Ukrainische ESC-Teilnehmer »Wir müssen so nützlich wie möglich für unsere Heimat sein«

Für das Kalush Orchestra ist der ESC mehr als nur eine Chance, vor Millionenpublikum aufzutreten. Frontmann Oleh Psiuk über die spezielle Rolle der ukrainischen Band – und darüber, warum er als Rapper Folklore cool findet.
Ein Interview von Felix Bayer
Kalush Orchestra mit Frontmann Oleh Psiuk (M.): »Ich würde es Authentizität nennen«

Kalush Orchestra mit Frontmann Oleh Psiuk (M.): »Ich würde es Authentizität nennen«

Foto: Maxim Fesenko / dpa / UAPBC / ESC

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

In Turin haben am Wochenende die Proben für den Eurovision Song Contest begonnen. Mit dabei ist die Rap-Folk-Band Kalush Orchestra, die in diesem Jahr die Ukraine vertritt. Das Interview mit Frontmann Oleh Psiuk findet per Videocall statt, als die Band noch durch Europa reist und ihren Song »Stefania« vorab präsentiert. Die Band hat das Land mit einer Sondererlaubnis der ukrainischen Regierung verlassen.

SPIEGEL: Oleh Psiuk, wie fühlt es sich an, außer Landes zu sein? Ist es ein Privileg? Eine Erleichterung? Oder wären Sie lieber daheim?

Psiuk: Vor allem fühle ich eine riesige Verantwortung. Wir müssen unser Land repräsentieren, und das in derart schwierigen Zeiten. Deshalb müssen wir so nützlich wie möglich für unsere Heimat sein. Viele Leute haben gewisse Erwartungen und setzen Hoffnungen in uns. Eine riesige Verantwortung!

Zur Person
Foto: Sony Music

Oleh Psiuk kam vor 27 Jahren in der Provinzstadt Kalush in der westukrainischen Region Iwano-Frankiwsk zur Welt. Mit 14 schrieb er einen ersten Rap – über seinen Klassenlehrer. Er studierte in Kyiv Forstwirtschaft. 2019 gründete der Rapper Kalush, zusammen mit dem Multi-Instrumentalisten Ihor Didenchuk und dem Tänzer und DJ Danyil Chernov. Mit Unterstützung der populären Rapperin Alyona Alyona wurde Kalush in der ukrainischen Musikszene schnell bekannt und bekam einen Vertrag bei der polnischen Dependance des legendären Plattenlabels Def Jam Recordings.

2021 gründete man das Nebenprojekt Kalush Orchestra, das Rapgesang mit traditionellen ukrainischen Instrumenten paart. Am 12. Februar 2022 belegte das Kalush Orchestra Platz zwei beim ukrainischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest, wurde aber nach dem Rückzug von Alina Pash zum Wettbewerb nach Turin geschickt. Dort gilt der Song »Stefania« englischen Buchmachern zufolge als Top-Favorit auf den ESC-Sieg.

SPIEGEL: War es denn in den letzten Wochen überhaupt möglich für Sie, sich auf die Musik zu konzentrieren?

Psiuk: Es war auf jeden Fall viel schwieriger. Lange Zeit konnten wir uns nicht mal persönlich treffen. In dieser Zeit mussten wir übers Netz proben. Erst vor Kurzem haben wir uns in Lwiw wiedergetroffen. Und dann mussten wir mit einer gewissen Dringlichkeit proben.

SPIEGEL: Warum waren Sie getrennt voneinander?

Psiuk: Viele Leute in unserem Land tun seit Kriegsbeginn andere Dinge als zuvor. Wir machten Musik, aber dann hat sich unser MC KilimMen an der Territorialverteidigung von Kiew beteiligt. Und ich habe meine eigene Freiwilligenorganisation gegründet, »Ty de?« (»Wo bist du?«), die inzwischen 35 Mitglieder in der ganzen Ukraine hat. Wir helfen bei der Unterbringung und dem Transport von Geflüchteten, mit Medizin und vielen anderen Dingen

SPIEGEL: Als Sie dann wieder vereint in Lwiw aufgetreten sind, haben Sie Geld gesammelt für schusssichere Westen, wird berichtet.

Psiuk: Ja, wir sammeln Geld, bei allen Veranstaltungen, auch bei den Auftritten in Europa. Wir sammeln Geld für die offiziellen Kassen der Ukraine. Der größte Fonds heißt »Help Ukraine «, da geht es um humanitäre Hilfe und medizinische Unterstützung.

SPIEGEL: Wie waren die Reaktionen auf die Auftritte in Amsterdam, Israel oder Madrid?

Psiuk: Ich kann sagen, dass wir vor allen Dingen eine starke Unterstützung spüren. Die Leute heißen uns sehr herzlich willkommen, teilen ihre Emotionen zum Krieg in der Ukraine und fragen, wie sie helfen können. Außerdem merke ich, dass ihnen die Musik und unser Song wirklich gut gefällt. Schon vor dem Krieg waren wir auf Platz fünf in der ESC-Rangliste der Wettbüros, das war meiner Meinung nach ziemlich hoch.

SPIEGEL: Sie müssen eine Achterbahnfahrt der Gefühle hinter sich haben. Erst traten Sie beim ESC-Vorentschied an, scheiterten, dann zog die Siegerin sich wegen einer kontroversen Krimreise zurück und Sie wurden doch noch als Teilnehmer ausgewählt. Dann kam der Krieg.

Psiuk: Na ja, eigentlich ist mein ganzes Leben eine Art Achterbahnfahrt der Gefühle. Aber es stimmt, es war schon ziemlich was los. Was die Eurovision betrifft, hat ja alles ein gutes Ende genommen. Aber der Krieg hat uns leider auf fürchterliche Weise herausgerissen. Man kommt gar nicht recht zu Sinnen, wenn man von Explosionen geweckt wird und nicht weiß, ob Freunde und Bekannte noch am Leben sind. Man ruft an, man schreibt ihnen. Es gibt bei uns jetzt eine Art Sprichwort: »Wenn man jemanden fragt ›Wie geht’s dir?‹, dann bedeutet es dasselbe wie ›Ich liebe dich‹.«

SPIEGEL: Verglichen mit dem Krieg muss der Eurovision Song Contest wie eine sehr kleine Sache wirken.

Psiuk: So wie ich das sehe, ist der ESC immer noch ein sehr wichtiges Ereignis. Viele Leute legen ihre Hoffnung und Erwartungen in uns, vielleicht sogar Leute, die nie Fans von uns oder dem ESC waren. Im Moment ist es sehr wichtig für alle, wie wir unser Land in diesem Jahr darstellen.

»Mein erstes Vorbild, vielleicht sogar mein einziges, war Eminem.«

SPIEGEL: Wie würden Sie die Rolle von Musikern allgemein in Zeiten des Krieges beschreiben?

Psiuk: Wir spielen eine wichtige Rolle, als Influencer, als Stimmen, die den Leuten ihre eigene Interpretation der Lage vermitteln können – und auch Informationen. Musik eignet sich dafür gut, und besonders gilt das für Rap, der ja besonders viel Text hat.

SPIEGEL: Wie steht denn der Rap da in der ukrainischen Musiklandschaft?

Psiuk: In vielen Ländern der Welt ist Rap ja inzwischen das Mainstream-Genre Nummer eins. In der Ukraine ist das bisher noch nicht so. Aber wir sind nah dran, ich würde sagen, Rap ist unter den Top drei. Und es ist meine Mission, das zu ändern. Bisher ist ukrainischer Rap eher im Underground. Er ist sehr cool, aber in der breiten Öffentlichkeit sind momentan nur einige wenige Musiker bekannt.

SPIEGEL: Hatten Sie zu Beginn Ihrer Karriere internationale Vorbilder?

Psiuk: Ja, mein erstes Vorbild, vielleicht sogar mein einziges, war Eminem. Ich habe alle seine Songs gehört und viele Leute sagen, ich hätte einen ähnlichen Flow wie er. Ich respektiere ihn noch immer, er ist ein toller Musiker.

Erster Kalush-Orchestra-Auftritt seit Kriegsbeginn am 2. April in Lwiw

Erster Kalush-Orchestra-Auftritt seit Kriegsbeginn am 2. April in Lwiw

Foto: ALKIS KONSTANTINIDIS / REUTERS

SPIEGEL: Ihr eigener ESC-Song »Stefania« ist zunächst mal eine Ode an Ihre Mutter, er wurde natürlich vor dem russischen Angriff geschrieben. Finden Sie es noch immer den richtigen Song für die gegenwärtige Situation?

Psiuk: Der Song war zunächst meiner Mutter gewidmet, das stimmt. Aber seit Kriegsbeginn haben viele Leute andere Bedeutungen hereingelesen. Manche sagen, dass die Ukraine wie eine Mutter wäre, zum Beispiel. Andere Leute trauern einfach um ihre eigenen Mütter. Das Lied ist jedenfalls viral gegangen und sehr populär in der Ukraine. Wir hoffen, dass es auch in Europa berühmt wird.

SPIEGEL: Ihre Karriere begannen Sie als Rapper, beim Kalush Orchestra jetzt mischen Sie auch Folk-Elemente ein – ist das eine bewusste patriotische Geste?

Psiuk: Ich würde es eher Authentizität nennen. Die Folk-Elemente reflektieren unsere ukrainische Kultur und stellen sie in den Mittelpunkt.

SPIEGEL: Sie haben die Band auch nach ihrer Heimatstadt benannt. Was ist Kalush für eine Stadt?

Psiuk: Inzwischen eine recht populäre, durch uns. Aber früher kannten sie nicht viele, sie hat gerade mal 70.000 Einwohner, eine Provinzstadt in der westukrainischen Region Iwano-Frankowsk. Nichts Besonderes, würde man denken. Aber inzwischen wissen viele von Kalush. Und ich arbeite daran, dass Kalush in Zukunft eine Touristenattraktion wird.

SPIEGEL: Wie wird Ihr ESC-Auftritt aussehen? Bisher weiß die Öffentlichkeit vor allem, dass Sie fast immer einen pinken Anglerhut auf der Bühne tragen.

Psiuk: Das war aber gar nicht als Image geplant. Ich hatte ihn halt im ersten Video, das wir für Kalush gedreht haben, auf – und alle mochten, wie der Hut aussieht. Ich habe ihn auf dem Flohmarkt gekauft, für ein paar Hrywnja. Ich mochte ihn auch, also habe ich ihn auch im zweiten und dann im dritten Video getragen und er wurde zu meinem Erkennungszeichen.

SPIEGEL: Wie viele davon haben Sie?

Psiuk: Von dieser Sorte habe ich vier. Ich habe auch noch ein paar etwas andere. Aber dieser, den ich gerade trage, war der Erste. Ansonsten nehmen alle Kostüme der Kalush-Orchestra-Band unterschiedliche folkloristische Elemente auf, authentische Elemente aus verschiedenen Epochen, Gegenden, die auf sechs Personen miteinander kombiniert wurden.

Kalush Orchestra mit Kostümen

Kalush Orchestra mit Kostümen

Foto: AMIR COHEN / REUTERS

SPIEGEL: Beim ukrainischen Vorentscheid waren auch Teppichmotive auf den Hintergrundbildschirmen zu sehen. Ihr Mitmusiker trägt den Künstlernamen MC KilimMen, »Teppichmann«. Gibt es dazu eine Vorgeschichte?

Psiuk: Teppiche sind tatsächlich etwas sehr Ukrainisches. Vor zehn bis 15 Jahren fand man Teppiche in jeder Hütte, in jedem Haus, in jedem Zimmer, nicht bloß am Boden, auch an der Wand. Heutzutage schämen sich die jungen Leute oft dafür. Sie ziehen lieber falsche Gucci-Sachen an, um cool auszusehen. Aber das ist nicht cool. Wir sollten unser wahres Selbst zeigen.

SPIEGEL: Haben Sie denn schon Pläne für die Zeit nach dem ESC?

Psiuk: Wir wollen ukrainische Musik populär machen, überall auf der Welt. Ich empfinde das als meine Mission. Das heißt, mit dem Wettbewerb hört es nicht auf. Wir haben Pläne – und die sind global ausgerichtet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.