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Joni Mitchell Königin im Ohrensessel

aus DER SPIEGEL 31/2022
Foto:

Douglas Mason / Getty Images

Wer nicht auf dem Newport Folk Festival 2022 war, kann jetzt auf YouTube einen der größten Momente nachempfinden, den die Popkultur in diesem Sommer zu bieten hat. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem letzten Auftritt in Newport gab Joni Mitchell, 78, dort ihr erstes komplettes Konzert seit rund 20 Jahren. Mitchell war, in Klang und Sprache, eine der wichtigsten Künstlerinnen der sogenannten Gegenkultur der Sechziger- und Siebzigerjahre. Sie hat ihre mäandernden, Haken schlagenden, brutalen und zärtlichen Songs nicht nur gespielt, sondern auch gelebt. Sie fand Bob Dylan, Leonard Cohen, Neil Young oder David Crosby interessant. Diese Männer fanden sie noch interessanter. Es gibt »Going to California« von Led Zeppelin, und natürlich ist das »girl« mit »love in her eyes and flowers in her hair« Joni Mitchell. Männer schrieben Songs über sie. Sie schrieb interessantere Songs über diese Männer. Kraft ihrer Kunst und Persönlichkeit eine Feministin avant la lettre. Und dann sitzt sie wie Oma in einem Ohrensessel, unangekündigt, die Stimme eingedunkelt wie altes Holz und singt sich durch ihr Repertoire. Sitzen muss sie aus gesundheitlichen Gründen. Sie ist kein Hologramm. Sie ist eine alte Frau. Aber noch ist alles, wofür sie stand, nicht vorbei. Sie hat mehrere Leben gelebt und lebt noch immer. Sie ist da. Für »Just Like This Train« erhebt sich Joni Mitchell aus ihrem Sessel. Im Stehen spielt sie auf der Gitarre: »I’m always running behind the time / Just like this train / Shaking into town / With the brakes com­plaining«. Die Gitarre hat sie sich nicht nehmen lassen von einem Aneurysma im Gehirn, das ihre Fähigkeiten zum Spielen eingeschränkt hatte.

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