Bach-Jubiläum Glücklich im Goldrausch

Glenn Gould revolutionierte mit seinen "Goldberg-Variationen" die Sicht auf das Bach-Werk. Seither muss sich jeder ehrgeizige Pianist dieser Herausforderung stellen. Alexandre Tharaud und Igor Levit meistern sie bravourös.

AFP

Sie werden fündig, immer wieder. Pianisten, die sich mit Johann Sebastian Bachs unerschöpflich tiefsinnigen "Goldberg-Variationen" beschäftigen, loten nicht nur das Werk selbst aus, sondern stets auch ihre eigenen Grenzen. Eine Pilgerfahrt oder ein künstlerisches Sabbatical kann daraus werden.

Ein erfreuliches Ergebnis präsentiert jetzt der französische Pianist Alexandre Tharaud: Über neun Monate Versenkung investierte er in die CD-Aufnahme des Variationenwerkes, die zu den besten derzeit erhältlichen gehört. Und das bei wachsender Konkurrenz, denn zum 60. Geburtstag der legendären Version Glenn Goulds aus dem Jahre 1955 erschienen in diesem Jahr wieder eine Reihe kompetenter Neueinspielungen.

Tharaud, Jahrgang 1968 und zunächst Spezialist für französisches Repertoire (aber auch Scarlatti), geht behutsam zu Werke, er spielt die Wiederholungen im Notentext, ohne sich dabei je interpretatorisch zu wiederholen.

Einige Überraschungen gelingen ihm da schon zu Beginn. Die langsam genommene Ausgangs-"Aria" der Variationen gewinnt gravitätische Statur, ein Felsen im Gebrause der folgenden Fülle der Kanons, Fugen, Fantasien, die Bach angeblich für die schlaflosen Nächte des Grafen Keyserlingk in Dresden komponierte. Alles, was die barocke Kontrapunktik zu bieten hatte, steckt darin.

Es ist Glenn Goulds Verdienst, die fürs zweimanualige Cembalo konzipierten Goldberg-Variationen dem modernen Flügel erobert zu haben, artistische Übergriffe der Hände inklusive. Seither gilt das Werk als Meisterprüfung für Pianisten.

"Spannend wie eine TV-Serie"

Alexandre Tharaud geht ohne nervöse Hektik zu Werke, dafür penibel und detailversessen, mit langem Atem. Sein Spiel erinnert stellenweise an die verdichtete Gould-Einspielung von 1981. Es lohnt, der schnellen Suche nach den aufregenden Stellen des Werkes zu widerstehen und sich stattdessen dem Fluss der Variationen hinzugeben.

So erschließt sich die singuläre Qualität der Aufnahme: Bereits bei der dritten Variation, einem Kanon, hängt man selig am Haken, und wie bei einer dramaturgisch perfekten TV-Serie kann man einfach nicht mehr aufhören. So, wie Tharaud die Variationen spielt, endet jede mit Cliffhanger, eine offene Frage am Ende: bitte sofort weiterspielen!

An Schlaf ist da nicht zu denken. So wäre der Graf Keyserlingk frühestens nach 75 Minuten ins Träumen gekommen, denn durch die Spielart und die Wiederholungen dehnt Tharaud das Werk ganz hübsch. Macht aber nichts, "Himmlische Längen" fand Robert Schumann später auch bei der letzten Schubert-Symphonie.

Ein wenig anders als der Pariser Tharaud geht der deutsch-russische Pianisten-Star Igor Levit an die Goldberg-Variationen heran. Der fast 20 Jahre jüngere Levit hat die Stücke gemeinsam mit Beethovens "Diabelli-Variationen" und Frederic Rzewskis "The People United Will Never Be Defeated" zu einem forschen CD-Dreierpack zusammengefasst, was nicht gerade von mangelndem Selbstbewusstsein zeugt.

Mal wieder gewagt, aber gewonnen: Levits Goldberg-Version greift nach anderen Sternen als Tharaud, aber Levit packt ebenso sicher zu. Die reine Perfektion, die perlende Klarheit und Klangschönheit seiner Aufnahme bestechen schnell und leicht, denn Levit steht eine atemberaubende Technik zur Verfügung, die er mit gestalterischem Geschmack und Sinn für Tiefentönungen einsetzt. Levits Bach-Spiel gehört derzeit zu den spannendsten Veranstaltungen der Klavier-Szene.

"Jazz, Pop und Folk plus Hanns Eisler"

Da Levit seine Bach-Kompetenz bei den Partiten schon bewiesen hat, gewinnt das immens anspruchsvolle Rzewski-Werk von 1975 nach dem revolutionären Kampflied "El pueblo unido jamás será vencido" von Sergio Ortega fast noch mehr Spannung. Wie Levit die 36 technisch haarsträubend schweren Variationen des amerikanischen Komponisten beherrscht, das verblüfft und unterhält wie ein Drahtseilakt zwischen Wolkenkratzern.

Das nicht für jeden Profi überhaupt spielbare Werk bedurfte früher schon eines Berserker-Spezialisten wie des Pianisten Marc-André Hamelin, um es mal flott zum Publikum zu bringen. Rasende Läufe, wilde Glissandi und Geräusche gehören in bester Avantgarde-Manier zu allen rein handwerklichen Hürden. Jazz, Pop, Folk mischen sich mit zwölftöniger Avantgarde, und in Variation 24 grüßen Hanns Eisler und sein "Solidaritätslied", leicht versprödet. Levit zelebriert das ausgesprochen lustvoll. Wer so etwas kann, ist - technisch - fit für alles. Dass Igor Levit den Rzewski mit Bach koppelte, muss wohl Humor sein. Aber Virtuosität kann ja durchaus Spaß vertragen.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
merlin 2 17.10.2015
1. Schön das Klassik noch betrachtet wird.
Leider fehlt Alexandre Tharaud die nötige Ruhe, um auch mal einen Ton ausklingen zu lassen - seine Spielweise ist technisch gut, aber immer ein wenig getrieben. Hier zeigt sich bei Levit die klassische Schule und m.M.n. die richtige Interpretation - eine hervorragende Technik gepaart mit ganz viel Gefühl.
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