt. Als Tom Jobim starb, wurde in Brasilien eine dreitätige Staatstrauer angeordnet, in Deutschland war das keine große Nachricht wert.
mrs.cheekyhobson 07.07.2019
5. Den Song
"The Girl from Ipanema" als Gassenhauer zu bezeichnen ist schlicht und ergreifend als faux pas zu bezeichnen ! DEP Joao Gilberto
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