Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Lana Del Rey kann einpacken: Nicole Dollanganger inszeniert sich als verdorbenes Folk-Früchtchen. Außerdem: John Grants Seelen-Exorzismus, Protomartyr mit Sozialromantik nach Springsteen-Art - und für Beatles-Fans gibt's auch was.

Von und Tex Rubinowitz


John Grant - "Grey Tickles, Black Pressure"
(Bella Union/Pias/Cooperative, seit 9. Oktober)

"Du und Hitler, ihr solltet zusammenkommen, ihr solltet lernen, wie man strickt und Pullover im Partnerlook tragen". Angesichts solcher Textzeilen könnte man meinen, John Grant wäre immer noch kein bisschen weiter über seine katastrophale letzte Beziehung hinweg. Ist er aber, und das ist erst mal sehr erfreulich. Der Mann hat genug Scheiße hinter sich: Alkohol- und Tablettensucht, vagabundierende, depressive Jahre auf der Suche nach sich selbst, in denen er einem gleichgültigen, selbstverliebten Lover nach dem anderen jene Zuneigung abverlangte, die er sich selbst nicht zugestehen konnte. Klappte natürlich nie. Und am Ende hatte sich Grant auch noch mit HIV infiziert.

Seinen Humor und sein Talent, selbst abseitigste, haarsträubendste Intimdetails in vordergründig sanfte, in Wahrheit aber oftmals derbe Texte zu gießen, hat Grant dabei zum Glück nie verloren. Die in sinnlich-sonorer Stimmlage vorgetragene, schwer sarkastische Aufbereitung seiner jahrelangen versuchten Selbstzerstörung war das bestimmende Thema der ersten beiden Soloalben des ehemaligen Sängers der texanischen Band The Czars. "Queen of Denmark" und "Pale Green Ghosts" sind zwei der besten Singer/Songwriter-Alben der letzten zehn Jahre. Auch, weil sie allen gängigen Lull-und-Lall-Klischees dieses Genres wohltuend widerstreben.

Inzwischen lebt Grant nach eigenen Angaben in einer glücklichen Beziehung in Island. Es ist also endlich einmal Ruhe eingekehrt in das Leben des 47-Jährigen, der sich, wie er gleich im Eröffnungslied seines neuen Albums postuliert, nicht hätte träumen lassen, dass er mal die Zielgruppe einer Werbung für Anti-Hämorrhoiden-Salbe im Fernsehen sein könnte. Ahhh! Too much information! Und schon ist man wieder mittendrin in den Zumutungen von Grants finsterer Gemütswelt.

Soll heißen: Wer die Befürchtung hatte, dass sich Grant mit der Einkehr in ruhigere Lebensbahnen zum musikalischen Langweiler entwickeln würde, wird eines Besseren belehrt, wie schon das verstörende Album-Cover zeigt. Er mag inzwischen einen gemütlichen Pullunder tragen, aber er kann aus seiner emotionalen Hölle immer noch genug Hass hervorholen, um grandios zickige Balladen wie "You & Him" (das mit der Hitler-Zeile), "Guess how I Know", "No more Tangles" oder das an Achtzigerjahre-Synthiefunk angelehnte "Voodoo-Doll" mit köstlicher Rache-Rhetorik zu betexten.

Dazu reiht Grant in der zweiten Albumhälfte, vielleicht von den urzeitlichen Landschaften seiner neuen Heimat inspiriert, dystopische Öko-Betrachtungen wie "Black Blizzard", "Magma Arrives" und das herausragende "Global Warming", die durchaus lustvoll das Ende der Welt ahnen - so viel zum Thema Zufriedenheit. "Grey Tickles" ist die englische Übersetzung des isländischen Ausdrucks für Midlife Crisis, und "Black Pressure" nennt man es in der Türkei, wenn man Albträume hat.

Eingerahmt werden die zwischen Euphorie und Abgrund, zwischen kaltem, auf Gletschern schlitterndem Elektro und streicherzarter Pop-Behaglichkeit taumelnden Lieder des Albums von einem multiplen Stimmengewirr, das den ersten Brief des Paulus an die Korinther rezitiert: "Love is patient, love is kind. It does not envy, it does not boast, it is not proud", heißt es darin, eine fromme Selbstbeschwörung, vielleicht doch endlich an das Schöne und Gute glauben zu können.

Diese Hoffnung manifestiert sich schließlich im überraschendsten (und fröhlichsten) Stück des Albums, der zusammen mit Tracey Thorn gesungenen Disco-Funk-Hymne "Disappointing" (man denke: Frankie-Goes-To-Hollywoods Achtziger-Maxis plus Grandmaster Flash plus Ian Durys "Reasons to Be Cheerful"), in der Grant all seine favorite things aufzählt: Earl Grey Malts, Central Park an einem Herbsttag, der deutsche Genitiv (it's true!), Francis Bacon, "Eulen und Gitarren, wenn sie nicht zusammenpassen" sowie eine ganze Riege "Saturday Night Live"-Komikerinnen. "All these things, they're just disappointing, compared to you", liefert dann der Refrain die Pointe: Awwww! John Grant geht's endlich besser, aber es ist immer noch kompliziert. Wie schön. (8.8) Andreas Borcholte

John Grant - "Disappointing"

Disappointing von John Grant auf tape.tv.

Nicole Dollanganger - "Natural Born Losers"
(Eerie Organization, seit 9. Oktober, nur digital)

Was es wohl mit einem macht, wenn man in einem Haus voller Puppen aufwächst? Die Eltern von Nicole Dollanganger sind nämlich Sammler und horten in ihrem Kleinstadt-Häuschen in einem Kaff in Ontario alles, von der Bauchredner-Puppe bis zum unheimlich starrenden Baby, und wahrscheinlich sitzt irgendwo in einem Eckschrank auch noch Chucky und wartet auf eine Gelegenheit zum Metzeln. Man muss sich wahrscheinlich nicht wundern, dass Dollanganger mit einer hohen, niedlichen Puppenstimme singt, selbst wie ein verdächtig süßes Anime-Püppchen aussieht und im Internet inzwischen von allerlei Gothic Lolitas verehrt wird.

All das wäre noch nicht so interessant, denn mit Puppenstimme singen, so glockenhell und engelsgleich, das machen viele, eigentlich schon zu viele.

Interessanter ist, worüber Dollanganger in ihren lieblichen Folkliedern singt: Gleich im ersten Song, "Poacher's Pride", erzählt sie mit geheuchelter Unschuld, wie sie hinterm Haus einen Engel, so viel dazu also, abgeschossen hat. Statt ihm zu helfen, schleppte sie ihn rein, stopfte ihn aus und hängte ihn über den Kamin. Nicht zu den Puppen ins Elternhaus, man muss sich das eher so als rustikales Pionierhaus aus dem 19. Jahrhundert vorstellen, das Gewehr ein unfassbar langer, phallischer Vorderlader, dazu Dollangangers hinterwäldlerische Erzählerin in einem dieser unpraktisch verschnörkelten Jahrhundertwende-Kleider mit züchtigem Turtleneck. Und dann hängt da also der erschossene Engel an der Wand, und das böse, böse Mädchen, erschauert schon mal frivol bei dem Gedanken, dafür in der Hölle zu schmoren.

Züchtig und fromm ist hier also gar nichts, es klingt nur so. Schon auf ihren bisherigen, im Internet selbstveröffentlichten Songs fantasierte Dollanganger über Gewalt, Sex und Satan, jetzt wurden ihre Ekelerotik-Storys erstmals in einem richtigen Studio produziert. Ob das zuträglich war, darüber mag jeder selbst entscheiden. Ich finde ja, manches kippt jetzt etwas unangenehm ins Evanescence- und Pathoshafte. Aber es gibt Leute, die das mögen.

Videoclips gibt's jetzt auch, zum Beispiel ein sehr, sehr ekliges, in dem die filzig-siffige Rockergang, die entweder Dollangangers Band ist oder nur Kumpels, sich mit allerlei Eiscreme-Gematsche der stilisierten Fellatio hingibt. Titel des zugehörigen, auf Indie-Schrammelgitarren-Noise gebetteten Songs: "Angels of Porn II". Lecker! Nein, eher nicht. Schon verstanden: Hier sollen tradierte Geschlechterrollen mit Schockeffekten vorgeführt werden, an denen jeder lüsterne Männerblick abprallt.

Nicht nur dieser neofeministische Aspekt gefiel der kanadischen Allround-Muse Grimes so gut, dass sie Nicole Dollanganger als allerersten Act auf ihr neues Label Eerie holte und mit auf US-Tour im Vorprogramm von Lana Del Rey nahm. Deren sündig-somnambule Americana-Gotik stand natürlich auch Pate für Dollangangers Gift-Püppchen-Inszenierung, die uns verrottete, verführerisch duftende Äpfel als geile Früchtchen verkaufen will. Jaja, kennen wir, die Masche. Aber fuck, es funktioniert. (7.8) Andreas Borcholte

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Protomartyr - "The Agent Intellect"
(Hardly Art/Cargo, seit 9. Oktober)

There's no use being sad about it, what's the point of crying about it", wiederholt Joe Casey, Sänger und Songschreiber von Protomartyr, immer wieder erschöpft am Ende von "Pontiac '87", ein trotziges Mantra, das natürlich genau das Gegenteil bewirkt: Die Tränen mag es gerade noch so verhindern, aber die tiefe, abgründige Traurigkeit bleibt.

Protomartyr aus Detroit sind eine der bemerkenswertesten Post-Punkbands der jüngeren Zeit. Vor einem Jahr erregten sie mit ihrem zweiten Album "Under Colour of Official Right" Aufsehen, das sich in schroffen, lakonisch und bitter vorgetragenen Anklagen den sozialen Verwerfungen der bankrotten Industriemetropole widmete. Auf "Agent Of Intellect" wird das Politische nun privater, denn Casey verlor im vergangenen Jahr erst seinen Vater an einen Herzinfarkt, dann seine Mutter an Alzheimer. Viele seiner neuen Texte drehen sich deshalb um seine Kindheit und Caseys Versuch, zu erforschen, wann sich zum ersten Mal Leid, Trauer, Wut und Enttäuschung in sein Fühlen und Denken schlichen - und dann nie wieder verschwanden.

Im oben bereits erwähnten "Pontiac '87" schildert er mit fast schon literarischer, detailsatter Sprache den Besuch des Papstes 1987 im Silverdome zu Detroit, den er als kleiner Junge staunend erlebte. Staunend nicht nur über das (schein-)heilige Brimborium, sondern über die unchristlichen Abgründe, die er bei den Besuchern beobachtete. "Why Does It Shake" und "Ellen" sind Oden an seine verstorbene Mutter. Rührselig wird es jedoch nie in Caseys kalter Welt, die einen buchstäblich bibbern lässt, wenn er in "Uncle Mother's" schildert, wie zwei Kinder draußen im eisigen Wagen darauf warten, dass ihre Eltern endlich wieder aus der so verhöhnend familiär betitelten Kneipe kommen.

Casey, der seine Texte hier erstmals nicht mehr hervorstößt und bellt, sondern im Nick-Cave-artigen Sprechgesang artikuliert, etabliert sich auf "The Agent Intellect" als versierter Erzähler, eine Art sozialromantischer Subkultur-Springsteen, sein Herz schlägt für den kleinen Mann und dessen Sorgen, die gerne bei Bier und Kurzen am Tresen erötert werden. Man hat sie förmlich vor Augen, wenn er singt: Die Dive-Bars mit ihren blauroten Budweiser-Neons, das rissige Leder der Stuhlbezüge, der Chlorgeruch des Tab-Waters, die karierten Flanellhemden der Gäste, deren Buicks und Oldsmobiles draußen von alter industrieller Glorie erzählen wollen, aber genau wie drinnen an der Bar hört niemand mehr zu. Runterschlucken, Mund abwischen, weitermachen. Diese Platte hilft ein bisschen dabei. (8.1) Andreas Borcholte

Uncle Acid & The Deadbeats - "The Night Creeper"
(Plastic Head/Soulfood, seit 4. September)

Ich hab mal erlebt, wie eine Band von der Bühne gelacht worden ist. Wirklich wahr! Nicht ausgebuht, bespuckt oder mit Bier begossen, schlicht ausgelacht. Der Sänger, es war Blixa Bargeld, rieb sich seine entzündeten Augen, beendete vorzeitig die Farce, und schmollte sich von der Bühne, seine Knechte folgten ihm, wo sie ratlos Aspirin rauchten, so fertig waren sie.

Was ich sagen will, ist, dass es Bands gibt, die schon bei Gründung ein eingebautes Ablaufdatum haben, das hat mit verschiedenen Komponenten zu tun, eine ist sicher eine stilistische Hilflosigkeit, was wollen sie mit ihrem Stil, wen wollen sie wo "abholen"? Eine andere ist zweifellos Humorlosigkeit und die völlige Absenz eines erkennbaren theatralischen Willens. Das alles kombiniert führt zu obigem Ergebnis.

Es reicht eben nicht, wie Hubert von Goisern zu Musique Concrète zu jodeln und Gummistiefel zu tragen und zu glauben, das alleine reiche schon als Alleinstellungsmerkmal, um das Überleben zu sichern. Das funktioniert allenfalls in geschützten anthroposophischen Werkstätten, aber "Mysterien finden im Bahnhof statt, nicht im Goetheanum"wie Joseph Beuys ganz richtig sagte.

Es gibt indes Stile, bei denen man denkt, das ist so lächerlich, die Musiker brauchen erst gar nicht anzufangen, die können sich gleich ihre Papiere abholen. Gelbe Musik, Zamrock, Ziglibithy und White Metal etwa.

Der Grund, warum Stile wie diese dennoch nicht kaputtzuhören sind, liegt daran, dass sie mit einer klebrigen Mischung aus Liebe und Naivität gemacht sind, und daraus destilliert sich eben der überlebenswichtige Witz.

Musik für billige Horrorfilme von Herschell Gordon Lewis, grobkörnige Abschlachtfeste in fiesen Farben, akustischer Schorf in allen Aushärtungsgraden, das ist Uncle Acid aus Cambridge, ein psychedelischer Doom-Spaß für die ganze Familie. Auch so ein Genre, mit dem man lachen kann, aber das sich nicht auslachen lässt.

"The Nightcreeper" ist die vierte Platte der Säureonkels, und sie kriecht aus dem Unterholz der bösen Träume wie ein geprügelter Komodowaran, das Ganze riecht aber nicht, wie im Doom-Genre üblich, nach Verwesung, St. Vitus und Black Sabbath, sondern lässt da und dort gar die Beatles erkennen. "Melody Lane" ist zwar nicht "Penny Lane", sondern eher sowas wie "Free as A Bird", aber, ach, Vergleiche, das ist doch auch nur wieder was für Bettnässer! Nehmen wir es einfach so hin: eine große Beatles-Umdeutung mit satanischen Mitteln, die beste, die man derzeit kriegen kann.

Warum die Katze strangulieren, wenn man diese Platte kaufen kann? Und eine neue Platte der Beatles wird es vermutlich so bald nicht mehr geben. (8.0) Tex Rubinowitz

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
AliceAyres 13.10.2015
1.
Oh, was Neues von John Grant! Ich fand ja schon Queen of Denmark großartig verstörend. Grant kommt mir immer vor wie eine mutierte Kreuzung aus Justin Vernon (Wann kommt von Bon Iver eigentlich mal ein neues Album?) und Rufus Wainwright. Ebenso bereit, sein Innerstes nach außen zu kehren, aber nicht so elegisch wie Vernon und nicht so exaltiert emotional wie Wainwright, sondern abgründiger und böser als diese beiden.
Ringmodulation 13.10.2015
2. Reingelegt, danke
Der Abrisstext versprach etwas für Beatles-Fans, also hab ich's angeklickt. April, April! Stattdessen wieder nur jemand, der so schreibt, als kenne er die Kriterien, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Dann möge er es doch bitte beweisen und zehn Amateurbands benennen, die demnächst den Durchbruch schaffen werden! Niemand weiß, warum der eine Erfolg hat und der andere nicht. Zumal bei Hubert von Goisern ja gerade das eben genannt wird, womit er Erfolg hatte. Überzeugend ist was anderes.
tantew 13.10.2015
3. @Ringmodulation
Immerhin sagt er dieses Mal ein ganz kleines Bisschen über die zu rezensierende Musik und zieht nicht nur über Herkunftsland oder Berufsausbildung der Musiker her...
suelzer 13.10.2015
4.
Die Zusammenstellung der Alben ist ja grauenhaft. Wer hört denn so was? Vielleicht muss man Veganer sein, um so was zu mögen.
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