Raritäten von Chopin Auch ein Genie kann sich mal schwertun

Dass Frédéric Chopin Kammermusik schrieb, ist kein Geheimnis. Wie verführerisch das Klaviergenie auch mit Duo und Trio umgehen konnte, zeigen jetzt der Cellist Johannes Moser und seine Partner.

Naxos

Das kreative Leben kann schon anstrengend sein! Als Frédéric Chopin dem zugigen Valldemossa-Kloster auf Mallorca den Rücken gekehrt und mit seiner Lebenspartnerin George Sand wieder in Frankreich angekommen war, kämpfte er immer noch mit seinem op. 65, der vertrackten Sonate für Klavier und Cello. Er musste immer wieder tief durchgeatmet haben - so ganz zufrieden war er mit dem für ihn ungewöhnlichen Kammermusikstück nicht.

Alle Mühe, Arbeit und Zweifel stecken schon im ersten Satz, der über 15 Minuten dauert und wie eine Reportage aus dem Versuchslabor klingt. Die Entspannung des sanglichen Largo im dritten Satz musste hart erkämpft werden, wovon sogar das flotte abschließende Allegro noch erzählt. Aber das Jahr 1846, als die Sonate fertig wurde, konnte Chopin als insgesamt produktiv verbuchen, sodass ihm auch Experimente gelangen. Auch einem Genie fällt eben nicht alles leicht.

Ambitionierte Cellisten griffen immer wieder einmal zu dem stellenweise spröden Chopin-Stück. Der deutsche Cellovirtuose Johannes Moser, der schon Außergewöhnliches von Schostakowitsch, Saint-Saëns und Hindemith bis Britten auf CD abgeliefert hat, versteht diese leicht abseitigen Preziosen. Und mit dem Geiger Kolja Blacher und der Pianistin Ewa Kupiec fand er Verbündete für das Repertoire-Abenteuer: Chopins Mühen werden so in swingend-überzeugenden Wohlklang verwandelt.

Abenteuer im Versuchslabor

Wie Moser legen Kupiec und Blacher Wert auf ein breites Repertoire von Barock bis Berio und erforschen neue Darbietungsformen für ihre Musik. Kolja Blacher wurde die Avantgardemusik als Sohn des deutsch-baltischen Komponisten Boris Blacher (1903-1975) praktisch in die Wiege gelegt. Er konzertiert als Orchesterleiter und Solist im selben Konzert, pflegt mehrere Kammermusik-Ensembles und lehrt an der Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Auch Ewa Kupiec ist neben ihrer Solistentätigkeit Dozentin (Klavier an der Hochschule in Hannover), ihr besonderes Interesse gilt neben Chopin auch den Werken weiterer polnischer Komponisten wie Lutoslawski, Paderewski und Bacewicz.

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Johannes Moser gelang es innerhalb weniger Jahre, zu einem der erfolgreichsten deutschen Instrumentalsolisten aufzusteigen. Mit Talent, Technik und Mut zu Experimenten gelang es dem gebürtigen Münchner (Jahrgang 1979), auch mit eigenen Kompositionen für das eigens für ihn konstruierte Elektro-Cello ein ganz neues, junges Publikum zu erobern, das ihm auch zu Werken von Martinu oder Honegger folgt.

Romantisches Pflichtprogramm absolviert der Schüler des Cello-Granden David Geringas ebenso enthusiastisch. Mit dem Gewinn des Tschaikowsky-Wettbewerbes 2002 startete Mosers internationale Karriere, die ihn 2012 zu seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern unter Zubin Mehta führte. Seither konzertiert er unermüdlich in vielen Ländern, lebt mittlerweile in New York und stöhnt keinesfalls unter dem Stress des Hochleistungskönners. Wer seine Interpretationen hört, glaubt an die Freude des Virtuosenlebens.

Junges Publikum für neue Musik

Diese Freude hört man dem anderen Werk auf Mosers Chopin-CD ebenso an, denn es ist im Gegensatz zu op. 65 ein Frühwerk des Komponisten. Das Trio op. 8, ebenfalls in g-Moll, schrieb Chopin bereits mit 18 Jahren, beinahe unbekümmert klingt es, und beim charmanten Scherzo con moto glaubt man sich in Wien beim Wein. So schön kann das Leben klingen, wenn man jung ist, hochmotiviert am Warschauer Konservatorium studiert und erfolgreich erste Schritte als Komponist absolviert hat. Und wie elegant der junge Meister mit der kleinen Form umgehen konnte, beweist er bis zum Finale des Trios, wenn er das Klavier, seine eigentliche Domäne, elegant und variantenreich mit den Streichern verzahnt. Ein Erfolg, der allerdings in dieser Form ein Solitär blieb: schillernd, aber einsam.

Wer Johannes Moser auf weitere Abenteuerpfade in Sachen 20. Jahrhundert folgen möchte, dem sei die neue CD (cpo) mit Werken des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) empfohlen. Darauf spielt Moser gemeinsam mit Kolja Blacher und Pianistin Elisaveta Blumina das monströse, halbstündige Klaviertrio op. 24: ein anspruchsvoller Happen, den man allerdings so schnell nicht besser serviert bekommt.



insgesamt 2 Beiträge
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vonwoderwestwindweht 05.10.2014
1. *+*
Jetzt würde mich noch interessieren, was an dieser Interpretation besser/interessanter/plausibler/persönlicher/nicht so doll/mitreißender ist als andere Interpretationen. Da die CD bei Hänssler erschienen ist (und nicht etwa bei Sony) kann man zwar davon ausgehen, dass es sich hier um Qualität handelt und nicht nur um gutes Aussehen und/oder hippe Inszenierung. Aber schön wäre es doch, wenn man etwas mehr über die Interpretation im engeren Sinne erfahren könnte.
HaioForler 05.10.2014
2.
Die größeren Formen waren nicht so sehr die Sache Chopin; Schwächen erkennt man bei den beiden Klavierkonzerten oder auch bei den Klaviersonaten, obwohl Liebhaber diese zu recht dennoch schätzen. Chopin war ein Meister der kleinen Formen, dort, wo er auf engstem Raum rhythmisch und harmomisch glänzen konnte. Hier liegt sein Können, diese Werke wirken sehr dicht, konsequent-stimmig und raffiniert. Nur: was ist denn nun an dieser Interpretation anders/besser? Dies wäre ja einmal interessant gewesen.
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