Stargeigerin Julia Fischer Tanz den Sarasate

Julia Fischer kann nicht nur auf der Violine fast alles. Wie viel Spaß Perfektion machen kann, zeigt ihre neue CD mit spanischer Musik von Pablo de Sarasate. Nie klang schmachtende Salonmusik aufregender.

Decca/ Felix Broede

Im Ernst, Sarasate? Diese Geigen-Kunststücke voller Klang-Schmelz und Melodienseligkeit mag der Violinvirtuose noch beim Live-Konzert als Zugabe spielen, aber doch nicht zum abendfüllenden Event aufbrezeln. Ein ganzes Album davon, noch dazu mit feingezeichneter Kammermusik-Geste in Gestalt von hochwertiger Pianobegleitung verströmt eher Crossover-Anmutung denn ernst zu nehmende Violin-Kunst.

Genau diese Argumente gingen der Virtuosin Julia Fischer durch den Kopf und schwer auf den Geist, wie sie selbst mit dezentem Witz im Begleittext zu ihrem neuen Album formuliert. Und gerade der fröhliche Ernst in den Worten unterstreicht noch einmal den Spaß, den ihr so blitzende Kabinettstücke wie die bekannten "Zigeunerweisen" aus Sarasates op. 20 offenbar bereiteten.

Es hilft, wenn man eine klassisch-historische Interpretation dieses rasenden Schmachtfetzens in Erinnerung hat, etwa die Aufnahme von Jascha Heifetz, die zu Beginn der fünfziger Jahre zusammen mit dem RCA-Orchester unter William Steinberg entstanden. Heifetz, den viele für den besten Geiger des 20. Jahrhunderts halten, kachelt los, als gäbe es kein Morgen, und sein rasendes Finale mit dem Pizzicato-Feuerwerk beschert wonnevolle Gänsehaut. Bestes Showbusiness, man hört förmlich, wie Heifetz beim Spielen grinst. Dieses Grinsen verkneift sich Julia Fischer - was aber die Lust am Virtuosentum keineswegs tötet.

Die Werke des spanischen Komponisten und Geigenstars Pablo de Sarasate (1844-1908) feiern die technischen Möglichkeiten seines Instrumentes. Für ihn komponierten auch prominente Zeitgenossen wie Camille Saint-Saens oder Èdourd Lalo. Sein Leben als reisender Violinvirtuose ließ Sarasate dennoch Zeit, ein paar oft folkloristisch gewürzte Zauberstücke zu komponieren, die seither vor allem die Zugabenteile nachfahrender Kolleginnen und Kollegen schmücken. Aber Großmeister wie Itzhak Perlman machten dieser Verkleinerung des sympathischen Sarasate nicht mit und widmeten ihm breiteren Raum im Repertoire.

Ein wenig Würde für den Altmeister

Julia Fischer sieht das ebenso und will Sarasate - wie seinerzeit bei Popsänger Ritchie Valens formuliert - "una poca de gracia", ein wenig Würde, zurückgeben. Natürlich kann man die wirbelnden Zirkusnummern des Spaniers nicht wirklich mit Bach, Beethoven oder Brahms vergleichen, aber ihr Charme packt auch unvorbereitete Zuhörer direkt über die Melodieschiene.

Crossover ohne Popanleihen - Julia Fischer möchte gern Botschafterdienste leisten und dabei tunlichst auf Anbiederei verzichten, schließlich ist sie nebenbei auch Musikpädagogin. Daher gibt es bei den "Zigeunerweisen" (Aires gitanos) auch kein brausendes Orchester, wie es Jascha Haifetz natürlich hinter sich hatte, sondern das munter-differenzierende Klavier von Mylena Chernyavaska. Alfred Brendel gehört zu den Bewunderern der Deutsch-Ukrainerin, eine einfühlsame Partnerin für Julia Fischer auf diesem vermeintlich schlichten Terrain.

Diese Konstellation bietet außer dem minimalistischen Klangraum für Julia Fischer auch die Gelegenheit, Sarasates Kompositionen - gerade die aberwitzigen Parts voller Schwierigkeiten - ohne die "Schaut her, ich kann's!"-Attitüde zu präsentieren und ihrem Charakter im Kern nachzuspüren. In diesem Sinne gelingt ihr das Ende der "Aires gitanos" gewichtiger als selbst Heifetz: Fischers hohe Töne klingen länger und ätherischer. Ein ideales Finale für dies Programm.

Zuvor hatte Julia Fischer alle Kitsch-Klippen etwa bei den "Spanischen Tänzen" op. 26 souverän umschifft, ohne die hübschen Preziosen überzogen zu interpretieren. Über welch technisches Können sie gebietet, bewies Fischer zuvor bereits mit ihrer Paganini-CD "24 Caprices" (2010). Da erblühen unter ihren Händen auch nicht so bekannte Werke Pablo de Sarasates wie "El canto del ruisenor" op. 29 oder die "Serenata andaluza" op. 28 zu sonnigen Paradestücken aus dem Salon der Geigen-Champions-League. Auf in den Tanz!

"Sarasate" (Julia Fischer/Violine, Mylana Chernyavska/Klavier); CD (Decca) - bei Amazon erhältlich



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
vonwoderwestwindweht 09.03.2014
1. ***
Ich bin froh, dass sich SPON endlich mal mit einer Musikerin befasst, die etwas mehr zu bieten hat, als irgendwas mit "Moskau" in der Biografie und beinharten Tonleiterdrill. Fischer gehört zu denjenigen, die ruhigere, innigere Passagen nicht als leidige Zwangspause oder Übergang zu denjenigen Passagen versteht, bis man wieder das große Besteck auspacken kann und die auch nicht jedes Stück von Anfang bis Ende im dreifachen Forte durchbrezelt (Durchbrezeln im fff nennen manche Leute allen Ernstes "Leidenschaft"), weil sie weiß, dass man da Laien und auch fachfremde Journalisten oftmals am meisten mit beeindrucken kann. Sie versucht auch nicht, mit bis zum Steißbein geschlitzten Kleidern und aufgespritzten Lippen und ähnlichen derzeit populären Sperenzchen mit Pop-Stars zu konkurrieren und weiß auch, dass deutsche Romantik viel mit Lyrik und nicht mit großem Schlachtrossgetöse zu tun hat. Es gibt hierzulande übrigens eine ganze Reihe von junge Musikern, die das drauf haben und genauso gut sind, die aber aus irgendwelchen Gründen so gut wie nie in den Medien auftauchen. Ich glaube inzwischen, dass das politische Gründe hat und es tut mir immer sehr leid für solche jungen, wirklich richtig guten Musiker, die offenbar ganz oft für irgendwelche sonderbaren ideologischen Dinge büßen müssen und konsequent mit Nichtachtung bestraft werden, obwohl sie international absolut anerkannt sind und sowohl was internationale Wettbewerbe betrifft wie auch mit den Musizierpartnern (Orchester usw.) in ganz anderen Ligen spielen als die viele andere Musiker, die in deutschen Medien ständig besprochen werden. Ich glaube zwar nicht, dass Julia Fischer was ihr Selbstwertgefühl betrifft, darauf angewiesen ist, aber etwas Wertschätzung ist ja auch schön.
cefio 09.03.2014
2. Ach ja, diese Stargeigerinnen!
Sie spielen das Standard-Repertoire rauf und runter, finden dann einen weniger bekannten Komponisten ... ein Kritiker ist entzückt, darf im SPIEGEL schreiben. Diese Wundermusikantinnen kommen und gehen und laufen schließlich Riesenslalom. Es gibt im Gegensatz dazu grandiose Künstler/innen mit hörbarer Weiterentwicklung.
Patriot75 09.03.2014
3. Eine Hörprobe...
...wäre mehr als willkommen. =) Wäre es möglich so etwas für uns musikalische Laien in den Artikel einzubetten?
crigs 09.03.2014
4. Hörprope
Auf You Tube kann ich Julia Fischer kennen lernen. Ich bin total enttäuscht. Die Interpretationen sind das Übliche. Aussergewöhnliches kann ich nicht entdecken. Besonders stört mich die Mimik von Julia Fischer, die alles andere als Freude zeigt. Ich bevorzuge Yuja Wang, Hilary Hahn, Umi Garrett, Faye Wong, Varvara Kutuzova uam. Julia Fischer erhält von mir keine Punkte. Sorry. Ferner kann ich das deutsche Klima nicht ausstehen.
Stauss3 09.03.2014
5. "schmachtende Salonmusik"
Na ja, wen´s gefällt. Schreibt sie sich ihre Stücke auch selbst? Wie Johann Strauss Sohn, der Salonmusiker schlechthin. Vielleicht den "Elbewalzer"?
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