NDW-Jubiläum Gib Gas, ich will Pop!

Vor 30 Jahren endete die Neue Deutsche Welle. Eine Sampler-Reihe und Neuauflagen erinnern an die Aufgekratzten mit den Synthesizern - und geben einen guten Überblick über das Phänomen.

Bear Family Records

Ende der Siebzigerjahre verkündete der Journalist Alfred Hilsberg im Fachmagazin "Sounds": "In Westdeutschland und Westberlin findet eine neue Musik statt. Sie wird gemacht und wird gehört. Einige nennen es immer noch Punk und wollen es sein. Andere wissen mit diesem Begriff nichts mehr anzufangen." Hilsberg gab dem Phänomen seinen Namen: "Neue Deutsche Welle" nannte er es. Gemeint war eine Szene, die, inspiriert vom Punk und New Wave der Engländer und Amerikaner, auch hierzulande eine Generation junger Aufgekratzter zu den Gitarren und Synthesizern greifen ließ.

Neu an dieser Deutschen Welle war, abgesehen von den unkonventionellen Do-It-Yourself-Produktionen, dass so gut wie alle Beteiligten sich der deutschen Sprache bedienten. Das war bis dahin im sogenannten Rock ein Monopol von Udo Lindenberg, Peter Maffay und Konsorten gewesen.

Die erfrischende Musik, die damals den deutschen Pop revolutionierte, wird nun in der auf vier Teile angelegten Sampler-Reihe "NDW - Aus grauer Städte Mauern" so akribisch wie nie zuvor aufgearbeitet. Verantwortlich für die detektivische Fleißarbeit sind die Musikarchäologen der Firma Bear Family Records. Sie haben die vier Doppel-CDs mit dicken Heften ausgestattet, die detaillierte Anmerkungen zu den vertretenen Künstlern bieten.

Hubert Kah gegen Andreas Dorau

Aber wer gehörte nun eigentlich zur "Neuen Deutschen Welle" und wer nicht? Das ist bis heute unklar. Einigermaßen Einigkeit besteht nur über den zeitlichen Rahmen, der besagt, dass der ganze Wirbel gegen 1977 losbrach und dass Mitte der Achtziger die Luft wieder raus war. "Also ich unterscheide ja zwischen Neuer Deutscher Welle und NDW", sagt der ehemalige NDW-Held Andreas Dorau im Booklet. "'Sounds' hat den Begriff Neue Deutsche Welle geprägt. Und später nannte man es dann NDW, und dazu gehörten Markus, Hubert Kah und so was. Und damit hatte ich nie was zu tun. Neue Deutsche Welle war experimentelle deutschsprachige Musik." Dorau, inzwischen 51, wurde vor allem mit "Fred vom Jupiter" bekannt und ist auf dem Sampler mit "Der lachende Papst" vertreten. Darüber, dass er in dieser Reihe nun mit Nena, Hubert Kah und Fräulein Menke zusammengeworfen wird, dürfte der Hamburger Künstler weniger glücklich sein.

Der Streit, wo das Experimentelle in der Welle endete und wo das Kommerzielle begann, ist bis heute nicht beendet. Die Bear-Family-CDs werfen einfach alles zusammen, sie schlagen den ganz großen Bogen von den Ärzten über Malaria, Ideal, Nena, Palais Schaumburg und Saal 3 bis zu den Zimmermännern und der Spider Murphy Gang. Puristen wird das nicht glücklich machen, viele Fans von damals vermutlich aber schon.

Denn fest steht, dass das Interesse an der Neuen Deutschen Welle ungebrochen ist. Das belegen auch stetige Neuauflagen von Tonträgern aus jener Zeit. Viele der damals in Kleinauflagen erschienenen Platten sind längst begehrte und teure Sammlerstücke. Eine Wiederentdeckung wert ist zum Beispiel das kurzweilige Album der Hannoveraner Band Bärchen und die Milchbubis - das nun restauriert wieder auf Vinyl zu haben ist. Ergänzend dazu passt ein historischer Konzertmitschnitt aus dem Jahr 1983 von Der moderne Man, noch einer Band aus Hannover, die damals für lustigen Wirbel sorgte. Beide Alben lassen erahnen, wie aufregend es damals zuging bei der Neuen Deutschen Welle.


"NDW - Aus grauer Städte Mauern 1977 - 85", Teil 1&2 (Bear Family Records)

Bärchen und die Milchbubis: "Dann macht es Bumm" (gutfeeling)

Der moderne Man: "Live at Rockpalast" (Sireena)



insgesamt 39 Beiträge
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Der Herr Kottnik 03.07.2015
1. du depp du depp du depp du
Unglaublich, dass einen erstmal die Ärzte anlachen, zu einem Artikel über NDW. War´s der Schulpraktikant? Der hat wohl auch das Bild der Stripes ausgewählt, wo mit Nena und Rolf immer hin 2/5 der Band Nena drauf sind. Das alles hat nur leider weder mit der Neuen Deutschen Welle noch mit NDW zu tun.
Mimimat 03.07.2015
2. Die Ärzte?
Die Ärzte waren alles mögliche, aber keine NDW-Band. Die Ärzte gingen aus dem Punk hervor (Soilent Grün) und verstanden und verstehen sich bis heute als eine Art Punkband. Ihre "Popsongs" waren vor allem sarkastisch gemeint. Dass die Ärzte immer noch ursprünglichen Punk machen, kann man an den "Bullenstaat"-CD's sehr schön heraushören. Ansonsten: Punk ist, zu machen was man will. Von da gesehen sind sie immer noch Punk. Aber das kann wohl erkennen, wer sich mit "Die Ärzte" wirklich auseinandersetzt.
Iggy Rock 03.07.2015
3. Gute alte Zeiten
Auf Foto Nr.3 ist nicht die Band Nena, das waren die Stripes aus Hagen, an den Klamotten nicht wirklich zu übersehen. Die Ärzte tummelten sich im Spaßbereich der Berliner Punkszene und genauso holperig waren auch Anfangs ihre Songs. NDW war dann doch etwas mehr Kommerz als das, obwohl, die Stripes traten damals schon im TV auf.
bjberlin 03.07.2015
4. Klickpiraten
Die Ärzte haben mit NDW schon rein zeitlich überhaupt nichts zu tun. Aber wenn man so ein schönes Fotos aus den Anfangstagen hat, muss man es ja klickbringend irgendwo veröffentlichen ....
Velbert2 03.07.2015
5. 1982
1982 war eigentlich DAS Jahr der Neuen Deutschen Welle. Alles, was davor kam war Rock (Nina Hagen Band) oder Punk (Die Ärzte).
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