Jazz-Geschichte Hausbesuch bei Helden und Heldinnen

Ein Konzeptalbum mit Musik und Wortbeiträgen als Hommage an die Pianistin Jutta Hipp, ein Foto-Buch über US-Jazz-Legenden und eine CD-Box mit Aufnahmen des Dave Brubeck Quartets - drei Neuerscheinungen dokumentieren Jazz-Geschichte.

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Das Album beginnt mit einem Interview-Ausschnitt. "Ich war restlos begeistert", schwärmt eine Frau im unverkennbar sächsischen Tonfall. Dann legt sie eine Schallplatte ihres Piano-Idols Horace Silver auf. Die Szene blendet zurück ins Jahr 1986, in dem die damals 61-jährige Jutta Hipp in ihrer bescheidenen New Yorker Wohnung zwei Musikstudentinnen aus Deutschland empfing. Iris Kramer und Ilona Haberkamp besuchten die Pianistin, die nach einer kurzen, glanzvollen Karriere aus der Jazz-Szene verschwunden war und seit Jahrzehnten ihren Lebensunterhalt als Näherin verdiente.

Gesprächsauschnitte aus jener Begegnung bilden das Bindeglied im Konzeptalbum, das Ilona Haberkamp zehn Jahre nach Hipps Tod jetzt herausbringt. Es enthält neben Musik auch Gedichte von Jutta Hipp. Denn die vielseitige Künstlerin schrieb Verse über Charlie Parker und Thelonius Monk; sie zeichnete ihre berühmten Kollegen Lester Young und Horace Silver. Zu sehen und nachzulesen ist das im Booklet zur CD, das auch über Hipps Leben informiert.

Absturz auf dem Höhepunkt der Karriere

Die Leipzigerin, Jahrgang 1925, hörte in der Nazi-Zeit in verbotenen "Feindsendern" Jazz. Nach dem Krieg stieg Hipp zur zeitweise wohl wichtigsten Jazzmusikerin Europas auf. 1956 ging sie ins Jazz-Mekka New York, brachte drei Schallplatten beim Spitzenlabel "Blue Note" heraus. Doch das deutsche "Fräulein" war dem Konkurrenzkampf in Amerika nicht gewachsen. Es gab Streit mit Managern, Beziehungen zerbrachen. Jutta Hipp begann exzessiv zu trinken - und fand schließlich ihren Frieden als Näherin in einer Fabrik in Brooklyn. Sie ist nie wieder nach Deutschland gekommen.

Das Erinnerungs-Album an die tragische Heldin trägt den Titel "Cool is Hipp is Cool", denn Jutta Hipp gilt als Vertreterin des Cool Jazz. Saxophonistin Haberkamp und ihr Quartet haben Kompositionen von Jutta Hipp arrangiert und Texte der Pianistin vertont, die von der Sängerin Silvia Droste interpretiert werden. Mit dem Flügelhornisten Ack van Rooyen als Gast bietet das Quartet wunderbar einfühlsamen Cool Jazz.

"Ich werde spielen, so lange ich lebe"

Jazz in Bildern - das heißt Fotos von seinen Interpreten - gibt es in Überfülle. Doch der Bildband "American Jazz Heroes - Besuche bei 50 Jazz-Legenden" ist trotzdem spannend. Denn Autor Arne Reimer traf seine Protagonisten meist zu Hause. Es sind Musiker dabei, die als Side Man bei Duke Ellington und Miles Davis Jazzgeschichte schrieben: Namen wie Clark Terry und Ron Carter kennen Fans in aller Welt. Bis auf den leicht verwahrlost wirkenden Free-Jazz-Pionier Cecil Taylor - "ich habe schon ein paar Wochen nicht mehr nach meiner Post geschaut" - leben die meisten Musiker am Ende ihrer Karriere in bescheidenem Wohlstand. Benny Golson, Jahrgang 1929, der Saxophonist und Komponist von Jazz-Standards wie "Killer Joe", erzählt, dass er als Junge in Philadelphia "oft Schuhe mit Löchern trug" und sich beibrachte, "wie ich bei Regen gehen musste, um keine nassen Füße zu bekommen". Später gastierte Golson besonders gern in Deutschland - denn da studierte seine Tochter Germanistik.

Sozialer Aufstieg statt Suff und Drogen. Im Vorwort des Bandes lobt Roger Willemsen, dass der Fotograf und Autor Reimer Jazzmusiker jenseits der Klischees zeige: "in Farbe, weitgehend rauchfrei, situativ, lakonisch, außerhalb seines Spiels, innerhalb seiner Mauern, umgeben vom eigenen Lebensraum". Ein Satz der Veteranen, den Reimers in verschieden Variationen immer wieder hörte, war: "Ich werde spielen, so lange ich lebe."

Bis ins hohe Alter gespielt hat der am 5. Dezember 2012 mit 91 Jahren verstorbene Dave Brubeck. Der Pianist und Komponist trug wie kein anderer dazu bei, den Jazz "salonfähig" zu machen. Brubeck trat lieber in Colleges auf als in Nachtclubs. Seine von klassischer Ausbildung geprägte Spielweise faszinierte auch das Konzert-Publikum. Wenn man davon ausgeht, dass Louis Armstrong 1949 als "Entertainer" auf der Titelseite des Magazins "Time" abgebildet war, so schaffte das Brubeck (1954) als erster Jazzmusiker. Im Quartett mit dem Altsaxophonisten Paul Desmond spielte Brubeck den Hit "Take Five" ein. Aufnahmen dieser Erfolgsformation aus den Jahren 1955 bis 1966 hat jetzt das Label Sony neu herausgebracht. Es sind 19 Langspielplatten als 19 CDs - Nachbildungen der LP-Hüllen mit allen Abbildungen und Texten. Dazu kommt ein Booklet. Der Ohrwurm "Take Five" ist als dritter Titel auf dem sechsten Album zu hören.


CD:
Ilona Haberkamp Quartet feat. Ack van Rooyen: Cool is Hipp is Cool - A Tribute to Jutta Hipp. Laika Records; 15,99 Euro. Erscheint am 14.6.

Bildband:
Arne Reimer: American Jazz Heroes - Besuche bei 50 Jazz-Legenden. Herausgegeben von JazzThing, 228 Seiten mit über 180 Farbfotos; 49 Euro.

CD:
The Dave Brubeck Quartet: The Columbia Studio Albums Collection 1955 - 1966. 19-CD-Box-Set, Limited Edition. Sony Music; 57,99 Euro.



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socrateased 08.06.2013
1. Jutta Hipp - sehr hörenswert
Zitat von sysopAPEin Konzeptalbum mit Musik und Wortbeiträgen als Hommage an die Pianistin Jutta Hipp, ein Foto-Buch über US-Jazz-Legenden und eine CD-Box mit Aufnahmen des Dave Brubeck Quartets - drei Neuerscheinungen dokumentieren Jazz-Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/musik/jutta-hipp-bildband-american-jazz-heroes-dave-brubeck-a-904184.html
Zunächst konnte ich mich mit ihrem Ton und der teilweisen Dominanz ihres timing-Konzepts im Trio mit Peter Ind und Ed Thigpen (At the Hickory House) nicht so recht anfreunden, ich empfand ihr Spiel so "schwergängig", ein stets etwas übergewichteter Ton, eher träge Tempi, supergerade gespielt. Mittlerweile denke ich völlig anders. Jutta Hipp hatte so was wie "absolute Time", die "darf" sozusagen alles. Sofern jemand unter den Foristen sich für die Tiefen und Untiefen im Jazz wirklich interessiert: es geht beim improvisierten Phrasieren im Jazz fast immer um die richtigen Verhältnisse der zeitlich aufeinander bezogenen Gravitationszentren innerhalb einer improvisierten Linie, und man muß höllisch aufpassen, die Balance zu den harmonikalischen Gewichtungen nicht zu verletzen. Im Trio "löst" man das entweder durch mehr Zurückhaltung, mehr Arrangement und mehr Arbeitsteiligkeit, oder man macht es so superscharf, unmißverständlich und direkt wie Jutta Hipp. Unglaublich, wie die Dame gespielt hat, man kann einfach die innere Stärke ihres Spiels nach dem ersten Take, den man jemals von ihr gehört hat, nicht mehr vergessen. So stark klingt - zumindest für mich - Jutta Hipps musikalische Persönlichkeit nach. Ich wünschte, Jutta Hipps Leben wäre weniger schmerzhaft für sie verlaufen, denn: was für ein Gewinn - und gleichzeitig - was für ein Verlust für den Jazz.
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