Zum Tod von Juliette Gréco Die schwarze Fährfrau

Juliette Gréco verkörperte das französische Chanson wie keine andere. Nachruf auf eine Künstlerin, die auch im hohen Alter Anschluss an die junge Musikergeneration fand.
Von Rainer Moritz
Juliette Gréco bei einem Auftritt im Palais des congrés de Paris im Jahr 1979

Juliette Gréco bei einem Auftritt im Palais des congrés de Paris im Jahr 1979

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Pierre Guillaud / dpa

Vielleicht sind es die Hände, an die man zuerst denkt. Feingliedrige Finger, die sich winden, Kreise ziehen, am Körper entlangstreichen und einen Auftritt begleiten, der nichts Spektakuläres braucht, um in Bann zu ziehen. Und natürlich das schwarze Kleid, die schwarze Hose, der schwarze Pullover, die schwarzen Haare - eine Farbe, die, wie sie sagte, Raum für das Imaginäre lasse und zugleich ein Schutz sei.

Das war Juliette Gréco, die jetzt mit 93 gestorben ist: die Verkörperung des französischen Chansons, die zu intellektuell auftrat, um als volkstümliche Sängerin zu gelten, und zu einem Symbol dessen wurde, was die Aufbruchszeit des Nachkriegsfrankreichs ausmachte. 1927 in Montpellier geboren, kam sie als Sechzehnjährige in ein Paris, das ihr wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien. So jung sie damals war, so viel hatte sie bereits durchgemacht.

Der Vater, ein korsischer Polizist, machte sich früh auf und davon; die Ehe der Eltern ging in die Brüche, und die Mutter, die sich der Résistance anschloss und zusammen mit Juliettes Schwester Charlotte ins Konzentrationslager Ravensbrück kam, blieb zeitlebens eine Fremde. Auch Juliette selbst wurde inhaftiert, einer Leibesvisitation unterzogen – eine Erfahrung, die ihr unvergesslich blieb: "Der Ekel und mein Sinn für die Revolte haben hier ihren Ursprung. Mein Blick auf die Menschen hat sich hier für alle Zeiten geändert."

Kaum in Paris angelangt, eroberte sie die Stadt und wurde nach Kriegsende zur Galionsfigur des Neuanfangs. In den Cafés und Bars kam sie mit nahezu allen maßgeblichen Intellektuellen zusammen und blieb dabei eine Zuhörende, die es genoss, zu diesen Zirkeln zu gehören. Rasch wurde ihr das Etikett "Muse der Existenzialisten" aufgeklebt – eine gönnerhafte Zuschreibung von Männerhand, die darüber hinwegsah, dass es vor allem Juliette Gréco war, die das Lebensgefühl, die Rebellion jener Zeit ausstrahlte.

Das Kind von Saint-Germain-des-Prés

Früh wurde sie als Sängerin entdeckt, und da man in Frankreich das Chanson als Literatur betrachtete, rissen sich große Autorinnen und Autoren darum, für sie zu schreiben. So sang sie Texte von Raymond Queneau, Jean-Paul Sartre, Boris Vian, Jacques Prévert, Françoise Sagan oder François Mauriac, mit dem ihre Großeltern freundschaftlich verbunden gewesen waren. Albert-Camus-Texte interpretierte Gréco übrigens nie – obwohl das vielerorts bis heute zu lesen ist.

"Ich betrachte mich weder als Dichterin noch als Autorin", schrieb sie in ihrer zweiten, 2012 erschienenen Autobiografie "So bin ich eben". Sie verstand sich als "Fährfrau", und wenn sie die Worte anderer sang, empfand sie eine größere Freiheit, als wenn sie ihre eigenen vorgetragen hätte.

Juliette Gréco zelebrierte ihre Chansons freilich so – und das machte wohl ihre eigentliche Faszination aus –, als hätten sie unmittelbar mit ihr zu tun. Lieder wie "Si tu t’imagines", "Je suis comme je suis" oder "Je hais les dimanches" wurden zu Klassikern. Bis hin zu dem wunderbar ironisch vorgetragenen "Déshabillez-moi", das 1967 für einen handfesten Skandal sorgte.

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Juliette Gréco: Sängerin und Schauspielerin

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Dass sie in über dreißig Filmen spielte, mit Regisseuren wie Jean Renoir oder John Huston zusammenarbeitete und sich somit ihren ersten Berufswunsch erfüllte, ist heute eher vergessen. Einen ihrer schönsten Auftritte hatte sie in Otto Premingers Romanverfilmung "Bonjour tristesse", wo sie ganz am Ende als sie selbst auftritt und das Titellied singt.

Im kollektiven Bewusstsein blieb Gréco über all die Jahre die elegisch-unnahbare Figur des linken Pariser Seine-Ufers, das Kind von Saint-Germain-des-Prés. Sie selbst wollte indes nicht als "Mumie" weiterleben, sondern "Teil des Lebens" bleiben. Aus den Karrieretälern, die sie durchschritt, tauchte sie immer wieder auf, fand Anschluss an die junge Chansongeneration um Benjamin Biolay und Bénabar.

Auch ihr Privatleben sorgte ständig für Schlagzeilen. Dreimal war sie verheiratet; ihren zweiten Mann Michel Piccoli empfand sie im Nachhinein als "etwas langweilig". Als Revoltierende verstand sie sich ein Leben lang, denn eine "Wildkatze lässt sich", wie sie schrieb, "nicht am Schwanz packen".

Aus dem geliebten Paris, aus dessen Ikonografie sie nicht wegzudenken ist, zog sie sich im Alter zurück. Die Stadt war ihr fremd geworden. Nun starb sie im Alter von 93 Jahren im südfranzösischen Ramatuelle.

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