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K-Pop in Frankfurt: Optimierte Schönheit

Foto: Je Sang Hoon/ MBC

K-Pop in Frankfurt Ein Musikklon für das Smartphone

Einst waren sie Aufbauhelfer, jetzt bringen die Südkoreaner ihre Popmusik nach Deutschland: In Frankfurt wurde die 50-jährige Verbindung beider Länder gefeiert. Klingt nach langweiligem Festakt, war aber auch zum Kreischen gut.

Ein kleines bisschen Pop-Wahnsinn gibt es dann doch noch. Als die koreanische Boyband 2PM die Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle betritt, rennen Hunderte von Mädchen nach vorne, jubeln und kreischen und halten ihre Mobiltelefone in die Höhe. 2PM sind sechs knopfäugige Jungs, die Klamotten tragen, die aussehen, als seien sie aus der Zukunft importiert. In Asien sind sie eine große Nummer und füllen riesige Hallen mit ihrem futuristischen Dance-Pop und ihren Tanzchoreografien. In Europa noch nicht so richtig, sie sind auch zum ersten Mal da.

Das koreanische Fernsehen hat sie eingeflogen, für eine große Revue, die in Frankfurt aufgezeichnet werden soll, es geht um den 50. Geburtstag des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und Südkorea, im Dezember 1963 kamen die ersten südkoreanischen Arbeiter nach Deutschland, Bergleute für die Gruben im Ruhrgebiet. Das soll mit dem gefeiert werden, worauf man heute in Südkorea noch stolzer ist als auf die erfolgreiche Autoindustrie und die Mobiltelefon-Konzerne: K-Pop.

Eigentlich ist ja Nordkorea das Land, das die Phantasien des Westens auf sich zieht, dieser irre Steinzeitkommunistenstaat mit seinen leeren Drohungen und gefüllten Waffenlagern, den aus der Zeit gefallenen Massenaufmärschen und Kim Jong Un, dem Riesenbaby-Diktatoren an der Staatsspitze.

Vor 50 Jahren Menschen exportiert, heute Musik

Darüber vergisst man leicht, wie faszinierend eigentlich der Aufstieg Südkoreas ist. Nicht nur, weil hier innerhalb von drei Generationen eines der ärmsten Länder der Welt zu einer der führenden Industrienationen geworden ist. Vier Millionen Menschen kamen im Korea-Krieg Anfang der Fünfzigerjahre ums Leben, und kaum ein Stein blieb auf dem anderen - und heute bespielen Konzerne wie Hyundai, LG und Samsung nicht nur den Alltag der westlichen Welt. Südkorea, eingeklemmt zwischen dem bedrohlichen Norden, Russland, China und Japan, immer von der Angst ums Überleben geplagt, hat vor allem eine der erfolgreichsten Kulturindustrien der Welt aufgebaut.

Den Anfang machten die Fernsehserien, die überall in Asien laufen. Vor allem ist es aber K-Pop, die koreanische Popmusik.

Das ist auch die Message dieses Abends. Vor 50 Jahren haben wir noch Menschen exportiert. Jetzt sind es Popstars. Wir sind ein wohlhabendes Land geworden - und geben denen, die dabei geholfen haben, etwas zurück.

Die künstliche Schönheit strahlt eine Zuversicht aus

Viele tausend Koreaner kamen in den Sechzigern und Siebzigern nach Westdeutschland. Rund 8000 Männer als Bergarbeiter und rund 10.000 Frauen als Krankenschwestern. Sie haben nicht nur geholfen, Deutschland aufzubauen, ihre Überweisungen in die Heimat waren auch Stütze des dortigen Wirtschaftswunders. Für sie ist dieser Abend gedacht - und viele sind auch gekommen, mit ihren Kindern und Enkelkindern. An die 2000 Menschen sind in der Frankfurter Jahrhunderthalle.

Es ist eine Revue der Lebenswelten. In jedem Lied der Sängerin Lee Mi-Ja schimmert noch das Heimweh durch, die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Sie war in den Sechzigern ein großer Star, ihre Musik ist noch deutlich traditionell geprägt. Dann kommt Cho Young-Nam, so etwas wie der südkoreanische Udo Jürgens, ein Star in den Siebzigern und Achtzigern, ein sonnenbebrillter Schwerenöter, dessen Musik schon deutliche Einflüsse aus dem amerikanischen Pop aufgenommen hat und von einem Leben erzählt, in dem man sich eingerichtet hat.

Und schließlich 2PM, kreisch.

K-Pop-Stars werden ja genauso professionell hergestellt wie die Smartphones, auf denen ihre Musik läuft. Die Sängerinnen und Sänger werden gecastet, jahrelang ausgebildet, schönheitschirurgisch optimiert und müssen oft nicht nur singen und tanzen lernen, sondern auch die Sprachen der Länder, deren Märkte sie erobern sollen. Sie sind das genaue Gegenteil von Psy, dem wahrscheinlich bekanntesten koreanischen Popstar, der vor zwei Jahren mit seinem Hit "Gangnam Style" die Welt eroberte. Psy war rebellisch und lustig. Die meisten K-Pop-Bands sind schön, perfekt - und ziemlich brav. Was ihnen im asiatischen Raum zum Vorteil gereicht, in der westlichen Welt allerdings im Augenblick nur schwer vermittelbar ist.

Noch das kommerziellste Mainstreamprodukt des Pop im Westen hat ja einen subversiven Kern, trägt rebellische Züge. Das fehlt dem K-Pop fast vollständig, egal ob Boygroup oder Girlgroup. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum es trotz einiger Versuche der großen koreanischen Musikkonzerne, in den USA den Erfolg zu suchen, noch nicht geklappt hat im Westen.

Was allerdings nicht so bleiben muss. Sie mag auch durch den Drill und die Schönheitschirurgie zustande gekommen sein - aber die eigenartige, künstliche Schönheit der sechs Jungs von 2PM strahlte auch eine kulturelle Zuversicht aus, einen Glauben an die eigene Formbarkeit, die dem Pop des Westens irgendwann einmal abhanden gekommen ist.

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