Jubiläums-Editionen Puccini-Klötze auf dem Schnäppchenmarkt

Zum 150. Geburtstag von Giacomo Puccini bieten die großen Labels zwar kaum Neues – dafür aber alles Alte zum Räumungspreis. Kai Luehrs-Kaiser hat die wichtigsten Box-Sets gesichtet - und bietet Orientierung auf dem Grabbeltisch.


Puccini war der letzte Groß-Unterhalter der Klassik. Genau das hat ihm die Nachwelt kaum verziehen. In heutigen Theaterspielplänen taugen Puccinis Opern vor allem zur Begleichung der Basiskosten. Programmakzente setzt man lieber mit (für zukunftsweisender gehaltenen) Komponisten wie Mozart, Verdi und Wagner. Puccini selber dagegen war – wie die neuen Monografien von Dieter Schickling und Volker Mertens herausstellen – der gut begründeten Auffassung: "Ich mache moderne Musik."

Puccini-Box mit Maria Callas: Was Besseres als die alten Aufnahmen kommt nicht nach
EMI Classics

Puccini-Box mit Maria Callas: Was Besseres als die alten Aufnahmen kommt nicht nach

Zu Puccinis 150. Geburtstag am 22. Dezember haben sich die großen Firmen kaum mit Ruhm bekleckert. Die Kitsch-"Bohème" im Kino (mit Netrebko und Villazón) geht auf eine schon im Vorjahr veröffentlichte Gesamtaufnahme zurück. Die neue "Madama Butterfly" mit Angela Gheorghiu lässt auf sich warten. Stattdessen haben sämtliche Majors ihr (beeindruckendes) Puccini-Erbe in Klotz-Gestalt auf dem Schnäppchen-Markt entsorgt. Sechs Groß-Boxen schaffen Platz im Regal, bestätigen aber auch den unguten Verdacht: Was Besseres als die alten Aufnahmen kommt sowieso nicht nach. Ein Überblick:

1. Der Klassiker. An Persönlichkeit und sengender Intensität unüberbietbar bleiben die fünf Studio-Gesamteinspielungen, die Maria Callas zwischen 1953 und 1958 auf der Höhe ihres Könnens für die EMI machte (mit den Dirigenten de Sabbata, Serafin, Votto und Karajan). Die 15-CD-Box prunkt zusätzlich mit einem berühmten Arien-Recital und zwei weiteren "Tosca"-Mitschnitten (unter Prêtre und Cillario). Mit weniger als 50 Euro (je nach Anbieter) ist sie sehr preiswert, da die Rechte an diesen Aufnahmen abgelaufen sind. Man bewegt sich freilich auf einem Puccini-Trampelpfad (ohne "La Rondine", "Trittico" und "La Fanciulla del West", auch die Libretti fehlen). Immerhin: Munter marschiert man von einem Meilenstein zum nächsten.

2. Der Teure. In rote Seidenwäsche verpackt, ist die Luciano Pavarotti-Box mit den exakt selben fünf Hauptwerken für knapp 80 Euro deutlich teurer. Aber komfortabler in der Aufnahmequalität (Decca). "Big Lucy" singt unter Karajan in Höchstform (in der legendären "La Bohème" und der etwas zu luxuriös geratenen "Madama Butterfly"). Dagegen bleiben "Tosca" (unter Rescigno), "Turandot" mit der kurios besetzten Joan Sutherland sowie die späte "Manon Lescaut" (unter Levine) eher Sammler-Stücke für Spezialisten. Am Auffälligsten bleibt der Preis: Allein die beiden Karajan-Aufnahmen sind, separat beschafft, so teuer wie der ganze Klotz, so dass der Box-Käufer quasi den Rest umsonst dazubekommt (Libretti inbegriffen).

3. Der Komplette. Wer nicht nur die Wunschkonzert-Klassiker, sondern Puccinis Opern-Gesamtwerk sucht, wird mit dem Sony-Sarg "Complete Operas" (20 CDs für knapp 50 Euro) erstaunlich gut bedient. Hier ist meist Placido Domingo der Platzhirsch (unter Solti, Maazel und Mehta). Und es wäre des Lobens kein Ende, würde der Gesamteindruck nicht durch Maazels hässlich verunglückte "Manon Lescaut" (mit Nina Rautio und Peter Dvorsky) und eine bedeutungslose "Turandot" an chinesischen Originalschauplätzen (mit Giovanna Casolla) leicht getrübt.

4. Das Schnäppchen. Als Einsteiger-Droge präsentiert sich die 15-CD-Box mit den gesammelten Aufnahmen der größten Callas-Konkurrentin, Renata Tebaldi. Die Aufnahmen von 1954 bis 1962 (Decca) sind blutrote Karfunkel tödlicher Leidenschaft – und studiotechnisch meist besser als diejenigen der Callas. ("La Rondine" und die Frühwerke "Le Villi" und "Edgar" fehlen, während "Trittico" und "Fanciulla" vertreten sind.) Für weniger als 25 Euro unschlagbar.

5. Das Sammelsurium. Die EMI-Mischung unter dem Titel "The Operas" (17 CDs) bietet eine ultimativ raumsparende Lösung für Fortgeschrittene. Zum Schleuderpreis (um die 30 Euro) finden sich hier die zum Teil besten Aufnahmen der Werke – darunter die wundervolle "Butterfly" mit Victoria de los Angeles (unter Santini), "Turandot" und "Fanciulla" mit Birgit Nilsson sowie Thomas Schippers' legendäre "Bohème" mit der jungen Mirella Freni. Nur: Richtig schön sieht das Produkt leider nicht aus. Und von "Le Villi" gibt's nur Auszüge.

Getrost abraten darf man vom "Puccini-Festival" (DG/Decca; 7 CDs) trotz des Ramsch-Preises von etwa 20 Euro. Hier handelt es sich – leicht übersehbar – nur um Querschnitte. Dabei ist Einsteigern durchaus nicht unbedingt das gesamte Pensum eines solchen "Alles muss raus"-Aktionsjahres zu empfehlen. Wer einzelne Meisterwerke sucht, die in den Schnäppchen-Boxen nicht enthalten sind, wähle Karajans grandios tosende "Tosca" mit der großartigen Leontyne Price (Decca), Thomas Beechams wundervolle "La Bohème" mit Victoria de los Angeles" (Naxos oder EMI) oder "Turandot" unter Erich Leinsdorf (RCA, mit Birgit Nilsson und einem unübertroffenen Jussi Björling). Im Schnitt teurer, haben diese Einzel-Aufnahmen den Vorteil, dass sie Puccini-Appetit wecken und nicht verderben. Denn gefährliche Kalorienbomben bleiben Puccinis Volltreffer, auch wenn man sie billiger erwirbt.


CD-Boxen "The Complete Puccini Recordings" (mit Maria Callas etc.) (EMI, 15 CDs); Puccini: "The Great Opera Collection" (mit Renata Tebaldi etc.)(Decca, 15 CDs); Puccini: "Complete Operas" (mit Placido Domingo etc.) (Sony BMG, 20 CDs).



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