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Julia-Kadel-Trio: MPS zu neuem Leben erweckt

Foto: Timo Jäger/ Edel

Wiedereröffnung eines legendären Jazz-Studios Die Schwarzwaldmimik

Vergessen Sie Kuckucksuhr und Kirschtorte: Aus dem Schwarzwald kam lange der beste Jazz der Welt, mit Sound und Seele. Sogar Duke Ellington pilgerte nach Villingen. Nun reanimierte die Pianistin Julia Kadel das sagenhafte MPS-Studio.

Einmal war der große Friedrich Gulda in ihrem Wohnzimmer, erzählt Marlies Brunner-Schwer. Gulda, der Weltpianist, dessen Interpretationen von Bachs "Goldberg-Variationen" oder dem "Wohltemperierten Klavier" noch heute Referenz für viele Pianisten sind.

Brunner-Schwers Ehemann Hans Georg hatte sich kurz zuvor Lautsprecher groß wie Telefonzellen anfertigen lassen, stolz führte er sie seinem Gast vor. Man trank Tee. Sie weiß nicht mehr genau, was er auflegte. Leichte Klassik eher nicht, dann plötzlich hob die dünnwandige Porzellankanne ab und zerbarst binnen Millisekunden in der Luft. Die Druckwellen aus den Boxen hatten das Teil erst zum Fliegen und dann zum Platzen gebracht, der Tee ergoss sich über dem ganzen Glastisch, erinnert sich Frau Brunner-Schwer.

Geburtsort des MPS-Studios: Musikzimmer in der Villa Brunner-Schwer

Geburtsort des MPS-Studios: Musikzimmer in der Villa Brunner-Schwer

Foto: Janko Tietz/SPIEGEL ONLINE

Auch heute noch hört die 93-Jährige mit dieser Musikanlage Aufnahmen, viele sind einst in ihrem Wohnzimmer entstanden. Mitunter hört sie so laut, dass die Kindergärtnerin aus der Kita gegenüber rüberkommt und die Seniorin bittet, die Bässe etwas runterzudrehen, es wummere doch etwas arg.

London, Los Angeles, Detroit, Villingen-Schwenningen

Dieses Wohnzimmer, das kann man so sagen, ist die Keimzelle einer der schillernsten Geschichten, die man aus Musik-Deutschland erzählen kann. Nicht nur Friedrich Gulda hat sich in der schwarzen Sitzlandschaft der Brunner-Schwers niedergelassen, Duke Ellington saß schon da, Oscar Peterson, Bill Evans, George Shearing, Stephane Grappelli, Freddie Hubbard, Baden Powell, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Meist haben sie zuvor am Steinway gegenüber musiziert oder kamen gerade aus dem Studio, das ein paar Schritte vom Haus entfernt in einer alten Nudelfabrik untergebracht war.

Wenn man Musiker heute fragte, wo auf der Welt berühmte Tonstudios stehen, dann kämen als Antworten wahrscheinlich:

  • die Abbey-Road-Studios in London, in denen die Beatles aufnahmen;
  • die Capitol-Studios in Los Angeles, wo Frank Sinatra sang;
  • die Hitsville-Studios in Detroit, der Kreißsaal der meisten Motown-Songs
  • und: die MPS-Studios in Villingen-Schwenningen, wo vor etwas mehr als 50 Jahren das gleichnamige Label gegründet wurde und sich Musiker aus den USA, Europa oder Asien verwirklichen konnten wie an keinem zweiten Ort der Welt.

Mehr als 500 Alben entstanden in den Dachkammern eines Hinterhofgebäudes an der Richthofenstraße, fast alle gelten heute als Raritäten. Für die meisten Musiker, die dort aufnahmen, war die Zeit bei MPS der Höhepunkt ihrer Karriere. Oder der Beginn.

Gerade nahm die 32-jährige Berliner Pianistin Julia Kadel mit ihrem Trio ihr drittes Album an diesem historischen Ort auf. Und erweckte damit eine fast vergessene Institution im schnelllebigen Musikbusiness nach fast 40 Jahren wieder zum Leben. Denn 1982 machten das Studio und das Label dicht.

Kadel ist die erste Musikerin, die im Originalstudio von einst wieder ein Album für MPS einspielte. Alles ist noch da: Die Telefunken-Magnetband-Maschinen, das alte analoge Mischpult im grünlich-abgegriffenen Stahlkorpus mit den Bakelit-Reglern, sogar die Mikrofone über dem Flügel sind noch exakt so angeordnet, wie sie einst Hans Georg Brunner-Schwer justierte.

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Julia-Kadel-Trio: MPS zu neuem Leben erweckt

Foto: Timo Jäger/ Edel

Für Liebhaber steht das Kürzel MPS für "Most Perfect Sound", tatsächlich heißt es ganz banal "Musik Produktion Schwarzwald". Das Logo zeigt ein biederes Piktogramm aus einer zum Tannenbaum verfremdeten halben Note. In Wahrheit aber verkörperte das Label aus der Provinz eine Avantgarde, wie man sie in den flirrenden westdeutschen Städten Hamburg, Berlin oder München nie antraf. Hier entstand die Weltmusik, nach der man in den Metropolen tanzte. Der Mojo-Club in Hamburg wäre ohne MPS nicht denkbar. Das Label ist beim Großstadtpublikum inzwischen ähnlich Kult wie das Tannenzäpfle-Bier, das nur ein paar Kilometer von hier gebraut wird.

"Ich schwimme in Geschichte"

Julia Kadel weiß um diese Vergangenheit. Im Januar vor zwei Jahren waren sie, Bassist Karl-Erik Enkelmann und Schlagzeuger Steffen Roth zum ersten Mal zu Besuch in dem Studio, das seit Jahrzehnten ungenutzt vor sich hindämmerte. "Trotzdem war der Raum nicht leer", sagt Kadel. "Er war reich an künstlerischem Spirit, vergleichbar mit legendären Konzertbühnen, die oft bespielt wurden", sagt Kadel. "Ich setzte mich an den Flügel und merkte wie ich in Geschichte schwimme".

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Die junge Musikerin wurde 2014 mit ihrem Trio von Blue Note Records, dem berühmtesten Jazzlabel der Welt, unter Vertrag genommen, als erste Deutsche nach 60 Jahren. Ein Ritterschlag, eine Adelung, für andere die Erfüllung aller Träume. Doch Kadel verließ Blue Note Records nach zwei Alben - um zum reaktivierten und viel kleineren Label MPS zu wechseln, das heute von Edel Music betreut wird. Warum macht man das? "Das hier ist Authentizität", sagt sie. "Hier kann man nicht Gott spielen und die Aufnahmen hinterher solange bearbeiten, bis sie passen. Das hier ist analog im allerbesten Sinne."

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Jazz: Sound und Style

Foto: Janko Tietz/ SPIEGEL ONLINE

Sie wechselte wohl auch, weil die Magie der Musik von einst bis heute anhält, weil die Atmosphäre der Räume noch immer jede erfasst, die dem Klang ihr Leben verschrieben hat. Sie wechselte, weil sie sich in den Imperial-Bösendorfer verliebte, den größten aller Flügel, der in den Sechzigern extra für Friedrich Gulda angeschafft wurde. Und für den das halbe Treppenhaus eingerissen werden musste, damit er dorthin transportiert werden konnte, wo er heute noch immer steht. "Hier klinge ich so, wie ich immer klingen wollte." Kadel schaut verzückt, sie sitzt im Aufenthaltsraum, der mit seinen braunen Ledercouchs, den roten Designerlampen und den schwarz-weiß Porträts von Musikern vergangener Tage genauso unter Denkmalschutz steht, wie der ganze Rest des Ensembles.

Bombenangriffe mit Glenn Miller im Ohr

Gegründet hat MPS der einstige Inhaber der Schwarzwälder Apparate-Bau Anstalt, besser bekannt unter SABA. Hans Georg Brunner-Schwer lernte im Krieg den Jazz zu lieben, als um ihn herum Nazi-Marschmusik seine Ohren penetrierte. Er hörte die "Feindsender" an und die amerikanischen Bomber ab, die auf dem Weg zu ihren Angriffsflügen nach Nürnberg oder München über die SABA-Fabrik flogen und dabei Glenn Miller im Cockpit lauschten.

"Ich war 1944 in unserer Firma dienstverpflichtet worden, weil Villingen in der Einflugschneise der Flugzeuge lag", erzählte Brunner-Schwer, auch HGBS genannt, einmal. "Anfangs wurden die amerikanischen Piloten mit einem pfeifenden Signal zu ihren Zielen geleitet. Diese ständige Pfeiferei aber machte sie bald so wahnsinnig, dass man dazu überging, statt des Pfeiftons Aufnahmen von Jazzorchestern zu senden." Brunner-Schwer stand unten auf seinem Luftabwehrposten und wurde infiziert, als er bei den Wachdiensten "In the mood", Moonlight Serenade", Sentimental Journey" oder "Pearl of Strings" über die Kopfhörer der eigenen Firma hörte, während oben die Piloten Leuten wie ihm nach dem Leben trachteten. Nach dem Krieg verschrieb er sein Leben dem Jazz.

Als Industrieller mit genügend Geld ausgestattet, lud Brunner-Schwer 1964 den Starpianisten Oscar Peterson in seine Privatvilla auf dem Firmengelände zu einem Hauskonzert ein. Der spielte damals schon in den großen Sälen der Welt, Carnegie Hall, Royal Albert Hall, Philharmonien - und wenn die Gage stimmte eben auch in Wohnzimmern von deutschen Fabrikanten. "Ein spleeniger Freak", dachte Peterson zunächst. Nach einem Konzert in Zürich ließ Brunner-Schwer den Maestro mit seinem Rolls-Royce abholen und in den Schwarzwald für eine Zugabesession kutschieren.

Mit dem Rolls On The Road: Peterson und HGBS

Mit dem Rolls On The Road: Peterson und HGBS

Foto: MPS-Studio

Das Hauskonzert begann weit nach Mitternacht, Brunner-Schwer zeichnete alles auf und spielte es Peterson im Anschluss vor. Der war baff: "So habe ich mich selbst noch nie gehört", sagte er zum Tonmeister. Kein Wunder, saß er doch an der Quelle. Aus seiner Firma holte er sich die besten Bauteile, modifizierte Mikrofone, nahm als einer der ersten weltweit in Stereo auf. "Er war ein Mann, der sich niemals mit etwas zufrieden gab, das er für das Zweitbeste hielt", schrieb Peterson in seiner Biografie. "Er war besessen davon, auf Schallplatte wiederzugeben, was er in seinem Musikzimmer gehört hat. Hans Georgs Ausrüstung war konkurrenzlos."

Schlaraffenland Schwarzwald

Aus dem arrangierten Hauskonzert wurde ein jahrelanges Engagement. Brunner-Schwer nahm nicht nur Peterson unter Vertrag, auch europäische Musiker wie Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Jean-Luc Ponty oder Francy Boland förderte er nach Kräften.

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Für die Amerikaner musste sich Villingen anfühlen wie Schlaraffenland. Die meisten Musiker waren schwarz und wurden wegen ihrer Hautfarbe in den USA diskriminiert. Wenn US-Plattenfirmen Studios für neue Aufnahmen anmieteten, mussten die Musiker aus Kostengründen nach drei, vier Stunden fertig sein. Und meist redeten die Bosse künstlerisch noch rein, damit es ein kommerzieller Erfolg wurde. Ein Jazzer war zu dieser Zeit in Amerika eher Kapital als Künstler.

Im Schwarzwald dagegen wurden sie hofiert, der Enthusiast Brunner-Schwer überließ ihnen das Studio solange sie wollten, hielt sich bei den Kompositionen komplett raus, unternahm mit ihnen ausgedehnte Ausflüge durch den Schwarzwald. Und zum Abschluss eines Tages schmiss der Hausherr eine Party, bei der Marlies Brunner-Schwer die Köstlichkeiten servierte. "Ich verbrachte einige sehr glückliche Ferien bei Hans Georg in Villingen, da er meine große Hingabe zum Jazz teilte", schrieb Peterson.

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Grußbotschaften der Musiker: Thank you

Foto: MPS-Studio

Keiner weiß so recht, wie viel Geld Brunner-Schwer mit MPS verbrannte, verdient hat er mit seiner Leidenschaft jedenfalls nie. "Er war ein Mäzen, der etwas geschaffen hat", sagt Friedhelm Schulz, heutiger MPS-Studiochef. "Es gibt schlimmere Arten, Geld zu vernichten."

Was Julia Kadel jetzt aufgenommen hat, kann Brunner-Schwer nicht mehr hören, 2004 überfuhr ihn ein Auto unweit seines Hauses an einem Zebrastreifen. Aber sie profitiert noch heute von dessen Erfahrung. Die Anordnung des Trios war wie einst bei Peterson, die Drei nahmen ohne Kopfhörer auf, nach einem Take steckte der Tonmeister eine kleine gelbe Markierung ins Band, um Anfang und Ende eines Titels wiederzufinden. "Das war erprobt, wir setzten uns ins gemachte Nest". Die Bänder werden noch abgemischt und danach direkt auf Vinyl und CD gepresst.

Zum Schluss spielte sie "mit letzten Kräften" ein Solostück ein, das Kadel eigens für den MPS-Flügel komponiert hatte. Nach fünf Tagen im Studio stieg sie in den Zug zurück nach Berlin, sie hatte nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu lachen, nichts mehr zu weinen. "Wir waren einfach nur glücklich, ein Album dort aufgenommen zu haben, wo schon so viele Meisterklasse-Werke entstanden sind."

Auch wenn es am Ende wahrscheinlich keine Teekannen sprengen wird.

Tourdaten des Julia-Kadel-Trios: 12.05.2019 Penzberg, Jazzfestival Penzberg, 01.06.2019 - Hamburg - Elbjazz Festival (KID BE KID FEAT. JULIA KADEL), 29.06.2019 Kaiserslautern, Lange Nacht der Kulturen, 06.09.2019 Berlin, Silent Green, 15.11.2019 Wachenheim, Badehaisel, 17.11.2019 Berlin, Teldex Studios 2nd World Improvisional Day , 27.01.2020 Hamburg, Laeiszhalle und weitere Auftritte 

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