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Rapperin Juju: Aus Neukölln in die Charts

Foto: Christian H. Hasselbusch

Rapperin Juju "Ich kann alles machen, was ich will"

Als Teil des Rap-Duos SXTN begann ihr Aufstieg, jetzt erobert Juju mit der Ballade "Vermissen" die Charts. Aber harten Straßenrap kann sie immer noch - und wird dafür von den Machos der Hip-Hop-Szene respektiert.

Wie weiblicher deutscher Rap im Sommer 2019 klingt? Wie eine souveräne Ansage an die Hip-Hop-Machos: "Manche denken, ich bin assi, weil ich sauf und kiff / Ich denke mal, ich bin die Beste hier im Augenblick / Und während du wieder monatelang auf mich wichst / Hab ich 20 neue Songs und dein' Traum gefickt", rappt Juju mit rasantem Flow im Song "Intro" ihres Debütalbums "Bling Bling". Aber Juju kann nicht nur harte Verse herunterrattern, sondern auch veritable Pophits schreiben: Mit der Rap-Ballade "Vermissen" und Duettpartner Henning May von AnnenMayKantereit hat die 26-Jährige in den vergangenen Wochen ihren ersten Nummer-eins-Hit als Solokünstlerin verbucht. Das gelang vor ihr nur Sabrina Setlur, damals, 1997, mit "Du liebst mich nicht".

Mehr als 20 Jahre nach dieser Pionierarbeit sind deutschsprachige Rapperinnen so gut im Geschäft wie noch nie. Die Hamburgerin Haiyti sorgte 2018 mit ihrem Debüt für Aufsehen und drehte ihr aktuelles Video in der Ibiza-Villa, in der auch das Strache-Video entstand. Ebenfalls im Cloud-Rap-Genre unterwegs ist die Schweizerin Loredana ("Sonnenbrille"). Und der YouTube-Star Shirin David ("Gib ihm") inszeniert sich als deutsches Pendant zu US-Vorbildern wie Nicki Minaj. Aber keine von ihnen verfügt über so viel Wucht wie Juju.

In ihren Videos gibt sie sich als Straßenrapperin und Partylöwin, kifft, der Alkohol fließt, es wird getanzt, geschwitzt und im aggressiven Stakkato gereimt: "Nein, ich muss mich niemals hochficken, treffe jeden Takt / Vielleicht muss ich mich bald runterficken, weil sonst heb ich ab / Vielleicht muss ich deine Mutter ficken, weil's sonst keiner macht", heißt es in "Live Bitch", der aktuellen Single.

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Ihrer Ahnenfolge im deutschen Rap ist sie sich gewahr, einer ihrer Songs heißt "Freisein" und sampelt den Refrain des Setlur-Hits, der einst Xavier Naidoo ins Rampenlicht rückte. Das Lied ist gleichzeitig ein Schlüsselstück des Albums, denn es erzählt von der schwierigen Zeit, die Jujus Persönlichkeit als Rapperin geformt hat.

"Katastrophal" nennt sie die Umstände, unter denen sie in Neukölln aufwuchs. Wir treffen uns in einem Büro in einem Kreuzberger Innenhof. Juju trägt ihre dunklen Haare offen und ein Sommerkleid. Aber der Animal-Print auf dem Kleid und die orange lackierten Fingernägel deuten optisch auf die harte Street-Persona hin, die sie auf der Bühne geben kann.

Bürgerlich heißt Juju Judith Wessendorf. Ihr Vater war nie da, Ihre Mutter, eine Krankenschwester, schien völlig überfordert damit, die Tochter großzuziehen. Ins Detail gehen möchte Juju nicht. "Ausrasten und Gewalt" habe es gegeben, sagt sie, vor allem, als sie nach der Grundschule schlechter im Unterricht wurde und mit Lehrern aneinandergeriet. "Da kriegt man die erste Klatsche im Leben: Du bist nicht frei im Leben. Du musst zur Schule, du musst einen Job machen oder studieren". Manche, meint Juju, könnten mit diesem Druck gut umgehen, "ich anscheinend nicht. Ich wollte mir nichts sagen lassen."

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Das Gymnasium schmiss sie, mit 16 zog sie zum ersten Mal aus, zu Freunden. Das Jugendamt, an das sie sich vorher gewendet hatte, war keine große Hilfe. Juju drohte auf die schiefe Bahn zu geraten, wie sie es in "Intro" andeutet. "Nicht, dass ich jetzt Gangstersachen gemacht hätte, aber du hast halt keine Perspektive und baust Scheiße, und dann bist du eben in anderen Kreisen unterwegs." Aber es sei nichts "krass Schlimmes" passiert. "Und jetzt bin ich ja davon weg".

Vielleicht war es Jujus Rettung, dass sie früh Menschen fand, die ihre Begabung erkannten. Ein Kumpel nahm mit ihr erste Tracks auf, lobte ihren Flow. In der Gruppe aus Freunden, die auch rappten, war sie die Jüngste und die einzige Frau. "Vielleicht habe ich da dieses Selbstverständnis gelernt, dass es nicht darum geht, ob ich eine Frau oder ein Mann bin, sondern darum, wie ich meine Stimme einsetze und wie ich rappe".

Inspiration kam von Sängerinnen wie Christina Aguilera, aber auch von der deutschen Rapperin Kitty Kat, erzählt sie. Vor allem aber von der zu Beginn der Nullerjahre populären Aggro-Berlin-Posse - und von Eminem: "Bei dem ging es um Probleme, mit denen ich mich identifizieren konnte. Ich dachte, das ist ja mein Seelenverwandter! Der weiß ja genau, was bei uns abgeht. Das war nicht wie bei den anderen Rappern, die nur über Geld und Gangsterscheiße erzählen. Er hat die ganze Zeit über seine Dämonen, seine Mutter gerappt, das war alles voll interessant."

Ein größer werdendes Publikum

Zusammen mit der Sängerin Nura gründete Juju 2014 das Rapduo SXTN, das mit radikalen Tracks wie "Die Fotzen sind wieder da" oder "Ständer" Erfolge feierte. 2018 gingen die beiden getrennte Wege, im Guten, wie Juju betont: "Kein Gossip! Das haben sich viele gewünscht", sagt sie, "aber das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Frauen und Männern im Rap: Wir tragen öffentlich keinen Beef aus." Als Rapperkollege Farid Bang sich jüngst in dreister Mansplaining-Pose anbot, Juju und Ex-Partnerin Nura beim öffentlichen Anzicken zu beraten, ließ Juju ihn auf Instagram nonchalant abblitzen.

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Dennoch weiß sie, dass das Gockelgehabe zum Schauspiel Straßenrap dazugehört. Als eine der wenigen Rapperinnen ist sie respektiertes Mitglied der Szene. Die Debatte über Sexismus und Gewalt im deutschen Hip-Hop-Texten betrachtet sie eher gelassen: "Das gehört dazu, und das macht es ja auch irgendwie interessant. Ich höre mir auch manchmal solche Macho-Songs an, weil ich sie lustig finde."

Übergriffe von männlichen Kollegen habe sie selbst nicht erlebt. Sie glaubt nicht, dass es "ein krasses Gewaltproblem" im deutschen Rap gebe, aber die meisten Protagonisten seien halt Jungs von der Straße. "Ihnen ihren Machismo auszutreiben, würde ohnehin nicht funktionieren." Unterstützen müsse man eher "die kleinen Püppchen", die auf so etwas reinfielen, "denen müsste man mehr Selbstbewusstsein geben".

Dass es Juju daran nicht mangelt, daran lässt ihr konzentriertes Debütalbum keinen Zweifel. Alle Texte stammen von ihr selbst, zur Seite standen ihr lediglich Produzent Krutsch, der auch schon für SXTN die Beats machte, und ihre beiden Manager. Es zeigt ihre angriffslustige Seite ebenso wie ihre weiche. Beides wirkt erstaunlich echt. So echt, dass nicht nur die männlich dominierte Rapszene Juju feiert, sondern auch ein größer werdendes Publikum.

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"Jetzt gerade habe ich das Gefühl, ich kann alles machen, was ich will", sagt sie, "ich bin zum ersten Mal frei, mein Leben so zu gestalten, wie ich es will." Auch mit ihrer Mutter habe sie sich längst versöhnt, erklärt sie - und antwortet auf die Frage, ob sie glücklich sei: "Ja, nach all der schlechten Zeit bin ich jetzt vielleicht am glücklichsten in meinem Leben. Früher dachte ich immer, ich bin so hilflos, ich kann nichts machen, aber jetzt bin ich stolz auf das, was ich mir selbst erarbeitet habe."

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