Zum Tod von Karel Gott Der Mann für den gewissen Schmelz

Der Deutschen liebster Tscheche: "Weißt du wohin?" oder "Biene Maja" waren seine größten Hits - Karel Gott war ein Künstler, der sich der Unterhaltung verpflichtet sah. Sein Leben aber erzählte von Weltpolitik.

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Von Jan Feddersen


Nicht ein einziges Mal versuchte Karel Gott, sich irgendwie anzubiedern. Selbst in seinen ersten, künstlerisch allerbesten Jahren blieb er dem Aufbruch der 68er-Bewegung stets fern: Seine Schlager, sein Entertainment waren stubenrein, absolut antiexperimentell - dafür professionell und erfolgsorientiert.

Karel Gotts Idol war mehr Frank Sinatra, als es irgendein Liedermacher je hätte sein können: Schon stimmlich wäre es Verschwendung gewesen - für die, so sein Image, "Goldene Stimme aus Prag".

Am 14. Juli 1939 im von Nazideutschland besetzten böhmischen Pilsen geboren, wollte der junge Karel Gott eigentlich Maler werden, verlegte sich, das gab sein Talent früh her, aber aufs Singen. Erste Schallplatten nahm er auf, nachdem er drei Jahre am Prager Konservatorium Gesang studiert hatte.

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Ein Musikerleben: Karel, Gott des Schlagers

1963 erschien seine erste Single: eine tschechische Version von Henri Mancinis Titelsong aus dem Film "Frühstück bei Tiffany", "Moon River". Karel Gott wurde sozusagen über Nacht in seinem Heimatland bekannt als Mann für den gewissen Schmelz, für ein Timbre, das nicht nach böhmisch-mährischer Knödel-Humtata klang, sondern Internationalität zu atmen schien, über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinausweisend.

Die Tschechoslowakei war damals selbst ein Land im Aufbruch, ein Labor, in dem viele sich vom harten Griff des Sozialismus befreien wollten. Im Sommer 1968 wurde die CSSR von den Panzern des sowjetischen Sozialismus niedergewalzt, drakonisch. Das ist der Hintergrund, vor dem es den Aufstieg Karel Gotts im freien Westen zu verstehen gilt.

1967 vertrat der Sänger sein Land auf der Musikmesse Midem in Cannes und gewann nicht nur die Trophäe des überzeugendsten Performers, sondern auch die Aufmerksamkeit des Münchner Musikmanagers Hans R. Beierlein.

Mit "Weißt du wohin?" (1967, deutsche Fassung des Liedes zum Kinokassenschlager "Dr. Schiwago"), "Lady Carneval" (1969) oder "Einmal um die ganze Welt" (1970) wurde Karel Gott zu einem der Heroen des deutschen Schlagerwesens. Er hatte, in den Augen Beierleins, "genau die richtige Prise Exotik durch seinen tschechischen Akzent, er hatte, wie Udo Jürgens, diese gewisse Ausstrahlung, die Frauen sehr gerne mögen, und er konnte exzellent singen und wirkte auf der Bühne nicht wie ein Amateur. Er war ein Könner."

Erfahrung als Lückenfüller in Las Vegas

Beierlein war es auch, der Karel Gott - für Österreich - beim Grand Prix Eurovision de la Chanson antreten ließ. Sein von Udo Jürgens komponiertes Lied "Tausend Fenster" landete unter "ferner sangen", aber die Präsenz im internationalen Fernsehen erfüllte ihren Zweck: Karel Gott war in vielen Shows in zahlreichen Ländern Europas zu Gast. Erfahrung hatte er schon vor seinem Durchbruch in der Bundesrepublik als Lückenfüller in Las-Vegas-Shows gesammelt.

Karel Gott sagte der "taz" 2006 im Gespräch: "Ich wollte erfolgreich sein. Ich möchte von Frauen bewundert werden. Und es ist doch so: Wenn ich eine gutaussehende Frau erobern will, muss ich ein erfolgreicher Mann sein." Karel Gott - das ist auch ein von aktuellen Genderdiskursen stets unberührtes Leben gewesen.

Dieser Mann, dessen Fanschar zu 90 Prozent aus Frauen jenseits des Teenageralters bestand, war in Prag oder wo er sonst lebte, stets dem weiblichen Geschlecht in Vielfalt zugewandt. Denn, so Gott: "Ich bin Tenor, und Tenor ist die beliebteste Stimmlage des Mannes. Die Frau will den Mann in der Lärchenlage singen hören, weil das die Vorbereitung ist auf mehr."

Er war in allen wichtigen TV-Hochämtern zu Gast, gehörte beinahe zum Inventar bei Peter Frankenfelds "Musik ist Trumpf", Vico Torrianis "Der Goldene Schuss", häufig auch bei den Peter-Alexander-Shows oder Rudi Carrells "Am laufenden Band". Er war in den populärsten Illustrierten "Die Goldene Stimme aus Prag".

Nur dem Publikum verpflichtet

Aber ganz in die Bundesrepublik übersiedeln? Er erwog es nach dem Prager Frühling in der Gewissheit, in seinem Heimatland eine Diktatur mehligster Prägung wiederzufinden. Er verzichtete auf diesen Schritt, "die Heimat bleibt die Heimat, denn auf Tschechisch kann ich mich am besten ausdrücken".

Das hätte ihm die teils ausgewanderte Opposition seiner Heimat nicht übelgenommen. Wohl aber, dass Karel Gott einen parteiergebenen Aufruf gegen die Charta-77-Gruppe unterzeichnete - just, als er in Deutschland mit dem Lied von der "Biene Maja" vom Schnulzier zum Bierzeltsänger wechselte. Ob er dies von Herzen tat oder aus purem Willen, nicht durch politische Dissidenz keine Auftritte mehr zu bekommen? Karel Gott hat sich dazu nie recht erklärt.

Aber als ihm 2009 vom tschechischen Präsidenten Václav Klaus ein Orden für die Verdienste um sein Land verliehen wurde, reagierte Karel Gott auf Kritik an dieser Ehrung wütend: per Stinkefinger in die laufenden Kameras des Senders TV Prima. Die fetten postsozialistischen Vergangenheitsbewältigungsdiskurse waren Karel Gotts Sache aber nie. Gern erklärte er sich zum unpolitischen Künstler, der nur dem Publikum verpflichtet gewesen sei.

Die Zeit war in den letzten Jahrzehnten ohnehin über ihn hinweggegangen. 2000 spielte er den Alphaville-Hit "Forever Young" (als "Für immer jung") smart ein - eine Version, die 2008 die Basis war für einen Hit zusammen mit Bushido. Das Lied ist ein ästhetisches Prinzip Hoffnung - ohne die stolze Weinerlichkeit aller "My Way"-Epigonen.

Karel Gott bekam im Oktober 2015 eine bösartige Krebserkrankung attestiert; später gab er an, sie überstanden zu haben. Noch im Mai dieses Jahres nahm er gemeinsam mit seiner 13-jährigen Tochter ein neues Duett auf. Nun ist der Sänger, der in den deutschen Kinderliedkanon das "Lied der Biene Maja" eingetragen hat, gestorben. Er wurde 80 Jahre alt.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
boeserwu 02.10.2019
1. Mach et jut!
Mir ist hauptsächlich nur die Biene Maja im Gedächtnis geblieben, da dies zu meinen Kindheitserinnerungen gehört. Aber ich habe auch nicht den Sender gewechselt, wenn er sich aus dem Radio meldete. Bis denne...
jayjo77 02.10.2019
2.
Er war ein sehr angenehmer Zeitgenosse auch wenn seine Musik nicht wirklich meinem Geschmack entsprach.Dafür hat er meiner Grossmutter immer sehr viel Freude bereitet. RIP Karel.
Emderfriese 02.10.2019
3. Rock
Fehlt da nicht etwas? Vielleicht irre ich mich ja gewaltig - aber ich meine gelesen zu haben, dass Karel Gott eigentlich dem Rock'n'Roll stark zugeneigt war...
Zett 02.10.2019
4. Freundlich
Hatte als Musiker und Sänger-Kollege aus einer anderen Stilrichtung die Freude mit ihm eine Nachtsendung im Radio zu gestalten. Ein sehr freundlicher, uneitler und interessierter sowie interessanter Mensch.
mantrid 02.10.2019
5. Gott sei Dank
Ein großartiger Sänger, der stets einen eher bescheidenen Eindruck machte. Sich in den Vordergrund zu drängen, hatte er wohl auch nicht nötig, denn er war ein Könner. Künster haben es unter autoritären Regimes schwer. Leisten sie Opposition, verschwinden sie in der Versenkung, arrangieren sie sich, könne sie zwar ihre Kunst ausleben, müsen sich aber später Vorwürfe anhören. Stolz muss man sich auch leisten können. Ich verbinde mit Karel Gott, besser seinen Liedern, viele sehr schöne Erinerungen. Danke!
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